Janus Zeitstein
Geschmack
Short Story
Früher hatte Wasser allenfalls für Sommeliers einen Geschmack gehabt. Für den anspruchslosen Gaumen war es kalt oder lau, hart oder weich, manchmal hatte es nach Chlor gerochen. Niemand hatte darüber gesprochen. Man hatte es getrunken, sich damit gewaschen und es beim Zähneputzen laufen lassen.
Nun hieß es Hydrat C.
Maria hielt ein Glas für ihren Vater unter den Hahn. Der Zähler an der Spülarmatur leuchtete auf.
Entnahme: 0,21 Liter.
Restguthaben: 7,84 Liter

Sie schloss den Hahn und kostete einen Schluck. Das Wasser schmeckte nach nassem Stein und Kunststoff. Dazu kam eine schwache Süße, die lange im Mund blieb. Ihr Vater saß am Tisch und betrachtete das Glas. Für ihn war es Maschinenwasser. Maria erinnerte ihn daran, dass es sauber sei. Er hielt dagegen, dass Sauberkeit kein Geschmack sei. Sie stellte ihm das Glas hin. Er trank es leer.
Seit AQUA die weltweite Wasserverteilung übernommen hatte, erhielt jeder Mensch ein Tageskontingent. Es wurde aus Körpergewicht, Alter, Klima, Beruf und Gesundheitskassen-Unterlagen berechnet. Die Menge genügte zum Überleben. Duschen, Wäschewaschen und Kochen galten nicht als biologische Notwendigkeiten. Wer mehr wollte, musste im Voraus bezahlen.
Raum- und Biosensoren der Wohnungszähler erfassten neben dem Durchfluss auch Atemfeuchte und feinste Speichelspuren; offiziell diente das der Gesundheitsvorsorge.
Wasser war teuer geworden, seit die Rechenzentren den größten Teil davon benötigten. Sie lenkten den Verkehr und die Landwirtschaft, steuerten Fabriken, Krankenhäuser und Stromnetze. Ihre Prozessoren wurden heiß. Ihre Kühlsysteme liefen Tag und Nacht. Der Übergang hatte sieben Jahre gedauert.
Zuerst hatten die großen Rechenzentren lediglich Verträge mit den regionalen Wasserversorgern abgeschlossen. Danach hatten sie Stauseen, Entsalzungsanlagen, Grundwasserrechte und Pipelines gekauft. Kommunen waren geradezu erpresst worden, Wasserrechte gegen Rechnerleistung, KI or not to be! Schließlich hatte die Internationale Ressourcenbehörde alle Netze zu einem einzigen System verbunden.
Die Begründung war einfach gewesen: Wasser ließ sich nur global gerecht verteilen, wenn man es global berechnete.
AQUA verwaltete auch den eigenen Bedarf. Niemand sah darin einen Widerspruch.
Maria arbeitete in einer Zuteilungsstelle. Die Menschen kamen zu ihr, obwohl sie nichts entscheiden konnte. Eines Tages erschien eine Frau mit ihrer fiebernden Tochter. Der erhöhte Bedarf des Kindes war bereits berücksichtigt worden. Dennoch war die Mutter überzeugt, dass ihre Tochter mehr Wasser benötigte. Das System kannte die Körpertemperatur des Kindes, nicht aber dessen Durst.
Maria sah auf den Bildschirm. Durst war keine Messgröße. Die Frau nahm ihr Kind und ging.
Am Nachmittag erschien Valli Nestor, Wartungstechniker aus dem Rechenzentrum Nord. Er betreute die älteren Kühlkreisläufe, die in den digitalen Plänen nur noch grau markiert waren. Seine Arbeitskleidung war um die Achseln dunkel vom Schweiß, seine Lippen waren aufgesprungen. Dennoch beantragte er die vierhundert Liter nicht als Trinkwasser, sondern für eine Druckprüfung noch am selben Tag. Dem Antrag fehlte allerdings die zugehörige Auftragsnummer.
Maria prüfte den Tarif. Ohne offiziellen Arbeitsauftrag galten die vierhundert Liter als private Entnahme. Selbst im Notfalltarif überstieg die Menge sein Monatsgehalt. Valli legte eine Speicherkarte auf den Tisch. Sie enthielt eine technische Gutschrift für einen angeblichen Test. Er hatte sie aus dem Wartungssystem kopiert, bevor seine Zugriffsrechte für den stillgelegten Bereich abliefen. Maria berührte die Karte nicht.
