Literarische Korrespondenz:
Christoph Schmarl an Reinhard Walcher
Betrifft:
Gegen die Vereinfachung der Geschichte

Sehr geehrter Herr Walcher,

Ihr Beitrag enthält zutreffende Hinweise auf die Verbrechen kommunistischer Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Die Hungersnot während des Großen Sprungs nach vorn in China, die Repressionen unter Stalin in der Sowjetunion sowie die Unterdrückung politischer Freiheiten in verschiedenen kommunistischen Staaten sind historische Tatsachen, die unstrittig sind und klar benannt werden müssen. Darüber besteht in der Geschichtswissenschaft weitgehend Konsens.

Gerade deshalb erscheint es mir wichtig, zwischen historischen Fakten, politischen Deutungen und ideologischen Schlussfolgerungen klar zu unterscheiden. Diese Trennung gelingt in Ihrem Beitrag jedoch nicht durchgehend.

So werden etwa sehr unterschiedliche historische Ereignisse teilweise vermischt oder verkürzt dargestellt. Die große Hungersnot in der Ukraine (Holodomor) fand 1932–1933 statt, während die Hungersnot von 1946/47 ein anderes, historisch getrennt zu betrachtendes Ereignis war. Solche Ungenauigkeiten wirken sich auf die Gesamtbewertung aus.

Auch die Bezugnahme auf Friedrich August von Hayek und seine Kritik an zentraler Planwirtschaft ist grundsätzlich nachvollziehbar. Seine Warnung vor Machtkonzentration durch umfassende wirtschaftliche Steuerung hat in der politischen Theorie großes Gewicht. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass jede Form staatlicher Regulierung oder sozialer Absicherung in autoritäre Systeme führt. Die Entwicklung moderner Demokratien zeigt vielmehr, dass Marktwirtschaft und sozialstaatliche Elemente miteinander vereinbar sein können.

Besonders kritisch sehe ich die Tendenz, sehr unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen pauschal als marxistisch oder als Ausdruck eines einheitlichen ideologischen Projekts zu beschreiben. Wenn Umweltbewegungen, feministische Initiativen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, NGOs oder kulturelle Akteure unter einem solchen Begriff zusammengefasst werden, entsteht ein stark vereinfachtes Bild gesellschaftlicher Realität.

Diese Gruppen unterscheiden sich in ihren Zielen, Methoden und Weltbildern erheblich – eine solche Verallgemeinerung wird ihnen nicht gerecht. Darüber hinaus handelt es sich hierbei weniger um eine historische oder politikwissenschaftliche Analyse als um eine ideologische Sammelkategorie.

Zwischen moderner Sozialdemokratie, liberalem Feminismus, Umweltbewegungen, Bürgerrechtsinitiativen und marxistischen Revolutionstheorien bestehen grundlegende Unterschiede hinsichtlich ihrer Zielsetzungen, ihrer politischen Praxis und ihres Verständnisses von Demokratie. Diese Unterschiede werden durch eine gemeinsame Zuordnung zum Marxismus eher verdeckt als erklärt.

Ähnlich problematisch ist die Schlussfolgerung, aus den Verbrechen kommunistischer Regime lasse sich eine generelle Widerlegung linker oder sozialdemokratischer Politik ableiten. Zwischen marxistischer Theorie, sozialdemokratischer Reformpolitik und totalitären Systemen bestehen grundlegende Unterschiede, die historisch nicht eingeebnet werden sollten.

Umgekehrt gilt ebenso: Wer politische Ideen ausschließlich über ihre extremen historischen Ausprägungen bewertet, läuft Gefahr, die Vielfalt demokratischer Entwicklungen zu übersehen. Viele soziale Errungenschaften moderner Gesellschaften – etwa im Arbeitsrecht, im Sozialstaat oder in der Mitbestimmung – sind Ergebnis sehr unterschiedlicher politischer Traditionen und Aushandlungsprozesse.

