Lena Hallbrucker
Als Englischlehrerin in einem indischen Dorf
Besuch / Father Mathew / Vijayawada
Die Nonnen und ihre Dekorationen
Reportage
4. Teil
1. Teil: https://schoepfblog.at/lena-hallbrucker-als-englischlehrerin-in-einem-indischen-dorf-reportage-1-teil-aufbruch-schlaflose-naechte-kleidung-a-letter-from-india/
2. Teil: https://schoepfblog.at/lena-hallbrucker-kirche-pondicherry-klassenunterschiede-vinnarsi/
3. Teil: https://schoepfblog.at/lena-hallbrucker-als-englischlehrerin-in-einem-indischen-dorf-3-teil/
Besuch
Ein Freiwilligeneinsatz mit „VoloB“ dauert 10 – 12 Monate und setzt voraus, dass man während dieser Zeit ohne Unterbrechung im Einsatzland bleibt. Besuche in der Heimat sind nicht möglich, außer in äußersten Ausnahmefällen (wenn man zum Beispiel im Herbst noch einmal zur Matura antreten muss oder ein Familienmitglied stirbt). Allerdings ist es möglich und erwünscht, Besuch aus der Heimat zu erhalten. Ich hatte das Glück, gleich drei Mal Besuch zu bekommen.
22.12.2022 – Lea und ich stehen schon seit fast zwei Stunden vor der Ankunftshalle des Flughafens Chennai und warten auf unsere Familien. Es ist sich für alle ausgegangen, zur gleichen Zeit zu uns zu kommen: Jeweils Eltern und Schwester.
Es ist überwältigend, sie nach vier Monaten endlich wiederzusehen (auch beim Schreiben dieser Zeilen zwei Jahre später kommen mir noch die Tränen). Für die nächsten 16 Tage haben Lea und ich jeweils viel geplant, allerdings getrennt voneinander. Nur die ersten und letzten drei Tage werden wir alle gemeinsam verbringen, zuerst im Salesianerhaus in Chennai, dann in unserem Projekt in Gedilam. Zu meiner großen Erleichterung war meine Familie begeistert von allem, besonders mein Vater, der am liebsten gar nicht mehr abreisen wollte.
03.03.2023 – Ich bin auf dem Weg nach Chennai, wo ich meine zukünftigen Schwiegereltern treffen werde (nicht, weil ich eine arrangierte Ehe eingegangen bin, sondern weil sie gerade Urlaub in Indien gemacht haben). Dieser Tag wird der letzte sein, den sie gemeinsam mit ihrer Reisegruppe nach drei Wochen quer durch Indien verbringen werden.
Ich besuche sie zum Abendessen im Country Club in Chennai (was mir dekadent vorkommt) und begleite sie am nächsten Tag zum Flughafen, wo nur wenige Stunden später ihr Sohn (= mein Freund) ankommt, der die zwei Wochen Urlaub, die er während des Zivildienstes hat, bei mir verbringen wird.
Mit ihm fahre ich ins Bundesland Kerala und verbringe gegen Ende noch ein paar Tage in Pondicherry mit ihm, weil wir nicht gemeinsam im Mädcheninternat übernachten können. Diesmal bin ich diejenige, die sich nicht verabschieden will.
Father Mathew
Ausgebildet und entsendet wurden wir von der österreichischen Organisation VOLONTARIAT bewegt, die eng mit Jugend eine Welt und den Salesianern Don Boscos zusammenarbeitet. Vor Ort in Gedilam waren wir in einer Schule der Salesianer Don Boscos tätig, unser Vorgesetzter und Ansprechpartner war der Schuldirektor und Priester Reverend Father Mathew Rajan, genannt nur Father Mathew. Der Beruf des Priesters ist in Tamil Nadu hoch angesehen, da mit ihm eine ausgezeichnete Bildung, sozialer Status und ein abgesichertes Leben einhergehen. Viele Priester werden auch ins Ausland auf Mission geschickt, einer von ihnen ist inzwischen in der Unipfarre Innsbruck tätig.
