Lena Hallbrucker
Als Englischlehrerin in einem indischen Dorf
Unterrichtsvorbereitung / Mit den Händen essen
Pongal / Sleeper Bus / Rückreise
Reportage
5. Teil
1. Teil: https://schoepfblog.at/lena-hallbrucker-als-englischlehrerin-in-einem-indischen-dorf-reportage-1-teil-aufbruch-schlaflose-naechte-kleidung-a-letter-from-india/
2. Teil: https://schoepfblog.at/lena-hallbrucker-kirche-pondicherry-klassenunterschiede-vinnarsi/
3. und 4. Teil: https://schoepfblog.at/lena-hallbrucker-als-englischlehrerin-in-einem-indischen-dorf-3-teil/
https://schoepfblog.at/lena-hallbrucker-4-teil-indien/
Unterrichtsvorbereitung
Um den Unterricht vorzubereiten, hatten wir jeden Tag mindestens drei Freistunden während des Schultages. Trotzdem reichte die Zeit fast nie aus, weshalb wir auch im Internat noch an unseren Vorbereitungen saßen. Unsere Ressourcen waren die Lehrbücher der Schule, eigene Unterrichtsbücher von zu Hause, das weltweite Internet durch W-Lan im Internat und im Schulsekretariat, und der Drucker im Schulsekretariat. Materialien für die Schüler, wie zum Beispiel Scheren, Kleber oder Bastelpapier, kauften wir entweder selbst oder bekamen es vom Sekretär Franklin. Es gab sogar einen mobilen Beamer mit Leinwand, doch der Aufwand des Aufbaus war ziemlich groß, wodurch ich diese Option fast nie nutzte.

Lea und ich haben zwar andere Klassen, trotzdem helfen wir uns oft gegenseitig bei der Vorbereitung. Wie auch jetzt gerade, als wir gemeinsam verschiedene Tiere auf Papier malen, um das Alphabet für die Kindergartenkinder schöner zu gestalten – für den Buchstaben A gibt es eine Ameise (ant), für B einen Vogel (bird) und so weiter.
Materialien, die in Österreich in jedem Kindergarten zur Standardausrüstung gehören, sind hier nur schwer erhältlich, deswegen machen wir viele dieser Schaubilder und Lernhilfen selbst. Ich für meinen Teil erstelle viele Worksheets mit einfachen Übungen, wie ich es aus meiner eigenen Schulzeit kenne.
Wir beide kommen mit der traditionellen Unterrichtsart der meisten Lehrerinnen nicht klar, nach der die Lehrerin etwas vorbetet, was die Schülerinnen und Schüler von vorn bis hinten auswendig lernen, ohne irgendetwas davon tatsächlich zu verstehen (wenn wir diese Sorgen im Gespräch mit den Betreuern von VoloB ansprechen, meinen die, dass auch in Österreich viele Schüler den Lernstoff bloß auswendig lernen – schon klar, aber die sprechen zumindest die Unterrichtssprache).
Was Lea und ich allerdings beide nicht aussprechen, ist der Wettbewerbsgeist, der in uns beiden liegt. Dadurch, dass wir im selben Zimmer leben und uns auch in der Schule einen Schreibtisch teilen, bekommen wir natürlich alles mit, was die andere macht – und wir wollen beide besser sein als die andere.
Oft weichen wir uns deshalb gegenseitig aus, wenn wir uns nach unseren nächsten Unterrichtsplänen fragen, oder bereiten möglichst unauffällig unsere nächste Einheit vor, um dann erst im Nachhinein mit der großartigen Idee herauszuplatzen und die Lorbeeren einzuheimsen. Das klingt vielleicht gemein, und wir haben uns deshalb oft in die Haare gekriegt, aber im Notfall haben wir einander trotzdem immer geholfen.
Mit Händen essen
Üblicherweise wird in Indien mit den Händen direkt vom Teller gegessen (natürlich kann das nicht auf die gesamte Bevölkerung übertragen werden – vor allem in Städten passt man sich immer mehr den westlichen Sitten an). Dabei wird der feste Bestandteil des Essens (fast immer Reis) mit schmackhaften Saucen und Eintöpfen (in Europa würde man „Curry“ sagen) mit den Fingern vermischt und portionsweise verspeist. Es wird nur mit einer Hand, typischerweise der rechten, gegessen – die andere Hand liegt auf dem Tisch oder hält den Teller.
Es stört mich nicht, mit den Händen zu essen. Immerhin weiß ich ja, dass ich gewaschene Hände habe. Tatsächlich macht es sogar ein bisschen Spaß, und ich nehme mir mehr Zeit zum Kauen.
Für mich essentiell ist bei dem Ganzen nur eines: nicht den anderen beim Essen zuzuschauen, sondern seinen eigenen Teller im Blick behalten. Sobald ich sehe, wie mein Gegenüber mit seinen Händen im Essen matscht und herumgräbt, vergeht mir der Appetit (hinzu kommt, dass die Nonnen, mit denen wir gemeinsam essen, fast immer mit offenem Mund kauen). Wenn ich mir vorstelle, dass ich genauso unappetitlich aussehe, greife ich dann doch meist zum Löffel.
Über indisches Essen könnte ich sehr viel erzählen: Wie gesund und schmackhaft es ist, wie vergleichsweise unkompliziert die Zubereitung und wie abwechslungsreich es ist. Viele Freunde und Bekannte wollen gerade über das Essen möglichst viel hören.
Das Einzige, was mir keiner glauben will: dass es nicht scharf war. Egal, was ich erzähle, dieses eine Detail stößt immer als einziges auf heftige Widerrede. Beispielweise behaupten die meisten, dass für uns wahrscheinlich immer milder gekocht wurde, da man uns schließlich angesehen hat, dass wir Ausländer sind (das würde bedeuten, dass in allen Bundesländern, Restaurants und Haushalten, die wir besucht haben, eigens für uns milde Gerichte zubereitet worden sind, was vor allem dann schwierig wird, wenn aus einem einzigen Topf für alle geschöpft wird).
Fakt ist: Das Essen ist mir während meines ganzen Aufenthalts nicht als zu scharf vorgekommen. Das schärfste Gericht habe ich in einem Hard Rock Café in Bangalore bekommen (welch Ironie). Es war natürlich sehr würzig, und durch körperliche Reaktionen wie dem Rinnen der Nase oder Tränen der Augen habe ich auch gemerkt, dass scharfe Gewürze vorhanden sind, die ich normalerweise nicht esse – aber es hat nicht scharf geschmeckt.
Pongal
Die indische Version des Erntedankfestes wird im Januar mit der ersten Reisernte gefeiert und nennt sich „Pongal“. So heißt auch das Gericht, das traditionell an diesem Tag bereits im Morgengrauen von jedem Haushalt zubereitet wird. Es handelt sich um eine Art süßen Milchreis, der in einem bunt bemalten Tontopf über offenem Feuer gekocht wird. Um die Feuerstelle werden bunte Bilder mit einer Art buntem Sand gemalt.
Die Mädchen im Internat stehen jeden Tag vor fünf Uhr morgens auf, und ausnahmsweise tun wir das heute auch, um bei den Vorbereitungen für Pongal zu helfen. Vinnarsi kocht draußen, die Mädchen kümmern sich um die bunten Sandbilder und singen und tanzen.
Obwohl es ein Feiertag ist, fahren wir zur ganz normalen Zeit in die Schule (allerdings mit Feiertags-Sari). Unterricht findet keiner statt, stattdessen aber verschiedene Spiele und Wettbewerbe. Die Schuluniform darf zu Hause gelassen werden, alle Kinder tragen bunte Klamotten und sind geschmückt.

Einige Klassen führen einen Tanz oder ein Lied auf.
Sogar die missmutigsten Lehrerinnen lachen an diesem Tag ohne Hemmungen, und am Ende des Tages möchte fast niemand nach Hause gehen.
Sleeper Bus – die beste Art, zu reisen
Indien ist ein riesiges Land mit weit auseinanderliegenden Städten. Busreisen dauern oft sehr lange und gehen teilweise auch über Nacht. Über kleinere Distanzen fahren öffentliche Busse – von der Hauptstadt Chennai nach Gedilam braucht man mit einem öffentlichen Bus vier bis fünf Stunden. Auf längeren Strecken bieten private Unternehmen komfortablere Busse verschiedener Ausstattungen an – sehr beliebt für Nachtreisen sind sogenannte „Sleeper Buses“ mit Klimaanlage. Die Plätze sind online zu buchen.
