Literarische Korrespondenz:
Christoph Schmarl an Helmuth Schönauer
Helmuth Schönauer an Christoph Schmarl
Betrifft
Menschlichkeit ist keine Messunschärfe!

Sehr geehrter Herr Schönauer!

Als ehemaliger Lehrer habe ich mein gesamtes Berufsleben auf einem einfachen, für mich unumstößlichen Grundsatz aufgebaut: Jeder Mensch besitzt denselben Wert und dieselbe Würde – unabhängig von Herkunft, Stand, sozialer Stellung oder persönlicher Notlage.

Menschen unterscheiden sich in ihren Startbedingungen, ihren Begabungen und ihren Lebensläufen. Manche haben das Glück, in stabile Verhältnisse hineingeboren zu werden, andere müssen bereits früh mit Armut, familiären Krisen, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder anderen schwierigen Lebensumständen kämpfen. Was sie jedoch niemals verlieren dürfen, ist ihr Anspruch auf Respekt, Menschenwürde und gesellschaftliche Solidarität.

Gerade deshalb hat mich Ihr Beitrag über die Wohnungslosenzahlen in Innsbruck nicht nur irritiert, sondern zutiefst betroffen gemacht. Was Sie dort schreiben, empfinde ich nicht als sachliche oder reflektierte Auseinandersetzung mit einem schwierigen gesellschaftlichen Problem. Vielmehr entsteht der Eindruck eines kalten Zynismus, der menschliches Leid relativiert, Helferinnen und Helfer ins Lächerliche zieht und gesellschaftliche Verantwortung wegzudiskutieren versucht.

Menschlichkeit ist keine Messunschärfe. Und Wohnungslosigkeit ist keine statistische Größe, die man je nach Argumentationsbedarf größer oder kleiner rechnen kann.


1. Verdrehung der Fakten und geschmacklose Vergleiche

Sie versuchen, die Zahl von 1.246 wohnungslosen Erwachsenen kleinzureden, indem Sie den Blick auf jene 175 Menschen richten, die im öffentlichen Raum leben beziehungsweise schlafen. Damit wird allerdings ein wesentlicher Teil der tatsächlichen Situation ausgeblendet.

Die Zahlen stammen aus der 2025 durchgeführten Erhebung European Homelessness Counts, an der Innsbruck erstmals teilgenommen hat. Die Erhebung wurde in Österreich wissenschaftlich von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften begleitet und nach einer europaweit einheitlichen Methodik auf Basis der ETHOS-Light-Typologie durchgeführt.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Am Stichtag wurden in Innsbruck 1.246 wohnungslose Erwachsene sowie zusätzlich 133 Kinder erfasst. Lediglich rund 14 Prozent der erfassten Erwachsenen – also 175 Menschen – lebten im öffentlichen Raum. Die größte Gruppe, mehr als 42 Prozent, kam vorübergehend bei Verwandten oder Freunden unter und gilt nach der europäischen Definition ebenfalls als wohnungslos.

Genau hier liegt der entscheidende Punkt: Wohnungslosigkeit bedeutet nicht ausschließlich, auf der Straße zu schlafen.

Die europäische ETHOS-Typologie unterscheidet unter anderem zwischen Menschen ohne jegliche Unterkunft, Menschen in Not- und Übergangsunterkünften sowie Menschen in unsicheren oder unzureichenden Wohnverhältnissen.

Wer also lediglich jene 175 Menschen betrachtet, die im öffentlichen Raum schlafen, beschreibt nur die sichtbarste und zugleich extremste Form der Wohnungslosigkeit.

Auch die sogenannte verdeckte Wohnungslosigkeit darf dabei nicht übersehen werden. Gerade Frauen sind in den offiziellen Statistiken häufig weniger sichtbar. Sie können aus Sicherheitsgründen eher bei Freunden, Verwandten oder Bekannten unterkommen oder in andere prekäre Wohnsituationen geraten. Forschung und Sozialpraxis weisen ausdrücklich auf diese Unsichtbarkeit hin.

Die österreichische Sozialpolitik selbst geht mittlerweile von einer erheblichen Dunkelziffer bei verdeckter Wohnungslosigkeit aus. Das Sozialministerium verweist ausdrücklich darauf, dass die Datenlage verbessert werden müsse.

Wenn Sie also die Zahl der Menschen in akuter Wohnungsnot auf jene reduzieren, die auf der Straße schlafen, wird das Problem nicht kleiner. Es wird lediglich weniger sichtbar gemacht.

