Literarische Korrespondenz:
Alois Schöpf an Christoph Schmarl
Betrifft:
Man kann nicht alles in einen Topf werfen!
Bezogen auf: https://schoepfblog.at/literarische-korrespondenz-christoph-schmarl-nicht-alle
Sehr geehrter Herr Prof. Schmarl!
Ihr Brief, in dem Sie Herrn Walcher ersuchen, nicht alle Erscheinungen des Zeitgeists links der Mitte in den Topf marxistischer Gesinnung zu werfen und Karl Marx nicht die Schuld an den Untaten der Kommunisten zu geben, ist wortgewandt und beeindruckend.
Zugleich jedoch auch irritierend, vor allem deshalb, weil diese Ihre Art des Sowohl-als-auch- Argumentierens Leuten wie mir, die sich als Liebhaber des kontroversiellen Disputs definieren, die Arbeitsgrundlage entzieht.
Ganz abgesehen von solchen privaten Verlustszenarien erinnert mich Ihr Text an eine gemütliche Stammtischrunde gut gestellter Herren in einem gehobenen bürgerlichen Lokal, die nach einer entsprechenden Keynote alle Für und Wider eines die Gesellschaft bewegenden Themas abgehandelt haben und nun im Bewusstsein, ihrer intellektuellen Bürgerpflicht Genüge getan zu haben, den Abend freudvoll mit einem kräftigen Menü beschließen, um anderntags wieder für die täglichen Routinen und die mit ihnen einhergehenden Vermögenszuwächse gerüstet zu sein.

Zugleich erinnert mich aber auch Ihr schonender Umgang mit Karl Marx inklusive ihrer Anspielung, Sie hätten das von Friedrich Engels zusammengeschusterte Werk Das Kapitel tatsächlich gelesen und begriffen, womit Sie sich, zumindest in Tirol, als Mitglied einer besonders elitären Gemeinschaft profilieren, an das nahezu identische Verhalten progressiver Katholiken.
Auch diese verweisen nämlich, wenn man sie an die unzähligen Verbrechen ihrer Religionsgemeinschaft erinnert, auf Jesus Christus und seine Lehre von der Liebe, die man nun wirklich nicht für die Fehlbarkeit seiner Nachfolger am Stuhl Petri verantwortlich machen dürfe.
In gleicher Weise exkulpieren Sie Marx, wodurch sich die Frage stellt, ob dieses ihr Vorsichtel- und Rücksichtel-Denken nicht auch einmal ein Ende haben muss.
Dann zum Beispiel, wenn eine Kirche lehrt, dass auch all jene, die von ihr, etwa aufgrund geographischer Entfernung, nichts gehört haben können, dennoch in der Hölle landen: eine Behauptung, deren ethische Fragwürdigkeit mir schon als Kind aufgefallen ist, wohingegen die österliche Fürbitte Oremus et pro perfidis Judaeis damals noch mangels Bildung lediglich als komisch, nicht jedoch als antisemitisch wahrgenommen wurde.
Dennoch reichen allein diese beiden Beobachtungen in ihrer maßlosen Ungerechtigkeit aus, um mit der totalitären Ideologie des Christentums in gleicher Weise zu brechen, wie mit den beiden Herren Marx und Engels, die das Kommunistische Manifest verfassten, aus dessen Seiten millionenfach das Blut der unerwünschten und eliminierten Klassen fließt. Und dies vollkommen unmissverständlich!
Inwieweit zuletzt jedoch, Herr Prof. Schmarl, Ihr besonnenes Abwägen dennoch mitnichten so neutral ist, wie es zu sein vorgibt, und sich nicht vielmehr als eine besonders elegante Ausformung des woken Zeitgeists erweist, lässt sich leicht aus einigen zweifelsfrei provokanten, jedoch in diesem Zusammenhang folgerichtigen Fragen ableiten.
Würden Sie auch bei der Beurteilung Adolf Hitlers und des Nationalsozialismus in gleicher Weise Errungenschaften und Verfehlungen als Für und Wider gegeneinander abwägen? Würden Sie dies auch in der Beurteilung des Begründers der deutschen Rassentheorie Alfred Ploetz so halten? Ebenso gegenüber dem Begründer der Rassenlehre Arthur de Gobineau und seinem Essay Die Ungleichheit der Menschenrassen? Oder gar gegenüber dem brutalsten Vertreter des Antisemitismus Alfred Rosenberg?
Alle diese Herren haben, wie Karl Marx, nur geschrieben und niemanden persönlich umgebracht und wahrscheinlich sogar in ihrem privaten Leben solider gelebt als der ewig in Geldnot befindliche und sexuell instabile Karl Marx. Müssen Sie daher, geschätzter Prof. Schmarl, nicht auch diesen Herrn gegenüber Gnade walten lassen und sie der Verantwortung entheben für all das, was aus ihren üblen Schriften entstanden ist?
Oder sollten Sie, wenn Sie dies nicht tun, was ich annehme, in diesem Fall gegenüber den apodiktischen und kurzen Urteilen Reinhard Walchers nicht doch mehr Verständnis aufbringen?
Mit herzlichen Grüßen als Freund der kontroversiellen Debatten
Alois Schöpf
Illustration: KI-generiert
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Sehr geehrter Herr Schöpf, sehr geehrter Prof. Schmarl!
Ich bedanke mich für Ihre wort- und wissensreichen Repliken zu meinen Aufsätzen über Propaganda (Teil I und II). Meines Erachtens ist es unerheblich, ob Karl Marx, Jesus oder Mohammed für die Folgen ihrer Lehren verantwortlich sind, weil sie längst tot sind. Die großteils verheerenden Folgen sind jedenfalls unbestreitbar. Vor hundert Jahren begann der Nationalsozialismus seinen Wahn allmählich mittels hervorragender Propaganda unter die Leute zu tragen, was der damaligen Intellektualität so ziemlich an Kopf und Arsch vorbeiging. Hitlers „Mein Kampf“ erschien 1925, heutzutage formieren sich mit ähnlichen propagandistischen Mitteln die Bewegungen des Wokismus, des grünen Neokommunismus und des Islamismus zwar nicht gegen die ganze Welt, aber gegen unsere westliche Zivilisation und Kultur. Auch heute scheinen gerade die klügsten Leute den zunehmend um sich greifenden Wahn nicht erkennen zu wollen oder zu können (?). Henryk M. Broder antwortete auf die Frage, wie das Unvorstellbare damals möglich geworden sei, lapidar: „Weil sie damals so waren, wie ihr heute seid!“ Und Kant dreht sich täglich im Grab um, weil immer weniger den Mut aufbringen, sich ihres Verstandes zu bedienen. Ich möchte daher von weiterer Diskussion Abstand nehmen und mich auf die Fortsetzung der Artikelserie zur Wirkweise von Propaganda konzentrieren. Mit freundlichem Gruß!