Seit meiner ersten Reise in einem Sleeper will ich eigentlich nie wieder auf andere Art reisen. Trotzdem bin ich gerade ein bisschen nervös, weil es das erste Mal ist, dass ich alleine unterwegs bin.

Ich betrete den Gang und suche meinen Platz – diesmal auf der rechten Seite mit den Einzelbetten. Bisher waren wir immer zu zweit in einer Doppelkabine. Als ich den Platz gefunden habe und die kleine Leiter hinaufgeklettert bin, bemerke ich sofort, dass sich so eine schmale Einzelmatratze viel unsicherer anfühlt als eine breite Doppelmatratze.
Zum Glück bin ich durch eine Stange zum Gang hin abgesichert. Ich ziehe den Vorhang zu, verstaue meinen Rucksack und lege mich hin. Durch das Fenster sehe ich die verschiedensten Landschaften, Häuser und Menschen vorüberziehen und wie immer wäre es mir am liebsten, wenn diese Fahrt nie enden würde.
Rückreise
Lea ist früher abgereist, da sie nur für 10 Monate im Einsatz war. Die letzten anderthalb Monate verbringe ich deshalb allein im Projekt. Aufgrund von Komplikationen mit dem Visum muss ich drei Wochen vor der geplanten Abreise wieder nach Hause – davon weiß allerdings nur meine Schwiegermutter in spe.
Die Sommerferien waren länger, als geplant – aufgrund der Hitze wurden sie um zwei Wochen verlängert. Das waren wirklich ereignisreiche Sommerferien für Lea und mich! Mit Father Mathew waren wir auf den Andamanen, und zu zweit dann drei Wochen im Norden Indiens und in Goa.
Durch die Verlängerung der Ferien haben wir noch Apparna in Bangalore besucht, bevor sie nach Abu Dhabi gezogen ist. Als uns dann im Internat langweilig wurde, haben wir gemeinsam die hässlichste Mauer im Hof des Internats bunt bemalt. Lea hatte dann nur noch ein paar Tage mit ihren Klassen, bevor sie wieder nach Hause musste. Danach bin ich alles viel ruhiger angegangen – ich habe nur noch Spoken English unterrichtet, weil es in diesem Fach keine Prüfungen gibt.
Die ganzen Monate davor hatte ich gedacht, ich müsste den Kindern unbedingt Englisch beibringen, damit sie den Zirkel der Armut durchbrechen, studieren und gute Jobs bekommen können, aber am Ende des Schuljahres habe ich einsehen müssen, dass nur eine Handvoll der Schüler etwas aus meinem Unterricht mitnehmen konnte – der Rest wollte oder konnte nicht.
Deshalb habe ich mich im Juni und Juli etwas zurückgelehnt und habe versucht, von diesem Leistungsdruck abzuweichen. Ich habe viele Spiele und Spaß-Stunden veranstaltet, und wenn ich eine Klasse nicht unter Kontrolle bringen konnte, habe ich sie abgegeben, statt mich wochen- und monatelang damit abzumühen, ihr Interesse an der englischen Sprache zu wecken. Mit dem Chor durfte ich auf meiner eigenen Abschiedsfeier We are the world aufführen.
Die letzten Tage vor der Abreise konnten nicht schnell genug vergehen, so aufgeregt war ich über die Überraschung, die ich meiner Familie bereiten wollte. Viele Volontäre vor mir haben erzählt, dass der Kulturschock bei der Rückkehr nach Österreich viel schlimmer sei als der bei der Ankunft.
Ich habe niemandem erzählt, dass ich drei Wochen vorher heimkommen werde, nur der Mutter meines Freundes, die mich am Busbahnhof in Seefeld abholen wird. In Frankfurt angekommen, ist mein erster Gedanke am Flughafen: Die Deutschen sehen ja alle gleich aus!
Nach der Ankunft in München fuhr ich dann mit dem Bus durch Bayern und war fasziniert von den puppenartigen kleinen Häuschen. Meine Eltern erlitten zum Glück keinen Herzinfarkt, und noch am selben Abend saß ich im Dirndl als Zuhörerin auf einem Platzkonzert der Musikkapelle Scharnitz.
Kulturschock erfolgreich abgewandt (bis auf die Tatsache, dass ich bei den Essenspreisen im Restaurant fast selbst einen Herzinfarkt erlitten hätte).
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danke für diese guten, interessanten einblicke in indisches schul- und sonstiges leben. schade, dass das nicht weitergeht!