Zugleich wäre es ebenso verkürzend, problematische Entwicklungen oder historische Fehlleistungen linker Bewegungen auszublenden. Historische Betrachtung gewinnt an Erkenntnis, wenn sie Vereinfachungen auf allen Seiten vermeidet.

Karl Popper hat diesen Gedanken sinngemäß sehr klar formuliert: Wir können niemals sicher sein, dass wir im Besitz der Wahrheit sind; wir können nur sicher sein, dass wir uns irren können.

Auch die Einordnung des Nationalsozialismus wird in Ihrem Beitrag verkürzt dargestellt. Historisch gilt der Nationalsozialismus als eigenständige Ideologie, die vor allem durch Nationalismus, Rassenideologie, Antisemitismus und das autoritäre Führerprinzip geprägt war. Zwar enthielt das Regime einzelne sozialpolitische und staatlich gelenkte Elemente, entwickelte sich jedoch nicht aus den sozialistischen Traditionen der Arbeiterbewegung und stand dem Marxismus sowie dem demokratischen Sozialismus grundsätzlich feindlich gegenüber. Der Begriff sozialistisch im Parteinamen erlaubt daher keine belastbare ideologische Einordnung.

Dass die von Ihnen genannten Gruppen angeblich das Ziel verfolgten, die westliche Kultur und Zivilisation zu Fall zu bringen, bleibt im Beitrag weitgehend unbelegt. Eine solche Behauptung stellt weniger eine historische Feststellung als vielmehr eine Zuschreibung von Motiven dar. Für eine derart weitreichende Schlussfolgerung wären nachvollziehbare Belege erforderlich. Ohne diese bleibt die Aussage eine politische Interpretation, die einer differenzierten Betrachtung gesellschaftlicher Entwicklungen nicht gerecht wird.

Insgesamt entsteht an mehreren Stellen der Eindruck, dass komplexe gesellschaftliche und historische Entwicklungen stark vereinfacht und in ein einheitliches Deutungsmuster eingeordnet werden. Solche Vereinfachungen erhöhen zwar die argumentative Klarheit, gehen jedoch zulasten der analytischen Genauigkeit.

Abschließend lässt sich sagen, dass der Versuch, komplexe gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen zu vereinheitlichen oder in ein einziges ideologisches Deutungsmuster zu pressen, zu erheblichen Verkürzungen führt. Unterschiedliche politische, gesellschaftliche und kulturelle Strömungen lassen sich nicht sinnvoll unter einem einzigen Sammelbegriff zusammenfassen.

Ihr Beitrag ist aus meiner Sicht als Teil einer politischen Debatte zu verstehen, nicht als differenzierte historische Gesamteinordnung.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts mahnt insgesamt zur Vorsicht gegenüber ideologischer Vereinfachung – unabhängig davon, aus welcher politischen Richtung sie kommt. Isaiah Berlin hat diesen Gedanken prägnant zusammengefasst: Das Wesen der Freiheit besteht darin, nicht von anderen Menschen beherrscht zu werden.

Mit freundlichen Grüßen
Christoph Schmarl

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Christoph Schmarl

Christoph Schmarl, geb. 1957, Volksschullehrer, Hauptschullehrer, Direktor der Praxishauptschule bzw. Praxis-Neuen Mittelschule an der Pädagogischen Hochschule Tirol in Innsbruck, Professor L1 ab 1995, Hochschullehrer für Fachdidaktik mit dem Schwerpunkt Primarstufe an der Pädagogischen Akademie und PHT, Praxisbetreuer und in schulischen Gremien tätig. Christoph Schmarl hat sich vor allem mit Themen wie Schulentwicklung, Schulpraxis, Bildung für Nachhaltigkeit, Schule als Ort der Begegnung, Schülerbeteiligung und Motivation im Unterricht beschäftigt.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. c. h. huber

    danke für diese differenzierte sichtweise, die mir wesentlich klarer erscheint, als jene im artikel reinhard walchers, der manchmal äpfel mit birnen vermischt hat.

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