Vor Father Mathew habe ich großen Respekt. Nicht, weil er der strenge Direktor ist, der Kinder schlägt und seine Angestellten anschreit, sondern genau aus dem Gegenteil. Noch nie ist mir ein Mann begegnet, der die Botschaft des Neuen Testaments so verinnerlicht hat und nach außen hin lebt, ohne, dass es aufgesetzt oder gezwungen wirkt.
Er ist tiefgläubig, großzügig und gütig, streng, wenn nötig, gerecht, einfühlsam und sehr humorvoll. Seine einzige Schwäche könnte seine Gutmütigkeit und fehlende Durchsetzungsfähigkeit sein, wenn es um Finanzen geht (die Schule war hoch verschuldet und für Father Mathew war es immer eine große Überwindung, Sponsoren um Geld zu bitten). Vor allem liebt er Kinder. Er hat uns einmal erzählt, dass er seiner Meinung nach ein sehr guter Ehemann und Vater geworden wäre (in diesem Leben hätte er den Beruf des Kinderarztes gewählt), aber sein Glauben hat ihn dazu gebracht, ein Vater für alle Kinder zu sein. Er wollte den Schulkindern so oft wie möglich eine Freude machen, hat Ausflüge, Aufführungen und Festessen veranstaltet und Schulfeste immer besonders schön und aufwändig gestaltet.
Eigenartig streng war er den Lehrerinnen und Nonnen gegenüber – zumindest hat es dein Anschein erweckt, weil sie immer Angst davor hatten, ihn um etwas zu bitten oder einem Treffen mit ihm beizuwohnen. Sie haben meist Lea oder mich vorgeschickt, um mit ihm zu reden. Diese Angst ist uns immer als unbegründet vorgekommen, da Father Mathew immer ein offenes Ohr hat und bemüht ist, Kompromisse und Lösungen zu finden.
Wir haben uns gedacht, dass diese Angst vor seiner Person vermutlich nicht von seiner Person an sich, sondern von dem Umstand Mann in Führungsposition ausgeht. Oder vielleicht war er auch tatsächlich strenger zu den einheimischen Lehrerinnen als zu uns Ausländerinnen – immerhin waren sie bei ihm angestellt und mussten bezahlt werden, während wir unentgeltlich gearbeitet haben.
Jedenfalls hat er uns bei allen Vorhaben unterstützt, egal, ob schulisch oder privat. Der Satz, den ich am meisten mit ihm verbinde, lautet I will arrange – das hat er jedes Mal gesagt, wenn ich ihn nach etwas gefragt habe (und dabei hat er lächelnd mit dem Kopf gewackelt). Er hat uns auch oft auf Ausflüge und Priesterseminare mitgenommen, damit wir möglichst viel von Indien sehen.
Es gibt in erstaunlich vielen Orten Indiens eine Gemeinde der Salesianer, und die Priester sind mir immer als sympathische, humorvolle, gebildete und weltoffene Männer vorgekommen. Die salesianischen Nonnen hingegen waren oft strenger, zurückgezogener und recht verklemmt.
Vijayawada
Die Don Bosco Matriculation School Gedilam war nicht der einzige Einsatzort in Indien, an den wir Volontäre geschickt wurden. Im Bundesstaat nördlich von Tamil Nadu, Andhra Pradesh, existiert ebenfalls ein Don Bosco Projekt, das allerdings ganz anders aufgebaut ist. Es befindet sich in der Stadt Vijayawada, die über eine Million Einwohner hat, und betreut mehrere Institutionen über die Stadt verstreut. Zehn Volontäre, davon auch einige aus Deutschland, waren in einer WG außerhalb des Projekts untergebracht. Lea und ich waren für einige Tage dort zu Besuch.
Ungläubig starre ich Viola an, die in einem Trägertop und Shorts auf der Terrasse sitzt und einen Snickers-Schokoriegel verspeist – als wäre ein Snickers ein einfaches alltägliches Gut und keine einzigartige Kostbarkeit. Seit unserer Ankunft komme ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: Die Jungs und Mädchen hier leben so ganz anders als wir in Gedilam.
