Literarische Korrespondenz:
Andreas Braun an Helmuth Schönauer
Betrifft:
Die happy happy Beschallung
durch den ORF Tirol
Fast zehn Jahre lang – von 2001 bis 2010 – hatte ich als Tiroler ORF Stiftungsrat die Ehre, bei der traditionellen Weihnachtsfeier des ORF am Rennweg eine Wortspende zu formulieren.
Spontan fiel mir meist Launig-Polemisches ein: etwa, ob es neueste Erkenntnisse der Marktforschung gäbe, welche – in den Kuh-, Schaf- und Ziegenställen des Landes durchgeführt – eine Steigerung der jährlichen Milchleistung nachweisen könnte. Sollte dies angesichts einer wiederum ausgeklügelteren musikalischen Stallmischung der Fall sein, könnte sich der ORF Tirol glücklich schätzen und selbstzufrieden den kulinarischen Herausforderungen der Weihnachtszeit entgegensehen.
Dieser beißenden Kritik an der unsäglichen Happy, happy Beschallung (Copyright Helmuth Schönauer) zum Trotz erwähnte ich stets lobend qualitative Ansätze von Mitarbeitern in den Programmen Hörspiel und Zeitgenössische Musik mit oftmals österreichweiter Hörbarkeit, leider mit einer marginalen Reichweite innerhalb Tirols.
Mein die Nerven der freundlichen ORF Mitarbeiter arg strapazierendes Mantra folgte dem Prinzip der ewigen Wiederkehr des Gleichen: Ihr seid, dem öffentlichen Auftrag und dem öffentlichen Finanzierungsmodus geschuldet, als Controversials dazu berufen, die Intelligenz und den Geschmack der Tiroler Medienkonsumenten nicht beständig zu unterfordern, sondern nach gründlicher Recherche ganz gezielt, mitunter provozierend und polarisierend, zu (über-)fordern. Andernfalls seid Ihr entbehrlich! Durchgehende Gaudi liefern die privaten Kanäle des Entertain- und Infotainments zur Genüge!

Die Unverschämtheit, in den megapeinlichen Annoncen noch dazu auf „journalistische Qualität“ zu rekurrieren, schlägt dem Fass den Boden aus…..von der für unser Land desaströsen Verhaberung von Politik und Medien ganz abgesehen!
Stichwort private Kanäle:
Meiner Wahrnehmung zufolge gibt es in der Tiroler Medienszene eine Zwei-Klassengesellschaft: die manchmal hart unter prekären Rahmenbedingungen arbeitenden Journalisten einerseits und die pragmatisierten ORF Tirol Nicht-Journalisten andererseits.
Dass beide, völlig unterschiedlich privilegierte und entlohnte Klassen im Dorf Tirol voneinander intim Bescheid wissen, liegt auf der Hand. Naturgemäss folgt ein sehr ambivalenter, emotionaler Beziehungsstatus diesem Wissen.
Der Sendebunker am Rennweg, wie Helmuth Schönauer ihn treffend umschreibt, bleibt traditionell hermetisch verschlossen, Fluktuationen passieren nur ausnahmsweise, wenn einige wenige Journalisten aus der freien Szene zu ihrem materiellen Glück im Sendebunker Unterschlupf finden.
Vor diesem kurz skizzierten Hintergrund kann der aktuellen Inseratenkampagne des ORF Tirol in den führenden Printmedien TT und Krone eine bauernschlaue Logik nicht abgesprochen werden. Anstatt sich – kraft öffentlich-rechtlichen Auftrags – redaktionell scharf von den Konkurrenten am Markt der Aufmerksamkeit abzugrenzen, erschleicht man sich mit dem Geld jeden Haushalts Wohlmeinung und glättet präventiv jegliche Kritik, deren Inhalt man ja voraussehen könnte.
Unser aller Geld sollte der ORF Tirol lieber in eine Umfrage unter jungen, aufgeschlossenen Tirolern investieren: meiner persönlichen Marktforschung zufolge entziehen sich nämlich diese jungen Leute der einlullenden Dudelioh Umarmung zur Gänze.
Die Unverschämtheit, in den megapeinlichen Annoncen noch dazu auf journalistische Qualität zu rekurrieren, schlägt dem Fass den Boden aus…..von der für unser Land desaströsen Verhaberung von Politik und Medien ganz abgesehen!
Opportunismus, Einfallslosigkeit und Trägheit feiern somit beim ORF Tirol weiterhin fröhliche Urstände. Meine eingangs erwähnten Appelle zur Weihnachtszeit hätte ich mir ersparen können.
Herzlich
Andreas Braun
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