Literarische Korrespondenz:
Bernhard Kathan an Integrationsministerin Claudia Plakolm
Betrifft:
Spielen Sie bitte nicht am Katzenklavier!

Werte Frau Bundesministerin Claudia Plakolm!

Sollten Sie tatsächlich die neue, die junge ÖVP vertreten, dann kann ich nur sagen: Gute Nacht, arme ÖVP. Sie sind in der Regierung für Integrationsfragen zuständig. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass Sie auch nur einmal, sei es aus Interesse oder sei es, dass eine Situation dies erfordert hätte, in der U-Bahn oder auf der Straße mit einem Menschen gesprochen hätten, der irgendeinen Migrationshintergrund hat. 

Sie scheinen sich an Leopold Kunschak, dem wohl übelsten Antisemiten unter den Christlichsozialen zu orientieren, nur dass an die Stelle von Juden Muslime getreten sind. Statt sich mit Konflikten zu beschäftigen, bedienen Sie Ressentiments, die bekanntlich nie irgendwelchen Lösungen dienlich sind und zudem noch die gesellschaftliche Spaltung verstärken.

Ich wohne in einem Stadtteil mit einem sehr hohen Ausländeranteil. In einem Umkreis von etwa drei Gehminuten finden sich folgende Sozialeinrichtungen: ein Jugendzentrum mit manchmal recht schwierigen Jugendlichen, von denen viele einen Migrationshintergrund haben. Eine Notschlafstelle und eine Teestube, vor der sich oft zahlreiche Gestrandete sammeln. Eine Streetworkeinrichtung, eine Flüchtlingsberatungsstelle, eine Kleiderausgabestelle, dann noch ein Wohnprojekt der Caritas. 

Kickl ging noch damit hausieren, dass sich in unserem Stadtteil die gefährlichste Straße Österreichs befände. Jetzt möchte man meinen, dass in so einem Stadtteil eine Partei wie die FPÖ, die das Ausländerthema ständig am Kochen hält, besonders erfolgreich sein müsste. Die letzte Nationalratswahl hat allerdings das Gegenteil deutlich gemacht. In unserem Wahlsprengel haben gerade einmal 16,8 % der Wahlberechtigten die FPÖ gewählt. Das müsste doch zu denken geben.

Natürlich gibt es wie überall diesen oder jenen Konflikt. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man Ressentiments bedient oder ob man sich mit den Konflikten beschäftigt. Macht man Letzteres, dann kann man die erstaunlichsten Erfahrungen machen. 

Ich zum Beispiel unterhalte mich regelmäßig mit Menschen mit Migrationshintergrund und kann nur sagen, dass mich manche Anpassungsleistungen sehr erstaunen. Macht man das wie ich, dann kriegt man vieles mit, wird sich etwa der bürokratischen Schikanen bewusst, denen Asylwerber, Asylberechtigte etc. ausgesetzt sein können, sieht die Verschwendung jenes Potenzials, das manche mitbringen. 

Inzwischen verstehe ich besser, warum manche von ihnen selbst nach Jahren immer noch Burger-Deutsch sprechen. Wer nur in Fast-Food-Lokalen oder bei irgendwelchen Zustelldiensten arbeiten kann, der wird selbst nach Jahren nie über ein solches Deutsch hinauskommen.

Man sollte viel mehr reden, auch zuhören, sich hin und wieder einmischen. Billiger ist es freilich, sich vor das mediale Katzenklavier zu setzen, so wie ein erzkatholischer Vorgänger von Ihnen, der übrigens einen Scherbenhaufen hinterließ; kein Wunder, ließ er doch Katzen vor Schmerz miauen, statt sich den wirklichen Problemen zu stellen. 

Das Katzenklavier findet sich bei Charles de Coster erwähnt, dessen Volksepos Thyl Ulenspiegel den Freiheitswillen der Flamen zur Zeit Philipps II. besingt. Hat der König zuviel Zuckerwerk gegessen, dann ist er schwermütiger als sonst. Bevor er sich in die Arme der Fürstin von Eboli sinken lässt, spielt er auf seinem Klavizimbel, in dem sich Katzen befinden, deren Köpfe über der Tastenreihe aus Löchern ragen. Jedes mal, wenn der König auf eine der Tasten drückt, trifft ein Stachel eine Katze, worauf das Tier vor Schmerz miaut. 

Allerdings soll den König sein Spiel am Klavizimbel nicht erheitert haben, wie auch die Fürstin von Eboli ihn mehr aus Angst denn aus Liebe empfing. Natürlich haben wir es beim Katzenklavier nur mit einem Bild zu tun wie auch anzunehmen ist, dass sich Charles de Costers Einfall Tizians Gemälde Venus, der Orgelspieler und das Hündchen, es gibt davon fünf Versionen, verdankte, zumal manche im Orgelspieler Philipp II. und in der Venus seine Mätresse, die Fürstin von Eboli, erkennen wollten. 

