Literarische Korrespondenz:
Bernhard Friedle an schoepfblog
Betrifft:
Zur Volksbefragung in Oetz

Vorangegangene Korrespondenz: https://schoepfblog.at/literarische-korrespondenz-bernhard-friedle-an-schoepfblog-angeregt-durch-den-artikel-von-reinhard-kocznar-es-war-einmal-ein-dorf/

Am kommenden Sonntag entscheiden die Bürgerinnen und Bürger von Oetz in einer Volksbefragung über ein großes Hotelprojekt, das oberhalb der Pfarrkirche errichtet werden soll. Geplant ist ein Komplex mit 150 Betten, Flachdach, Glasfassade, einer Reithalle sowie über 40 Pferdeboxen – mitten in einem sensiblen und bislang naturnahen Gebiet.

Die betroffenen Anrainerinnen und Anrainer aus den umliegenden Weilern haben sich mit zahlreichen Unterstützern im Dorf zusammengeschlossen, um eine offizielle Volksbefragung zu initiieren. Ihr Anliegen: eine maßvollere, kleinere Hotelvariante – ohne Reithalle und Pferdestallungen – die sich besser in das bestehende Ortsbild und das sensible Umfeld einfügt.

Demgegenüber steht ein intensiver Werbeauftritt des Investors und Projektbetreibers, der in den letzten Wochen mit erheblichem finanziellem Aufwand – von professionellen PR-Kampagnen über Postwurfsendungen bis hin zu aufwendig produzierten Videos und Social Media Werbung – für das ursprüngliche Projekt geworben hat.

Die Anrainer hingegen setzen auf persönliche Gespräche, Information aus erster Hand und sichtbaren Protest: Auf ihren Grundstücken wurden Transparente angebracht, die auf das Anliegen aufmerksam machen.

Nun liegt es an den Bürgerinnen und Bürgern von Oetz, zu entscheiden:

Will das Dorf ein groß dimensioniertes Hotel mit Reithalle und Pferdeställen – oder eine reduzierte, ortsverträgliche Variante ohne diese Zusatzanlagen?


Ein Hotel ruft.

Ein Hotel ruft. Es ruft nicht um Hilfe, es ruft nach Aufmerksamkeit. Laut ruft es in ein Dorf, in unser Dorf hinein, das sich kaum wehren kann, weil es höflich ist, weil man dort nicht gewohnt ist, zu widersprechen. Es ruft mit Selbstbewusstsein, mit Glasfassade und plattem Dach, mit Reitstall und Spa – es ruft, dass es gekommen ist, um zu bleiben.

Ein Hotel, das sich nicht einfügt, sondern sich ausbreitet. Das nicht fragt, sondern setzt. Aufgestellt wie ein Hochamt des Komforts, die Kirche überragend, ein Schiff, ein Ozeanriese – nicht auf Wasser, sondern auf dem Berg. Als wäre die Natur der Fehler und der Mensch die Korrektur.

Erst fällt der Baum, dann kommt der Bagger. Der Hang wird gebändigt, nivelliert, gezähmt. Der Fels: gesprengt. Der Boden: geglättet. Die Landschaft: versiegelt. Es ist eine Architektur, die nicht fragt, was da ist, sondern befiehlt, was sein soll.

Da steht es dann, das Hotel, unverwüstlich, unverrückbar – ein Muskelspiel aus Beton, das Luxus nicht mehr erklärt, sondern einfach voraussetzt. Es ist gebauter Hochmut, architektonische Lautstärke, ein Machtwort gegen das Gelände.

Und doch – es ginge auch anders.

Es ginge mit Rücksicht. Es ginge mit Maß. Es ginge mit einem Dach, das geneigt ist, nicht nur im Winkel, sondern auch im Denken. Ein Hotel, das den Hang ernst nimmt, das sich in die Landschaft duckt statt sich darüber zu erheben. Ein Baukörper, der nicht dominieren will, sondern dazugehören. Es braucht Mut, etwas Einfaches zu machen. Es braucht Mut zur Bescheidenheit – und einen Blick, der weiter reicht als bis zur Eröffnung. Man könnte sich entscheiden: Für ein Haus mit 25 Grad Dachneigung, für Holz statt Glasfassade, für Natürlichkeit statt Pose. Es wäre immer noch ein Hotel. Vielleicht sogar ein besseres.

Denn was ist ein Reitstall gegen eine erhaltene Landschaft? Einen Weiler, der lebt mit seinen Bewohnern? Was ist ein Fünfsterne-Zertifikat gegen einen Sternenhimmel ohne Lichtverschmutzung?

Die Welt wird nicht schöner geworden sein, wenn dieses Hotel errichtet ist. Unser Dorf wird nicht reicher geworden sein – nur kleiner. Aber es ginge auch anders. Noch!

Bernhard Friedle aus Oetz

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