Auch die Ursachen der Wohnungsnot in Innsbruck sind komplex und strukturell bedingt.

Innsbruck ist ein besonders angespannter Wohnungsmarkt. Die Stadt weist eine hohe Nachfrage nach Wohnraum auf. Rund 34.000 Studierende stehen einer Bevölkerung von etwa 132.000 Menschen gegenüber. Allein an der Universität Innsbruck waren im Wintersemester 2025 rund 27.800 Studierende inskribiert.

Hinzu kommen hohe Wohnkosten. Aktuelle Analysen des österreichischen Immobilienmarktes zeigen, dass Innsbruck bei den Angebotsmieten inzwischen zu den teuersten Landeshauptstädten Österreichs zählt; im Frühjahr 2026 lagen die angebotenen Mietwohnungen dort im Durchschnitt sogar über 20 Euro pro Quadratmeter.

Auch der Wohnungsleerstand ist ein reales Thema. Die Stadt Innsbruck erhebt diesen inzwischen systematisch. Zum Jahresbeginn 2025 lag die Leerstandsquote bei 8,4 Prozent, wobei als leer Wohnungen gezählt wurden, bei denen seit mindestens sechs Monaten kein Haupt- oder Nebenwohnsitz gemeldet war.

Damit ist selbstverständlich nicht jede leerstehende Wohnung automatisch sofort für eine wohnungslose Person verfügbar. Aber die Zahlen zeigen, wie komplex die Innsbrucker Wohnraumsituation ist: Es geht nicht nur um die Frage, wie viele Wohnungen existieren, sondern auch darum, welche Wohnungen tatsächlich verfügbar, leistbar und für Menschen in Not zugänglich sind.

Vor diesem Hintergrund ist auch Ihr Vergleich mit dem „Vögel zählen im Frühjahr per App“ besonders geschmacklos.
Eine wissenschaftliche Erhebung über Menschen in existenzieller Wohnungsnot mit einer Vogelzählung gleichzusetzen, wird der Realität dieser Menschen in keiner Weise gerecht. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch. Ein Mensch mit einer eigenen Lebensgeschichte, mit Hoffnungen, Ängsten, Fehlern, Schicksalsschlägen und Zukunftswünschen. Das sind keine statistischen Messobjekte.

Auch Ihre süffisante Spekulation, ob wohnungslose Kinder etwa jene seien, „die vom Jugendamt von zu Hause abgeholt worden sind“, ist keine sachliche Analyse, sondern Polemik. Die aktuelle Erhebung hat ausdrücklich 133 Kinder erfasst, die gemeinsam mit Erwachsenen ohne eigene Wohnung waren.

Diese Kinder verdienen keine Spekulation über ihre familiäre Herkunft. Sie verdienen Schutz, Stabilität und eine sichere Wohnsituation.


2. Diskreditierung der Helferinnen und Helfer

Besonders empörend finde ich Ihre Häme gegenüber jenen Menschen, die in sozialen Einrichtungen arbeiten.
Die Bezeichnung einer „Wellness-Tour der großen Herzen“ oder eines „Marktes für Mitgefühl“ ist ein Schlag ins Gesicht all jener Menschen, die sich tagtäglich beruflich oder ehrenamtlich für Menschen in schwierigen Lebenssituationen einsetzen.

Die Realität in der Wohnungslosenhilfe sieht nämlich ganz anders aus.

Dort arbeiten Menschen unter erheblichem emotionalem und organisatorischem Druck. Sie begleiten Menschen durch Krisen, suchen Wohnmöglichkeiten, organisieren Notunterkünfte, vermitteln zwischen Behörden und Betroffenen und versuchen täglich, jene Lücken zu schließen, die unser gesellschaftliches und politisches System nicht vollständig auffangen kann.

Die Stadt Innsbruck hat bei der aktuellen Erhebung selbst ein breites Netzwerk aus Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, Beratungsstellen, Tageszentren, Notschlafstellen und Straßensozialarbeit einbezogen. Gerade dadurch konnte erstmals ein umfassenderes Bild der Situation entstehen.

Natürlich darf und soll man soziale Einrichtungen, politische Entscheidungen und die Verwendung öffentlicher Gelder kritisieren. Eine demokratische Gesellschaft lebt von Kritik.

Aber wer das Engagement dieser Menschen pauschal als eine Art „Wellness“ oder als Geschäft mit dem Mitgefühl darstellt, diskreditiert Menschen, die häufig unter schwierigsten Bedingungen Verantwortung übernehmen.

Das ist keine konstruktive Sozialkritik. Es ist Geringschätzung gegenüber jenen, die versuchen zu helfen.

3. Wissenschaft und Praxis: Housing First

Auch Ihre Behauptung, mehr Wohnungen würden lediglich „ein neues Prozent vor die Amtstür“ treiben, greift wissenschaftlich zu kurz.

Das Konzept Housing First verfolgt einen grundsätzlich anderen Ansatz: Menschen erhalten zunächst eine eigene Wohnung und einen regulären Mietvertrag. Darauf aufbauend können sie – wenn notwendig und gewünscht – individuelle soziale Unterstützung erhalten.

Das österreichische Sozialministerium setzt inzwischen selbst auf dieses Modell. Das bundesweite Housing-First-Programm sieht vor, dass wohnungslose Menschen direkt in eine eigene Wohnung einziehen und dabei individuell begleitet werden.
Die bisherigen Erfahrungen sind bemerkenswert: Das österreichische Programm „Housing First Österreich – zuhause ankommen“ ermöglichte seit 2021 mehr als 1.800 wohnungslosen Menschen den Zugang zu 945 leistbaren Wohnungen.

Auch die europäische Forschung zeigt eine hohe Wohnstabilität. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss fasst die vorhandene Evidenz dahingehend zusammen, dass die Wohnstabilitätsrate bei Housing-First-Programmen im Allgemeinen über 80 Prozent liegt, auch noch Jahre nach der Unterbringung.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Housing First jedes individuelle Problem löst oder dass jeder Mensch dauerhaft in der ersten Wohnung bleiben kann.

Aber es widerlegt die Vorstellung, die Bereitstellung von Wohnraum sei grundsätzlich wirkungslos.

Im Gegenteil:

Wer keine Wohnung hat, kann sein Leben nur schwer stabilisieren. Ohne sicheren Wohnraum wird die Suche nach Arbeit schwieriger. Behördengänge werden komplizierter. Familiäre Beziehungen werden belastet. Gesundheitliche und soziale Probleme können sich verschärfen. Eine eigene Wohnung ist deshalb nicht zwangsläufig das Ergebnis einer erfolgreichen sozialen Integration. Sie kann deren Voraussetzung sein.

Auch Finnland liefert hierfür wichtige Erfahrungen. Das Land hat über Jahrzehnte eine Politik verfolgt, die leistbaren Wohnraum, soziale Unterstützung und Housing First miteinander verbindet. Die finnischen Zahlen zeigen allerdings auch, dass Wohnungslosigkeit nicht einfach besiegt ist: Nach jahrelangem Rückgang stieg die Zahl der Wohnungslosen 2024 und erneut 2025 wieder an.

Gerade das ist eine wichtige Lehre: Es gibt keine einfache Wunderlösung. Housing First ist ein wirksames Instrument, aber es funktioniert im Zusammenspiel mit ausreichend leistbarem Wohnraum, sozialer Unterstützung und einer langfristig angelegten Wohnungspolitik.

Das ist wesentlich differenzierter als die Behauptung, mehr Wohnungen würden das Problem lediglich weiterverlagern.

4. Polemik, Zynismus und die Verantwortung für Sprache

Satire ist ein legitimes und wichtiges Stilmittel einer freien Gesellschaft. Sie darf provozieren, übertreiben und unbequem sein.

Aber Satire entbindet niemanden von der Verantwortung für die Wirkung der eigenen Sprache.
Wo aus Satire Zynismus wird, wo Menschen in existenzieller Not lächerlich gemacht werden und wo gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausgespielt werden – Einheimische gegen Studierende, Zugewanderte oder andere Gruppen –, wird eine Grenze überschritten.

Eine demokratische Debatte braucht Widerspruch. Sie braucht unterschiedliche Meinungen. Sie braucht auch harte Kritik.

Was sie aber nicht braucht, ist die Entmenschlichung derjenigen, über die gesprochen wird. Sprache kann Missstände sichtbar machen. Sie kann aber ebenso Vorurteile verstärken, Menschen abwerten und gesellschaftliche Gräben vertiefen.

Gerade deshalb ist die Art und Weise, wie wir über Menschen in Not sprechen, keine Nebensache.
Die aktuelle Innsbrucker Erhebung zeigt, dass Wohnungslosigkeit kein Randphänomen ist, das sich auf eine kleine Gruppe von Menschen auf der Straße beschränkt. Sie betrifft unterschiedliche Altersgruppen und Lebenssituationen. Die häufigsten Auslöser waren laut der Erhebung unter anderem finanzielle Schwierigkeiten, der Verlust der Wohnung, familiäre Konflikte und gesundheitliche Probleme.

