Kurt Kotrschal
Der Wolf und wir
Plädoyer
für ein konfliktarmes Zusammenleben
Notizen
Die Gefahr durch Wölfe wird in den Medien und der Politik sehr oft übertrieben. Tatsache ist, dass es in den letzten 50 Jahren keine tödlichen Zwischenfälle mit Wölfen selbst in jenen europäischen Ländern gegeben hat, in denen der Wolf nicht ausgerottet war wie in Österreich. Was zu einem Problem werden kann, ist es, wenn Menschen Wölfe anfüttern (unbewusst z.B. durch Katzenfutter auf der Terrasse oder bewusst, um sie für ein Foto anzulocken). Das sollte unbedingt vermieden werden, da auf diese Art Wölfe habituiert werden können und dadurch die Scheu vor Menschen verlieren.
Das kann zu Konflikten führen. Aber auch solche Konflikte passieren dann nicht über Nacht, sondern auch hier findet eine Entwicklung statt.
Ist der Wolf gut für das Schaf?
Wölfe sind tatsächlich gut für Nutztiere. Zumindest indirekt. Vor ihrer Rückkehr verlor man etwa auf Schweizer Almen durch Absturz, Blitzschlag oder Steinschlag pro Jahr rund 10.000 Schafe. Mittlerweile leben nicht nur zahlreiche Wölfe in der Schweiz, auch die Nutztierverluste sind um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Das beinhaltet bereits jene rund 400 Tiere, die jährlich auf das Konto der Wölfe gehen.
Wie das sein kann, erklärt der Schweizer Wildtierbiologe Gabriele Cozzi: Damit die Schafe vor dem Wolf sicher sind, wird heute besser auf sie aufgepasst. Zäune halten nicht nur den Wolf ab, sondern bewahren Schafe davor, in den Abgrund zu stürzen oder von Steinschlägen erfasst zu werden. Der Schlüssel liege in der Behirtung. Wenn zum Beispiel ein Schaf in der Herde erkrankt, wird es sofort isoliert und gepflegt, sagt Cozzi. Außerdem zahlt es sich für die Almflächen aus, denn diese werden durch die gelenkte Beweidung geschont.
Das Berufsbild Schafhirte ist zukunftsträchtig. Ohne den Wolf mag die Nutztierhaltung am Berg zwar einfacher sein, aber für die Tiere ist das unbeaufsichtigte Leben auf der Alm alles andere als ein Honiglecken.
Ist Herdenschutz zu teuer?
Es stimmt, dass der Herdenschutz bei Weidetieren einen zusätzlichen Aufwand bedeutet und das nicht nur finanziell. Tatsache ist aber auch, dass Herdenschutz seitens der EU nicht nur gefordert, sondern auch bis zu 100% gefördert wird.
Dazu muss man leider feststellen, dass nicht alle Bundesländer in Österreich den Herdenschutz fördern wollen. So gibt es zum Beispiel in Kärnten keine Förderung für die Bauern.
Sind Wölfe für Menschen gefährlich?
Wölfe stellen für Menschen nur ein sehr geringes Risiko dar. In der Regel vermeiden sie den Kontakt mit Menschen und ziehen sich zurück, sobald sich jemand nähert.
Studien zeigen, dass Wölfe häufig schon in Entfernungen von über 100 m ausweichen. Angriffe auf Menschen sind deshalb extrem selten. Für Europa und Nordamerika wurden zwischen 2002 und 2020 nur 12 Angriffe mit 14 verletzten Personen dokumentiert, davon zwei tödliche Fälle (beide in Nordamerika).
Wenn Angriffe vorkommen, stehen sie meist mit besonderen Umständen in Zusammenhang, zum Beispiel mit Tollwut, verletzten oder kranken Tieren oder mit Wölfen, die sich stark an Menschen oder menschliche Nahrungsquellen gewöhnt haben.
Fazit: Wolfsangriffe sind grundsätzlich möglich, kommen aber äußerst selten vor. Insgesamt gelten Wölfe für Menschen als kaum gefährlich.
Funktioniert der Herdenschutz auf Almen?
Ja – Herdenschutz kann auch auf Almen funktionieren, wenn die Maßnahmen richtig umgesetzt und an die lokalen Bedingungen angepasst werden. Allerdings ist er im alpinen Gelände oft aufwendiger und nicht überall gleich gut umsetzbar.
Wirksame Maßnahmen sind:
Behirtung (ständige Betreuung der Herde)
Schutzzäune oder Nachtpferche
Herdenschutzhunde gelten als bewährtes und wirksames Mittel, um Nutztiere vor Angriffen zu schützen, insbesondere wenn sie zusammen mit Hirten eingesetzt werden.
Praxisprojekte in den Alpen zeigen, dass Herdenschutz funktionieren kann. Entscheidend ist, dass:
– genügend Herdenschutzhunde eingesetzt werden,
– die Herde gut zusammengehalten wird und geeignete Weideführung erfolgt.
Auf vielen Almen ist Herdenschutz jedoch schwieriger als im Flachland, etwa wegen:
– steilem oder felsigem Gelände,
– sehr großen und verstreuten Weideflächen,
– touristischer Nutzung der Almen.
Studien zeigen daher: Ob Herdenschutz möglich und sinnvoll ist, muss immer für jede Alm individuell geprüft werden.
Der Text wurde schoepfblog von Nicole Staudenherz zur Verfügung gestellt.

Kurt Kotrschal (* 5. Mai 1953 in Linz) ist ein österreichischer Biologe, Verhaltensforscher und Autor. Er ist Professor im Ruhestand an der Universität Wien, ehemaliger langjähriger Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle für Ethologie in Grünau im Almtal in Oberösterreich und Mitbegründer des Wolfforschungszentrums (Wolf Science Center). (Wikipedia)
Fotorechte: Wolf Science Center
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