Literarische Korrespondenz:
Christoph Schmarl an Reinhold Knoll.
Betrifft:
Touristen sind nicht nur
komische Figuren.
Sehr geehrter Herr Dr. Knoll,
mit großem Interesse habe ich Ihren Beitrag über den Tourismus in Wien gelesen. Ihre satirischen Beobachtungen sind pointiert formuliert und treffen sicherlich manche problematische Entwicklung des modernen Massentourismus sehr genau. Besonders die Oberflächlichkeit vieler Reisen, die Vermarktung von Kultur und das oft rücksichtslose Verhalten einzelner Besucher sind Phänomene, die man nicht leugnen kann.
Allerdings möchte ich Ihrer Darstellung auch höflich etwas entgegnen.
Bereits mein Großvater, Hermann Schwaighofer (1883–1933), ein angesehener Bürger Innsbrucks, war nicht nur Alpinist, Ballonfahrer und Reiseschriftsteller, sondern auch Bäckermeister und Hausbesitzer in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck. Diese Verbindung von handwerklicher Tätigkeit, bürgerlicher Verankerung und geistiger Beschäftigung prägte seine Sicht auf Gesellschaft und Reisen wesentlich.
Er gehörte zudem als k.u.k. Reserveoffizier zur militärischen Elite seiner Zeit und diente im Ersten Weltkrieg bei den Luftschiffern, wo er die frühen Formen militärischer Luftfahrt kennengelernt hat. Diese Erfahrungen – zwischen Technik, Disziplin und dem Blick aus der Höhe auf Landschaften und Städte – verstärkten seine besondere Sensibilität für Raum, Natur und menschliche Eingriffe in die Umwelt.
Neben seiner Tätigkeit als Alpinist und Reiseschriftsteller trat er in kulturkritischen Texten auch unter dem Pseudonym Hirschberger als kritischer Beobachter des beginnenden Massentourismus und der zunehmenden touristischen Kommerzialisierung hervor. Diese Texte zeigen ihn als einen frühen kultursoziologischen Kommentator der Spannungen zwischen Landschaft, Tradition und moderner Reisekultur.
In seinen Werken wie Die Stubaier- und Ötztaler-Alpen, Führer durch Innsbruck und seine Umgebung oder Führer durch das Sellraintal in Tirol beschrieb er nicht nur Wege und Gipfel, sondern auch die Kultur, Eigenart und Würde der Landschaften und ihrer Bewohner. Schon um 1900 warnte er in seinen Wanderführern vor den Folgen eines ungehemmten Fremdenverkehrs und vor der zunehmenden Kommerzialisierung der Natur. Für ihn sollten die Berge kein bloßer Konsumartikel sein, sondern ein Ort der Ruhe, der Bildung und der persönlichen Begegnung mit Natur und Geschichte.
Er kritisierte früh jene Entwicklung, bei der aus Reisenden bloße Abhak-Touristen werden, die Orte nur noch oberflächlich konsumieren. Seine Haltung war jedoch niemals kulturfeindlich oder pauschal ablehnend gegenüber Reisenden, sondern von der Überzeugung geprägt, dass Reisen Verantwortung, Respekt und Interesse voraussetzt.

Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass es bis heute keineswegs nur jene oberflächlichen Touristen gibt, die Kultur zertrampeln oder bloß konsumieren. Ebenso existiert eine große Zahl interessierter und respektvoller Reisender, die sich intensiv mit Geschichte, Sprache und Kultur ihrer Reiseziele auseinandersetzen. Dazu zählen etwa Studienreisende und akademische Gruppen, etwa Architektur- und Kunstgeschichte-Exkursionen, geographische Feldstudien, Erasmus- und Universitätsaustauschprogramme oder auch individuell reisende Menschen mit vertieftem Bildungsinteresse.
Diese Formen des Reisens zeigen, dass Tourismus nicht zwangsläufig mit Oberflächlichkeit verbunden sein muss, sondern im Gegenteil auch ein Mittel zur Bildung, Vertiefung und kulturellen Verständigung sein kann.
Gerade deshalb sollte man den Tourismus nicht ausschließlich negativ oder satirisch betrachten. Für Tirol und ganz Österreich war der Tourismus auch eine große wirtschaftliche und gesellschaftliche Chance. Aus dem armen Bauernland Tirol entwickelte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts ein wohlhabendes Tourismusland. Der Fremdenverkehr brachte Arbeit, Einkommen und Entwicklung selbst in abgelegene Täler und Bergregionen. Viele Familien verdanken ihm ihren wirtschaftlichen Aufstieg und ihre Existenzgrundlage.
Während früher nur reiche und privilegierte Menschen überhaupt reisen konnten, haben heute sehr viel breitere Bevölkerungsschichten die Möglichkeit, andere Länder, Städte und Kulturen zu erleben. Reisen ist damit demokratisiert worden und nicht mehr ausschließlich einer kleinen Elite vorbehalten.
Darüber hinaus ermöglicht Tourismus kulturelle Begegnungen zwischen Menschen verschiedenster Länder und trägt zur internationalen Offenheit bei. Gleichzeitig lässt sich Massentourismus heute nicht mehr ignorieren, sondern muss aktiv gestaltet werden. Konzepte wie Besucherlenkung, Kapazitätsbegrenzungen, die Förderung weniger überlaufener Regionen, nachhaltige Mobilität und eine stärkere Orientierung an Qualität statt Quantität zeigen Wege, wie sich touristische Entwicklung und Lebensqualität in Einklang bringen lassen. Ziel muss sein, Orte nicht zu überlasten, sondern Erfahrungen bewusster, respektvoller und nachhaltiger zu gestalten.
Vielleicht liegt die Wahrheit, wie so oft, nicht in der völligen Ablehnung des Tourismus, sondern in der Frage, wie man ihn verantwortungsvoll gestaltet.
Der Reisende soll die Berge suchen – nicht den Lärm der Menge. (Hermann Schwaighofer, um 1905)
Mit freundlichen Grüßen
Christoph Schmarl
Fotorechte: Universitätsbibliothek Innsbruck
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