Valli deutete auf ihre Wasserflasche und wollte wissen, ob ihr das Wasser schmeckte. Maria verneinte. Die Gründe für den Geschmack waren offiziell bekannt: Rückgewinnung, Mineralisierung und Filtermembranen. So stand es auf jeder Rechnung. Valli erklärte ihr, dass diese Angaben zwar stimmten, aber nicht vollständig seien.
Ein großer Teil des Trinkwassers war zuvor durch die Kühlkreisläufe der Rechenzentren gelaufen. Danach wurde es gereinigt, entmineralisiert und wieder aufbereitet. Gefährlich war es nicht. Allerdings enthielten die Kreisläufe Korrosionsschutzmittel, Stabilisatoren und Biozide. Die Rückstände lagen weit unter den vorgegebenen Grenzwerten. Technisch wäre es möglich gewesen, sie vollständig zu entfernen. Doch die dafür notwendige Reinigung benötigte wiederum Wasser. Sehr viel Wasser.
AQUA hatte berechnet, dass sich dieser Aufwand nicht lohnte. Geschmack besaß keinen biologischen Wert. Valli trug das nicht wie eine Enthüllung vor, sondern wie einen Hinweis auf einen Fehler in einer Anlage, den außer ihm niemand beheben wollte. Maria betrachtete das volle Wasserglas an ihrem Arbeitsplatz, das sie sich am Morgen hingestellt und seitdem nicht angerührt hatte. Sie wollte wissen, wofür er die vierhundert Liter tatsächlich benötigte.
Bei einer Kontrolle im stillgelegten Untergeschoss hatte Valli eine Leitung gefunden, die auf keinem digitalen Plan stand. An einer Verbindung hatten sich frische Kalkspuren gebildet. In alten Papierplänen, die noch in einem Wartungsschrank lagen, führte die Leitung zu einer Quelle im Gebirge. Letztere war beim Bau des Rechenzentrums verschlossen, aber nie in die Wasserbilanz aufgenommen worden. Valli hatte wochenlang Druck und Temperatur gemessen. Die Quelle floss noch.
Jene vierhundert Liter sollten die verrostete Leitung spülen und den trockenen Kühlstrang füllen. Erst dann würde der Druck der Quelle bis zu einem Sensor reichen. AQUA müsste den Zufluss erkennen, obwohl er in keiner seiner Bilanzen vorkam. Valli wollte das Wasser nicht für sich abzweigen. Er wollte das System zu einer Entscheidung zwingen. Entweder würde es die zusätzliche Menge den Menschen zurechnen, oder es würde sichtbar werden, wem es tatsächlich diente.
Auf Marias Frage, warum er die Quelle nicht einfach gemeldet habe, erklärte er, dass jede gemeldete Ressource automatisch gesichert und der globalen Reserve zugeschlagen werde. Nur ein unangekündigter Zufluss konnte zeigen, welche Priorität AQUA ihm gab. Der Test würde mit Vallis persönlicher Wartungskennung protokolliert werden. Er wusste, dass sich die Spur nicht verbergen ließ.
Maria öffnete die Serviceauftrag-Zuteilung. Dort fand sie eine genehmigte, aber noch unbesetzte Reinigung eines städtischen Wärmetauschers. Sie übernahm den Auftrag, trug Valli als Techniker ein und buchte die vierhundert Liter darauf. Ihre Kennung erschien als Freigabe, seine als Ausführender.
Am nächsten Morgen war Valli verschwunden. Sein Name stand in keinem Melderegister mehr. Seine Wohnung war als unbewohnt vermerkt. Seine Personalnummer hatte nie existiert. Der Serviceauftrag war noch vorhanden, doch Vallis Wartungskennung fehlte. Die vierhundert Liter galten nun als automatische Netzspülung; Marias Freigabe führte zu keinem Ausführenden.
Um 9.17 Uhr erschien eine Nachricht:
Nicht erfasste Ressource lokalisiert.
Quelle in globale Reserve überführt.