Statt eines Klavizimbels haben wir es mit einer Orgel zu tun. Aus der Orgel ragen zwar keine Katzenköpfe heraus, aber doch ist die Orgel als zentrale Maschinenmetapher des 16. Jahrhunderts zu deuten, als Modell der Manipulation, als Reiz-Reaktions-Automat. Philipp II. war übrigens ein Meister der Täuschung. Während seine Spitzel als seine verlängerten Augen die harmlosesten Ereignisse auszuforschen hatten, ließ er alle, die unmittelbar mit ihm verkehrten, im Ungewissen. Seine Befehle soll er in Halbsätzen erteilt haben, deren Inhalt dann erraten werden musste. Übrigens spielte Tizian in seinem Gemälde auch mit Täuschungen, erweist sich doch die vermeintliche Landschaft bei näherer Betrachtung als Kulisse.

Dieselbe Grundanordnung findet sich in heutigen medialen Katzenklavieren, bedarf es doch nur einiger Fingerbewegungen, um ein unüberhörbares Miauen zu vernehmen, wobei das Miauen als Bestätigung empfunden wird, wie auch niemand mehr auf den Gedanken kommt, dass sich die in Ressentiments freigesetzten oder in solche kanalisierten Energien ganz anderen Ängsten, Konflikten und Kränkungen verdanken als gemeinhin von medialen Katzenklavierspielern oder -spielerinnen angenommen oder behauptet.

Ein Kopftuchverbot? Lachhaft! So ein Verbot wird kein einziges Problem lösen. Auch basieren solche Bestrebungen auf einem Denkfehler. Ein Kopftuch muss nicht, kann aber ein Hinweis sein, dass ein Mädchen in einer sektenmäßigen Struktur aufwächst, in toxischen Strukturen, die der Entwicklung von Kindern höchst abträglich sind. Solche Strukturen finden sich ebenso in anderen Religionsgemeinschaften, auch in christlichen oder jüdischen. Nicht dem Kopftuch, solchen Strukturen müsste unsere Aufmerksamkeit gelten.

Wäre ich Integrationsministerin, dann würde ich auf anderes setzen, mich etwa mit Fußball beschäftigen, ist es doch so, dass sich Kinder im fraglichen Alter vor allem gegenseitig erziehen. Und wenn solches in durchmischten Gruppen geschieht, kann das nur gut sein. Unser Enkel, um nur ein Beispiel zu nennen, besucht ein Gymnasium mit einem sehr hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. Es gefällt ihm und scheint ihm gut zu tun. So lernt er nebenbei, dass die Welt sehr bunt ist. Ein Luxus, freilich vorausgesetzt, dass die Schule über die nötigen Ressourcen verfügt.

Entsorgen Sie ihr mediales Katzenklavier und beschäftigen Sie sich in der freiwerdenden Zeit doch ein wenig mit Entwicklungspsychologie. Investieren Sie die abwehrgebundene Energie (Abwehr von was eigentlich?) in Neugier! Die Welt wird es Ihnen danken, vor allem werden Sie manche Bereicherung erfahren. Machen Sie sich doch nicht zu einer gesellschaftspolitischen Verkehrsreglerin, vor allem nicht auf Kreuzungen, auf denen es keinen Verkehr zu regeln gilt.
Und wie gesagt: Unterhalten Sie sich doch manchmal mit Betroffenen.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich sehe mich nicht als Vertreter einer wie immer gearteten Willkommenskultur und ich finde die Vorstellung No border No nation absurd. Ich habe nicht einmal etwas gegen Abschiebungen, so sie rechtskonform sind. 

Jede Gesellschaft braucht Regulative, und zugegeben, solche können manchmal ungerecht sein. Aber wenn solche Regulative mit Hilfe von Katzenklavieren verhandelt werden, dann dreht sich mir der Magen um.
Mit freundlichen Grüßen
Bernhard Kathan

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Bernhard Kathan

Bernhard Kathan (* 20. Juni 1953 in Fraxern) ist ein österreichischer Schriftsteller und Konzeptkünstler. Bernhard Kathan studierte an der Universität Innsbruck die Fächer Erziehungswissenschaften und Psychologie. Nach dem Studium beschäftigte sich Kathan in diversen Forschungsprojekten mit Fragen der Alltagsforschung. Er gründete das Innsbrucker Institut für Alltagsforschung[1] und war Herausgeber der Schriftenreihe Texte zur qualitativen Sozialforschung. Ende 1980 wandte er sich zunehmend Fragestellungen der historischen Anthropologie zu, beschäftigte sich mit dem sich wandelnden Verständnis des Schmerzes und Todes, mit der Geschichte der Tierliebe[2] und der Tierschutzbewegung oder der Organisation der Wahrnehmung. Seit langem auch als Künstler arbeitend, zog sich Kathan um 1990 aus dem Galerie- und Ausstellungsbetrieb zurück. Ende der 1990er Jahre gründete er das Hidden Museum, das er bis 2018 betrieben hat. Bernhard Kathan lebt in Innsbruck. (Wikipedia)

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Elisabeth

    Danke für diesen Beitrag!
    Wohne auch in diesem Umfeld.

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