Johannes Sprenger bespricht:
Das Licht durch den Türspalt
Der Saxophonist Jan Garbarek ist
nach 39 Jahren
nach Innsbruck zurückgekehrt.
Am letzten Freitag war es also soweit: Jan Garbarek, der im Oktober 1986 den Treibhaus-Turm in der Angerzellgasse eröffnet hat, spielte mit seiner Group im praktisch ausverkauften Saal Tirol im Congress Innsbruck – was einen sichtlich beglückten Veranstalter Norbert Pleifer, der mit seinem vom Treibhaus gewohnten Achtung-jetzt-geht’s-los-Bimmeln auf die Bühne trat, zu einer recht emotionalen Begrüßungsrede veranlasste.
Diese Musiker nach so vielen Jahren in diesem Saal zu empfangen – die Freude sei ihm von Herzen vergönnt.
Mit dem 78-jährigen Jan Garbarek (Tenor- und Sopransaxophon, Obertonflöte) standen drei fabelhafte Instrumentalisten auf der Bühne: Rainer Brüninghaus (Keyboards, Klavier), Yuri Daniel (E-Bass) und Trilok Gurtu (Schlagzeug, Perkussion). Alle vier hatten ausgiebig Raum sowohl für solistische Parts im Bandzusammenhang als auch für Duos und besonders für vollkommen unbegleitete Soloauftritte.
Und dies sei vorweg betont: Die vier Musiker spielten auf höchstem instrumentalen Niveau, in einer Konstellation, die man ohne weiteres als egalitär bezeichnen kann.
Garbarek beginnt am Sopransaxophon (der gebogenen Bauform, die er als einer der Ersten international bekannt gemacht hat) mit seinem unverwechselbaren Ton und in einem melodischen Modus, der während des Abends öfter zu hören und dessen Hauptmerkmal der Halbtonschritt von der ersten zur zweiten Stufe ist (Details bitte ich vernachlässigen zu dürfen). Diese Melodik empfinden wir instinktiv als orientalisch oder ethnisch, womit wir bei einem wichtigen Thema dieses Abends angelangt wären, aber dazu später.

Was sich von da an musikalisch entwickelt, ist von einer außergewöhnlichen melodischen, harmonischen und rhythmischen Vielfalt, und dieses Außergewöhnliche manifestiert sich auch in der Virtuosität und teils atemberaubenden Präzision der Ausführenden.
Was grundsätzlich auffällt: Es kommen praktisch keine musikalischen Klischees vor, die irgendwie dem Jazz zugeordnet werden könnten. Der Schluss liegt also nahe, dass es sich hier gar nicht um Jazz handelt. Ein Kollege aus der Jazz-Welt erklärte mir einmal, dass das Wiedergeben von Klischees für eine Jazzperformance wichtig sei. Klischees (im Sinne der Wiederholung von Bekanntem), die in verschiedene, auch unbekannte Zusammenhänge eingebaut werden, sind ein Kommunikationsmittel – eines, das es den Zuhörenden erleichtert, den dargebotenen Ideen zu folgen. Den Ausführenden ermöglicht es dagegen, sich bei der Erweiterung ihres Repertoires an Ausdrucksmitteln auf Geschichte zu beziehen – und somit nicht verloren zu gehen.
Die improvisatorischen Mittel des Ensembles beziehen sich also großteils nicht auf diese Jazzgeschichte, wenngleich sie natürlich eine gewisse Rolle spielt – etwa wenn Rainer Brüninghaus in seinem Solopart den Standard Round Midnight zitiert, Ragtime und die Harmonik von Jazzballaden anklingen lässt, oder Yuri Daniel Slap Bass spielt.
Einen deutlich stärkeren Bezug stellt die Jan Garbarek Group hingegen zur indischen Musik her, die Trilok Gurtu in der Band verkörpert. Abgesehen davon, dass er am (westlich-)traditionellen Drumset großartig flüssig, akzentuiert, subtil und vielschichtig begleitet, wird seine Konnakol-Technik zur Leitidee vieler rhytmischer Interaktionen zwischen den Musikern.
