Literarische Korrespondenz:
Dietger Lather an Hermann Arnold
Betrifft:
Warum Latein mehr
als eine Sprache ist.

Herr Arnold schreibt: Wer das Glück hatte, ein humanistisches Gymnasium besucht zu haben und dort in Latein und Griechisch unterrichtet zu werden, weiß um die Bedeutung dieser Sprachen für Kultur und Bildung.

Ein humanistisches Gymnasium besuchte ich. Neun Jahre Latein und sieben Jahre Altgriechisch habe ich erlebt, erlitten und auch geliebt. Was blieb mir für mein Leben? Das Interesse für griechische Mythologie, für Philosophie, für griechische und römische Geschichte.

Wer jedoch glaubt, die vielen Unterrichtsjahre in den alten und toten Sprachen würden dazu qualifizieren Platon, Seneca und andere Philosophen im Original zu lesen, der irrt gewaltig. Gleiches gilt für Homers Ilias und die Odyssee. Dazu benötigt es ein Studium in den alten und toten Sprachen.

Die Bedeutung von Rom und Athen, vom römischen Recht und griechischer Philosophie für unsere Kultur erlernte ich aus Übersetzungen und Büchern in deutscher Sprache. Mommsen, Schwab und Kerényl seien als Autoren genannt. Die antiken Philosophen habe ich als Schüler in der Ethik Arbeitsgemeinschaft am unterrichtsfreien Nachmittag in deutscher Übersetzung gelesen. Es war ein freiwilliger Unterricht, der uns Schülern angeboten wurde.

Welche sprachliche Kompetenz blieb mir nach all den vielen Unterrichtsjahren? Auf Denkmälern, in Kirchen und Tempeln kann ich einige Inschriften im Original lesen und die Jahreszahlen entziffern. Doch scheitere ich oft, weil das Kirchenlatein des Mittelalters sich deutlich vom römischen Latein unterscheidet. Darum ziehe ich mein Handy zu Rate, das mir sogleich die Übersetzung liefert.

Zur Vermittlung von Kultur und Bildung bedarf es nicht Latein und Altgriechisch. In den Fächern Geschichte, Kunst und Ethik wird jeder junge Mensch schneller, tiefgehender und nachhaltiger gebildet werden können.

Wer diese toten Sprachen für ein Studium, den späteren Beruf oder als Hobby braucht, kann es lernen. Als Wahlfach oder an der Universität oder in Abendschulen.

In meinem humanistischen Gymnasium, das 1527 gegründet wurde, sind die Pflichtfächer Latein und Griechisch schon seit Jahren abgeschafft. Angeboten werden sie. Wer will, kann sie wählen.

Apropos Handy: Medienkompetenz ist heute von zentraler Bedeutung für jeden Menschen. Die notwenige Kompetenz muss in der Schule vermittelt werden. KI wird unsere Gesellschaft, unser soziales Miteinander, unser Berufs- wie auch unser Privatleben radikal verändern. Darauf muss Schule vorbereiten.

Nur wenige Stunden Lateinunterricht streichen, ist nicht nur halbherzig, sondern unsinnig. Der Verzicht auf tote Sprachen als Pflichtunterricht ist für manchen schmerzhaft, aber notwendig. Als Wahlfach sollte das Angebot allerdings erhalten bleiben.

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Dietger Lather

Dietger Lather: Geboren 21. Mai 1953 in Marburg. Abitur am Gymnasium Philippi-num, Marburg 1971.Eintritt in die Bundeswehr Juli 1971. Pensionierung Juli 2014. Dietger Lather war Oberst im Generalstabsdienst. Er hat die deutsche und englische Generalsstabsausbildung absolviert. Auf Verwendungen im Bundesministerium der Verteidigung und in NATO Hauptquartieren folgte die Dozentur „Grundsätze Operativer Planungen, Krisenmanagement und Informationsoperationen“ an der Führungsakademie der Bundeswehr. Als Kommandeur des Zentrums Operative Information kommandierte er einen Medienverbund, der die Einsätze der Bundeswehr und der Nato medial begleitete. Er führte die Interkulturelle Einsatzberatung in den Streitkräften ein. Auf dem Balkan und in Afghanistan war er wiederholt eingesetzt. Von 2015 - 2022 unterstützte er Flüchtlinge in Deutschland. Federführend war er 2021 an der Erstellung des „Forderungskatalog Flüchtlingshilfe der Ehrenamtlichen Flüchtlingsinitiativen in der Stadt Marburg und dem Landkreis Marburg-Biedenkopf“ beteiligt. Seit 2022 lebt er in Innsbruck. Neben seiner Schriftstellerei unterstützt er weiterhin Flüchtlinge. Verheiratet in zweiter Ehe mit ass.Prof‘in Dr. Marion Näser-Lather. Aus erster Ehe vier Kinder. Publikationen: - Informations-Operationen – Erfahrungen aus dem Einsatz, in: Carsten Bockstette, Walter Jertz, Siegfried Quandt (Hg.), Strategisches Informations- und Kommunikationsmanagement, Bonn 2006, S. 272 - 289 - Strategische Kommunikation, Studie, 2009, Bundeswehrinterne Studie. - Strategische Kommunikation, in Natascha Zowislo-Grünewald, Jürgen Schulz und Detlef Buch, Den Krieg erklären: Sicherheitspolitik als Problem der Kom-munikation, Frankfurt 2011, S. - Für Deutschland in den Krieg, Sachbuch, Marburg 2015 - Zwei Welten, Roman, Berlin 2024

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Rainer Haselberger

    Danke! Dem stimme ich voll zu.

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