Die WG hat vier kleine Schlafzimmer, in denen sie sich jeweils zu zweit bis zu viert aufteilen. Sie besitzen eine eigene Küche mit Herd, einen Gemeinschaftsraum, zwei Toiletten und eine Terrasse mit Waschplatz. Natürlich ist nichts davon luxuriös oder besonders modern, aber sie sind unter sich und selbstbestimmt.
Und sie haben hier so viele Sachen! Nicht nur Snickers gehören zum Alltag, sondern auch Bier, Nudeln und kurze Klamotten. Sie haben tatsächlich vorgeschlagen, ob wir heute Abend zum Bowling und dann ins Kino gehen wollen. Bowling?? Kino??? Einfach so?
Nach einem Dreivierteljahr in Gedilam sind diese Dinge für mich purer Luxus geworden, genauso wie auswärts essen, selbst kochen, freie Kleidungswahl und selbstbestimmte Tagesabläufe. Sogar die Arbeit in den Projekten hier ist ganz anders – keiner der Volontäre unterrichtet, stattdessen sind sie in der Freizeitgestaltung und Betreuung tätig.
Jeder Volontär arbeitet in ein oder zwei Projekten und kann sich aussuchen, wann und wo er sein will. Das finde ich so lange toll, bis sie mir schließlich erzählen, wie sie zu den Projekten kommen: Mit dem Fahrrad. In einer indischen Großstadt! Um mir selbst ein Bild davon zu machen, begleite ich sie auf einem Weg in eines der Projekte, und nach der turbulenten Fahrt sehne ich mich nach meinem Kuhdorf zurück.
Die Nonnen und ihre Dekorationen
Zu den Aufgaben der Nonnen gehörten Unterricht, Führung des Mädcheninternats, Seelsorge und kirchliche Dienste verschiedener Art. Die Ausbildung zur Nonne in Indien beginnt bereits in der Oberstufe. Alle drei Nonnen, die mit uns im Internat lebten, hatten ihre Ausbildung im Alter von 15 oder 16 Jahren begonnen und seither in Mädchenheimen und Internaten gelebt.
Sie tragen einfarbige Saris (je nach Konvent entweder sandfarben oder rosa) und keinen Schmuck außer Kreuzketten und Rosenkränzen, allerdings muss das Haar nicht verdeckt werden. Unterkunft und Verpflegung bekommen sie gestellt, für den Privatgebrauch haben sie monatlich 600 Rupees zur Verfügung.
Sister Vasuky liebt es, den Altar in der Kirche zu dekorieren. Ein- oder zweimal im Monat zieht sie mit haufenweise bunten Tüchern und Stecknadeln in die Kirche, um die aktuellen Tücher abzunehmen und in einem neuen Muster aufzustecken. Lea und ich helfen ihr, indem wir zuerst von der alten Deko alle Stecknadeln entfernen, um ihr dann bei der neuen Arbeit wieder Stecknadeln zu reichen – und indem wir sie fleißig loben, denn Sister Vasuky braucht jede Bestätigung, die sie kriegen kann, in der Hinsicht ist sie wie ein Schulmädchen, obwohl sie 36 Jahre alt ist.
Wie ein Schulmädchen kichert sie auch, wenn Lea ihr alle möglichen Fragen über ihr Leben stellt – gerade hat sie zum Beispiel gefragt, ob sie schon einmal verliebt war. Meine Güte, wird Sister Vasuky etwa rot? Ich muss schmunzeln, als sie sich ziert, die Frage zu beantworten. Die Themen Liebe und Sexualität werden hier normalerweise totgeschwiegen.
Schließlich antwortet sie, dass es nie einen Mann in ihrem Leben gab außer Jesus. Wieder einmal frage ich mich, ob die fünfzehnjährige Vasuky tatsächlich aus eigener Überzeugung Nonne werden wollte. Sie hat uns erzählt, dass sie und ihre beiden Schwestern von ihrer alleinerziehenden Mutter aufgezogen wurden, die immer finanzielle Schwierigkeiten hatte. Ganz ähnlich sind auch die Geschichten von Sister Beula und Sister Lucy.
Fünfter und letzter Teil Donnerstag nächster Woche
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen
