Literarische Korrespondenz:
Andreas Braun an Alois Schöpf
Betrifft:
Wahl der neuen ORF Führung

Lieber Alois!

In Deinen beiden letzten Analysen unseres Österreichischen Journalismus hast Du des Pudels Kern eines Systems trefflich entlarvt, in welchem profillose Opportunisten aus Feigheit, Faulheit und persönlicher Existenzsicherung nicht im Traum daran denken, ihren vermeintlichen Ordnungsrahmen aus demokratie-/staatspolitischer Perspektive von außen zu denken bzw. fundamental zu hinterfragen.

Die Politik – siehe die gefährlichen Mattle’schen Phrasen – hat sich seit langem in diesem nicht hinterfragten Konstrukt schlau eingenistet und investiert immer höhere Beträge in aufgeblähte Presseabteilungen, deren Mitarbeiter, meist noch unter Zwischenschaltung teurer P.R. Agenturen, sich täglich mit den die KI promptenden oder gegenseitig abschreibenden Journalisten fraternisieren.

Das alles weiß der Herr Mölzer nur allzu gut!

Ob allerdings seine Gesinnungsgemeinschaft an einem Ökosystem von schoepfblogs interessiert ist, das nach einer radikalen Neukonzeption der sogenannten Vierten Gewalt eine Säule demokratiepolitisch wünschenswerten Journalismus sein müsste, darf bezweifelt werden, da bislang von Kickls & Co noch keine substantiellen Szenarien einer die Intelligenz der Staatsbürger nicht unterfordernden Medienzukunft den Weg an die Öffentlichkeit geschafft haben.

Was den ORF betrifft, darf ich aus fast 10-jähriger Erfahrung als widerständiger Stiftungsrat anmerken, dass ein strategischer Richtungswechsel von einer klugen strukturellen Neuordnung abhängen wird. Von England und der Schweiz kann diesbezüglich punktuell gelernt werden. Die generelle Devise lautet: massiv auf den öffentlich-rechtlichen Kernauftrag hin abschlanken, um Mittel für eine qualitative und bunte mediale Infrastruktur als Gegengewicht zur globalen Aufmerksamkeits-Ökonomie freizuschaufeln.

Stichwort von außen denken: Was bislang vom Bewerbungs-Procedere für den ORF Generaldirektor nach außen drang, da schwant mir nichts Gutes. Im Anforderungsprofil überwiegen die braven technokratischen Kriterien: Professionalität im Medien-Business etc..

Um das System radikal zu reformieren, müsste das Schwergewicht auch auf biografische Hintergründe, etwa zivilen Ungehorsam, Verstehen sozialer und politischer Komplexitäten oder Kostproben originell selbst verfasster Beiträge gelegt werden.

Natürlich greife ich mit meinem Anspruch hoch hinaus, vor dem Hintergrund der sensiblen Aufgabe sollte jedoch bereits bei der Ausschreibung die Dimension der Verantwortung eines neuen System-Disruptors breit nach außen getragen werden. 

Dass die österreichische Medien/Politikszene untereinander – wie Du es klarsichtig beschreibst – vielschichtig verhabert ist, dürfte bekannt sein. Daher wäre es ein Gebot der Stunde, den Suchradius für den notwendigen Wunderwuzzi, ob weiblich oder männlich, über den hermetischen Kreis der heimischen Medien-Zampanos hinaus zu erweitern!

Herzliche Grüße Andreas Braun

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Andreas Braun

Dr. Andreas Braun, geb.12.4.1946 in Kitzbühel. Von 1969 bis 1982 als Verwaltungs- und Verfassungsjurist im öffentlichen Dienst tätig. Ab 1982 Leiter der Tirol Werbung; in dieser Funktion setzte Braun eine Reihe innovatorischer Akzente, von der Bildsprache bis zur digitalen touristischen Vernetzung (Gründung der TIS Ges.m.b.H). Anfang 1995 wechselte Braun als Kommunikationsmanager zur Swarovski-Gruppe. Als erste Initiative gelang es ihm, die "Swarovski Kristallwelten" als neues Pilotprojekt einer Verschmelzung von Industrie, Tourismus und Kultur erfolgreich kommerziell und kommunikativ zu positionieren sowie eine neue Unternehmensidentität für einen traditionellen Industriebetrieb zu formen. Die Swarovski Kristallwelten sind das erfolgreichste Modell eines sogenannten „third place“ in Europa und rangieren nach Schönbrunn als eine der bestbesuchten Attraktionen Österreichs. Braun ist bis Ende 2011 Geschäftsführer der d. swarovski tourism services gmbh, die neben den Swarovski Kristallwelten und Swarovski Innsbruck auch Swarovski Wien betreibt. Von Anfang 2012 bis Ende 2015 ist Braun Geschäftsführer der Destination Wattens Regionalentwicklung Gmbh (u.a. Konzeption der „Werkstätte Wattens“). Vielseitige internationale Vortragstätigkeit und essayistische Beiträge zu Kultur, Wirtschaft und Tourismus in diversen Medien.

Schreibe einen Kommentar