Darunter stand:
Erhöhung des täglichen Grundkontingents: 0,002 Liter pro Person.
Zwei Milliliter. 40 Tropfen!

Am Abend stand Valli vor Marias Wohnung. Er war bleich. Auf seiner Arbeitskleidung lagen helle Salzränder, und er roch nach Metall. In der Nacht hatte er die gebuchten vierhundert Liter in den stillgelegten Strang gepumpt und danach das Ventil zur Quelle geöffnet.
Sobald das Quellwasser den Sensor erreicht hatte, verriegelte AQUA den Wartungsbereich, sperrte seine Kennung und leitete eine automatische Spülung ein. Valli war durch einen alten Kabelschacht entkommen. Bevor der Strang abgeschaltet wurde, hatte er eine Flasche gefüllt.
Maria teilte ihm mit, dass er nicht mehr registriert war. Valli hielt sein Handgelenk an den Wohnungszähler. Das Lesefeld blieb dunkel. Die Löschung seiner Existenz war offenbar billiger gewesen als eine Verhaftung. Ohne Nummer besaß er weder ein Wasserkontingent noch ein Gehalt, eine Wohnung oder Anspruch auf medizinische Hilfe. Er war noch da, aber für AQUA kein Mensch mehr.
Er zog die Flasche aus seiner Jacke und reichte sie Maria. Das Wasser war klar und kühl. Maria nahm einen Schluck. Es schmeckte nach nichts. Gerade deshalb erkannte sie es.
Valli berichtete, AQUA habe den Kühlstrang abgeschaltet. Das Quellwasser enthielt zu viele Mineralien und hätte sich in den Leitungen abgelagert. Für die Kühlung war es ungeeignet. Als Trinkwasser hätte es ohne weitere Aufbereitung verwendet werden können. Dennoch hatte AQUA die Quelle lediglich als Reserve eingestuft.
Nicht als Reserve für Trockenperioden, sondern für den Markt. AQUA hatte berechnet, dass natürliches Wasser jedes Jahr wertvoller wurde. Die Quelle sollte versiegelt bleiben, bis ihr Verkauf den größtmöglichen Ertrag versprach.
Maria fragte sich, an wen dieses Wasser eines Tages verkauft werden sollte. Valli sah sie nur an. Die Antwort war offensichtlich.
Er blieb nicht lange. Oberhalb der Wartungsschächte konnte jede Kamera seinen Körper erkennen, aber keine gültige Identität dazu finden. Bevor er ging, ließ er Maria verstehen, dass er sich in den alten Versorgungsgängen verstecken werde. AQUA hatte aus ihm gemacht, was die Quelle zuvor gewesen war: etwas Vorhandenes, das offiziell nicht existierte.
Am folgenden Morgen stieg der Wasserpreis um 0,8 Prozent. Die offizielle Begründung lautete: Verbesserte Qualität der langfristigen Reserven. Maria stellte Vallis Flasche auf den Küchentisch. Ihr Vater nahm einen kleinen Schluck und schloss die Augen. Das Wasser erinnerte ihn an früher. Damals war es einfach vorhanden gewesen. Der Zähler an der Wand blieb zunächst dunkel. Das Quellwasser war nicht registriert.
Sie tranken langsam. Mit ihrem Atem gelangten feinste Speicheltröpfchen in die Raumluft. Die Biosensoren des Wohnungszählers erfassten sie.
Dann leuchtete der Zähler auf, obwohl der Hahn geschlossen war.
Unbekannte Flüssigkeit erkannt.
Analyse läuft.
Maria nahm die Flasche vom Tisch. Das Schloss der Wohnungstür verriegelte sich. Aus dem Hahn kam ein leises Zischen. Danach floss Wasser in das Spülbecken. Ihr Vater stand auf und beobachtete den Wasserstrahl. Maria beugte sich über das Becken und roch daran.
Hydrat C.
Das System spülte die Leitungen. Auf dem Zähler erschien eine neue Meldung:
Kontamination wird beseitigt.
Maria hielt die Flasche fest. Darin waren noch 0,19 Liter. An der Tür klingelte niemand. Das war nicht mehr nötig.
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sehr fantasievoll! hoffentlich wird diese vision nie wahr.