Ich muss gestehen, dass ich an einigen Stellen beim Versuch, mitzuzählen, kläglich gescheitert bin. (Konnakol ist eine rhythmische Silbensprache aus der klassischen südindischen Musik, die eine jahrtausende alte Tradition hat und stark mit spirituellen Inhalten verknüpft ist.)
Auf ganz andere Weise erweitert Jan Garbarek das musikalische Spektrum des Ensembles, indem er folkloristische Elemente aus seiner norwegisch-polnischen Herkunft einbringt.
Es mag Jazzmusiker geben, die Garbareks Konzept der Fusion von Jazz mit Musik aus verschiedenen ethnischen und spirituellen Hintergründen kritisch gegenüberstehen. Ich finde, dass die instrumentale Meisterschaft der Musiker das Konzept erst einmal grundsätzlich rechtfertigt. Auch ist nicht zu vergessen, dass der Jazz ja selbst eine Fusion aus europäischen theoretischen Grundlagen und afrikanischen Rhythmen, aus schwarzem Blues und weißer Tin Pan Alley ist. Warum nicht andere Einflüsse mit aufnehmen?
Einer der Höhepunkte des Abends ist der lange Solo-Auftritt Trilok Gurtus, der mit Tempo-Blocks, Tabla, Konnakol, Stabspielen, Diso, Gongs im Wasser, einem einsamen Drummer im Dschungel, Gesang, Vogelgezwitscher und anderen Naturlauten alles, was nur möglich ist, beinhaltet. Gurtu, der, wie gesagt, der klassischen indischen Tradition entstammt, in der jede Silbe, jede rhythmische Figur, jede melodische Folge eine spirituelle Bedeutung hat, wirkt währenddessen zunehmend wie ein Priester, der ein Ritual vollführt, das man schließlich mit offenem Mund miterlebt.
Folgerichtig verneigt er sich nach dem abrupten Ende mit gefalteten Händen und einem Amen! – eine humorvolle Geste, die es dem Publikum erleichtert, sich wieder zu entspannen.
Gegen Ende folgen noch Stücke, die vielleicht leichter zu hören sind, aber die grundsätzlichen Qualitäten der Musiker noch einmal hervorheben – man könnte sagen, das Fehlen von Klischees erzeugt neue Klischees (dies in dem oben skizzierten, nicht abwertenden Sinn). Garbarek entfaltet wieder sein hochdynamisches Spiel auf dem Sopran- und Tenorsaxophon mit dem für ihn charakteristischen Sound, und alle vier beeindrucken einmal mehr durch ihr souveränes Zusammenspiel.
Trilok Gurtu gilt als Vetreter der Weltmusik, was man, wenn man diesen Ausdruck nicht eurozentristisch deuten will – also im Sinne von hier sind wir, und dort ist die ‚Welt‘ – als die verschiedenen Traditionen der Welt einbeziehend verstehen kann. Als prominenter Teil des Ensembles gibt er ihm auch diese Ausrichtung mit.
Mir drängte sich während des Konzertes folgendes Bild auf: Unsere Tür steht einen Spalt offen, durch den ein fernes Licht herein scheint. Ex oriente lux, wenn man so will.
Im Publikum waren wohl viele, die Jan Garbarek seit den Siebzigerjahren schätzen und seinen Weg mitverfolgt haben. Er hatte für ihre Sozialisation eine prägende Bedeutung, nicht nur musikalisch, sondern durchaus auch in Bezug auf eine bestimmte Art, in der Welt zu sein.
Dementsprechend groß war die Begeisterung, die sich am Ende in Standing Ovations und lauten Rufen manifestierte; ist doch diesem Musiker auf seinem Weg nicht das Geringste verloren gegangen – im Gegenteil.
Fotorechte: Sonja Prieth
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