Literarische Korrespondenz
Christoph Schmarl an Alois Schöpf
Betrifft:
Man kann nicht alles in einen Topf werfen!
Marx ist nicht gleich Hitler.

Sehr geehrter Herr Schöpf,

ich nehme Ihre Replik zur Kenntnis. Ihre fundamentale Kritik an einer differenzierten Betrachtungsweise offenbart jedoch ein problematisches Verständnis historischer und theoretischer Debatten.

1. Zum Vorwurf des woken Zeitgeistes
Dass Sie wissenschaftliche Differenzierung und das Einordnen von Denkern in ihren historischen Kontext als modisches Einknicken vor einem woken Zeitgeist diffamieren, greift intellektuell zu kurz. Methodische Sorgfalt ist kein Trend, sondern das Fundament jeder seriösen Geisteswissenschaft.

2. Die Analogie der Wirtshausrunde
Sie vergleichen meine Argumentation mit einer behaglichen Stammtischrunde gut situierter Herren. Die Realität ist eine andere: Es ist das pauschalierende Schwarz-Weiß-Denken, das seine Heimat am Stammtisch hat. Eine differenzierte Analyse bricht gerade mit dieser Bequemlichkeit. Wenn ein sachliches Argument bereits das Fundament Ihrer Polemik ins Wanken bringt, lag das Problem nie am Argument, sondern an der Brüchigkeit Ihres Fundaments.

3. Zum Verständnis für Reinhard Walcher
Sie fordern Empathie für die apodiktischen Urteile von Herrn Walcher. Verständnis für die Mechanismen einer zugespitzten Debatte ist durchaus vorhanden – das bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, pauschalen Urteilen inhaltlich recht zu geben. Wer apodiktisch auftritt, lädt zur Richtigstellung ein. Das ist der Kern jeder produktiven intellektuellen Auseinandersetzung.

4. Der kategoriale Fehlschluss (Hitler, Ploetz, Gobineau oder Alfred Rosenberg vs. Marx)
Ihre Frage, ob ich bei Adolf Hitler, Alfred Ploetz, Arthur de Gobineau oder Alfred Rosenberg ebenso Errungenschaften und Verfehlungen abwägen würde, beruht auf einem kategorialen Fehlschluss.

Die von Ihnen genannten Figuren verbindet, dass der Kern Ihres Wirkens genuin auf der systematischen Ungleichwertigleit, Ausgrenzung und Vernichtung von Menschengruppen basierte. Bei einer Gesellschaftsanalyse wie der von Karl Marx verhält es sich fundamental anders: Seine Theorie zielte auf eine universelle Emanzipation des Menschen ab.

Dass seine Schriften im 20. Jahrhundert von totalitären Regimen dogmatisiert und missbraucht wurden, ist unbestritten- unterscheidet sich jedoch fundamental von Ideologien, deren inhärenter Zweck von vornherein die Vernichtung menschlichen Lebens war.

Denker des 19. Jahrhunderts können nicht pauschal für die Verbrechen des 20. Jahrhunderts haftbar gemacht werden. Diese Unterscheidung ist keine Exkulpierung, sondern historische Pflicht.

5. Trennung von Werk und Person
Die Verweise auf das Privatleben von Karl Marx sind für die theoretische Debatte irrelevant. Der analytische Wert einer ökonomischen Theorie bemisst sich an ihrer Substanz, nicht an der Biografie ihres Verfassers.

Eine produktive Debatte lebt vom Austausch stichhaltiger Argumente und der Bereitschaft, historische Phänomene in ihrer Komplexität anzuerkennen. Oder um es mit einem Zitat von Paul Watzlawick zu sagen: Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel!

Mit freundlichen Grüßen
Christoph Schmarl

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Christoph Schmarl

Christoph Schmarl, geb. 1957, Volksschullehrer, Hauptschullehrer, Direktor der Praxishauptschule bzw. Praxis-Neuen Mittelschule an der Pädagogischen Hochschule Tirol in Innsbruck, Professor L1 ab 1995, Hochschullehrer für Fachdidaktik mit dem Schwerpunkt Primarstufe an der Pädagogischen Akademie und PHT, Praxisbetreuer und in schulischen Gremien tätig. Christoph Schmarl hat sich vor allem mit Themen wie Schulentwicklung, Schulpraxis, Bildung für Nachhaltigkeit, Schule als Ort der Begegnung, Schülerbeteiligung und Motivation im Unterricht beschäftigt.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. c. h. huber

    danke erneut für ihre fundierte kritik an einem artikel von alois schöpf!

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