Wer diese Menschen auf eine Zahl reduziert, verengt die Wirklichkeit. Wer sie lächerlich macht, verschärft sie.
Und wer diejenigen verspottet, die ihnen helfen, macht die gesellschaftliche Situation nicht besser.

Fazit

Pädagogik und menschlicher Anstand lehren uns, dass sich eine starke Gesellschaft auch daran messen lassen muss, wie sie mit jenen umgeht, die gerade nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Ihr Text bietet aus meiner Sicht keine konstruktive Antwort auf die tatsächlichen Ursachen der Wohnungslosigkeit in Innsbruck. Stattdessen bedient er sich einer Rhetorik, die Zahlen relativiert, Menschen in Not auf Statistiken reduziert, engagierte Helferinnen und Helfer diskreditiert und gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielt.

Es braucht keine Wellness-Tour der großen Herzen.
Es braucht Wohnungen.
Es braucht soziale Einrichtungen.
Es braucht politische Verantwortung.

Und es braucht vor allem die Bereitschaft, Menschen in Not nicht als störende Statistik, sondern als Menschen mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Würde und einem berechtigten Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe zu betrachten.

Als ehemaliger Lehrer bin ich davon überzeugt, dass eine Gesellschaft sich an einem Grundsatz orientieren sollte, der für die Frage des gesellschaftlichen Umgangs mit Menschen in Not kaum treffender sein könnte: Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt.

Vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied zwischen einer bloßen Betrachtung von Zahlen und einer Gesellschaft, die hinter diesen Zahlen noch den Menschen erkennt.

Mit freundlichen Grüßen
Christoph Schmarl


Sehr geehrter Herr Schmarl!

Im Falle Ihrer Literarischen Korrespondenz kann ich hoffentlich augenzwinkernd mit einem literarischen Zitat antworten: Statistiken werden in dem Augenblick zu zynischen Listen, sobald Menschen darin vorkommen. Sprich: Der Mensch wird zur Nummer.

Da Sie alle von mir genannten Zahlen bestätigen, liegt es wohl am Genre Essay, der ja eine Form der Literatur ist, wenn Sie mit mir nicht ganz zufrieden sind.

Meine literarisch überhöhte Kernfrage haben Sie freilich nicht angesprochen: Wer hat das Recht, sich in Innsbruck auf eine Liste für Wohnungslosigkeit oder Obdachlosigkeit setzen zu lassen?

In der Aussendung des Obdachlosenvereins ist ja davon die Rede, dass mehr als die Hälfte der auf der Innsbrucker Liste Aufgeführten nicht aus der EU stammt.

In Rücksprache mit einigen Wohnungslosen hat sich herausgestellt, dass es sehr viele Mehrfachmeldungen gibt, viele sind nämlich zur Vorsicht auch an anderen Gemeinden der EU gemeldet, um auf eine Wohnung zu warten.

Da die Zählung diverser Art auch den Datenschutzrichtlinien unterliegt, stellt sich auch die Frage, ob es allen Beteiligten recht ist, auf dieser Liste aufzuscheinen. Denn niemand kriegt schneller eine Wohnung, wenn ihn das Amt als obdachlos punziert.

Meine Kommentierung der Aussendung zweifelt keinesfalls die Not der Betroffenen und die große Hilfsbereitschaft der sozialen Vereine an. Im Gegenteil: Als Kenner der Vereinsszene weiß ich, dass man ununterbrochen Zahlenmaterial auspusten muss, um den Grundsockel an Subventionen zu erreichen und einen Verein am Leben erhalten zu können.

Herzlich Helmuth Schönauer

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Christoph Schmarl

Christoph Schmarl, geb. 1957, Volksschullehrer, Hauptschullehrer, Direktor der Praxishauptschule bzw. Praxis-Neuen Mittelschule an der Pädagogischen Hochschule Tirol in Innsbruck, Professor L1 ab 1995, Hochschullehrer für Fachdidaktik mit dem Schwerpunkt Primarstufe an der Pädagogischen Akademie und PHT, Praxisbetreuer und in schulischen Gremien tätig. Christoph Schmarl hat sich vor allem mit Themen wie Schulentwicklung, Schulpraxis, Bildung für Nachhaltigkeit, Schule als Ort der Begegnung, Schülerbeteiligung und Motivation im Unterricht beschäftigt.

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