Literarische Korrespondenz:
Alois Schöpf an Reinhard Kocznar
Betrifft:
Für Unhöflichkeit gilt keine Ausrede.
Entgegnung
Hallo Reinhard!
Dein Artikel, in dem du aus der Position des offensichtlich sehr erfolgreichen Autors allzu großes Verständnis für das Nichtbeantworten von Bewerbungen bzw. für das Ignorieren von literarischen Werken, die Verlagen oder Bühnen angeboten werden, aufbringst und damit einen aus meiner Sicht inakzeptablen Niedergang eines zivilisierten Umgangs miteinander verteidigst, kann nicht unwidersprochen bleiben.
Für mich ist die sogenannte Höflichkeit einer der obersten Werte, der mir nicht nur von meiner Mutter, einer sehr erfolgreichen Wirtin, vorgelebt wurde, sondern der auch aus philosophischer Sicht im Anderen nicht nur die hohle Puppe eines Erfolgs oder Misserfolgs sieht, sondern ihn in seiner auf das unausweichliche Ende hin orientierten kreatürlichen Existenz ernst nimmt.
Abseits dieser fast schon existenzialistischen Bemerkung darf ich für mich konkret festhalten, dass ich seit über 35 Jahren für die Tiroler Tageszeitung eine wöchentliche Kolumne verfasse und in dieser Zeit fast allen, die zu meinen Artikeln Kommentare abgaben, geantwortet habe. Es waren tausende Mails. Ebenso habe ich als künstlerischer Leiter der Innsbrucker Promenadenkonzerte in der jeweils intensiven Vorbereitungsphase am Tag bis zu 60 Mails beantworten müssen, wozu mir ein Diktiergerät, das den Text unmittelbar auf den Bildschirm überträgt, eine große Hilfe war. Auch das war viel Arbeit, jedoch ebenso unverzichtbar.
Vor diesem Hintergrund kann ich die Feststellung eines Michael Caine, aus dessen Buch du zitierst und der offenbar Gesellschaften meidet, in der weniger Erfolgreiche, als er es ist, verkehren, um nicht auf einen Job hin angesprochen zu werden, nur zutiefst niederträchtig finden. Offenbar hat der Herr vergessen, dass er selbst einmal in der Situation war, klein angefangen und sich um einen Einstieg in die Filmbranche bemüht zu haben. Caine scheint somit genau zu jenen Typen zu gehören, die vergesslich im Hinblick auf ihre eigene Karriere und in Folge bar jeglicher Empathie und Solidarität in ihren läppischen Businessanzügen als simple Angestellte, die sich mit dem Namen Manager schmücken, alles um sich herum niedertrampeln und dabei das Image eines Wirtschaftssystems ruinieren, von dem wir alle gut leben, obgleich wir es zugleich unter dem Kampfbegriff Kapitalismus verachten, oft aufgrund solchen Manager-Verhaltens sogar verachten müssen.
Ich stimme mit dir überein, wenn du feststellst, dass man an Verlage, die offen auf ihrer Homepage vor ihrer Unhöflichkeit warnen, indem sie feststellen, dass eine Nichtantwort als Ablehnung zu werten ist, keine Manuskripte schicken sollte. Man sollte es aber auch deshalb nicht tun, weil solche Verlage damit das Wesen der verlegerischen Tätigkeit, die leidenschaftliche Wissbegier nach neuen Erkenntnissen, vergessen zu haben scheinen und sich damit auf die gleiche Stufe mit durchaus honorigen Firmen stellen, die Fertigpizzas für das Kühlfach anbieten.
Da ich mir einbilde, seit 50 Jahren, offensichtlich im Gegensatz zu deinen internationalen Erfahrungen, zumindest im provinziellen Mediengeschäft Bescheid zu wissen, bestreite ich schlicht und einfach die Behauptung sämtlicher Verleger, aber auch sämtlicher Theaterdramaturgen, dass die Manuskripte, die sie erreichen, so zahlreich sind, dass nicht einmal ein im äußersten Fall standardisiertes Mail als Antwort an den Absender möglich wäre.
Hier sucht schlicht und einfach Arroganz, Faulheit und lächerliche, meist sogar noch vom Staat subventionierte Selbstüberschätzung nach einer billigen Ausrede, warum man es sich glaubt leisten zu können, unhöflich zu sein.
Solches kann man sich, wie schon gesagt, jedoch nie leisten, auch dann nicht, wenn das Ergebnis solchen Verhaltens eine großartige literarische Ausbeute wäre, von der angesichts des Zustands unserer deutschsprachigen Literatur und trotz aller noch so tüchtigen Agenten mitnichten gesprochen werden kann.
Noch unerklärlicher wird mir die von dir verteidigte Alltags-Niedertracht des Nichtantwortens, wenn es darum geht, berufliche Bewerbungen zu ignorieren. Angeblich leben wir in einer Zeit, in der großer Arbeitskräftemangel herrscht. Wie ist das zu vereinbaren? Ganz abgesehen davon, dass solche Nichtantworten, wie du selbst schreibst, für den Absender frustrierend sind und somit die beste Voraussetzung dafür bilden, das beträchtliche Heer jener, die sich für die soziale Hängematte entschieden haben, auf Basis solcher Demütigungen zu vergrößern. Dabei ginge es darum, vor allem jungen Menschen gegenüber die Arbeitswelt nicht durch Unhöflichkeit und mangelnde Wertschätzung als eine üble Fron, sondern als zumindest interessant, wenn nicht gar als sinnstiftenden Orientierungspunkt im Leben darzustellen.
Ich stimme mit dir überein, wenn du schreibst, dass ungeschickt formulierte Ablehnungen heute im Zeitalter des durch Rechtsschutzversicherungen beflügelten Prozessier-Wahns üble Folgen haben können. Zugleich gehe ich jedoch davon aus, dass ein Unternehmen, das unter zu vielen Bewerbungen leidet, auch in seinen Lektoraten, Intendanzen und Personalabteilungen Leute sitzen hat, die wissen, wie solche Gefahren zu vermeiden sind.
Auch noch so große Überlastung rechtfertigt nie und nimmer eine Nichtantwort, die Missachtung eines Gesprächsangebots oder die Missachtung eines beruflichen Interesses. Das ist zumindest meine Sicht der Dinge.
Mit kollegialen Grüßen
Alois
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Sehr geehrter Herr Alois Schöpf,
zu ihrem oben angeführten Beitrag über Höflich-, bzw. Unhöflichkeit kann ich ihnen nur hundertprozentig beipflichten. Wenn wir diese Grundsätzlichkeiten unserer Kultur nicht mehr pflegen, dann…….Danke!
Mit besten Grüßen
Kraiser Peter