Janus Zeitstein
Erlösung durch Auslöschung
Die Epoche der kalkulierten Endlichkeit
Science Fiction/Essay
Früher gab es eine Zeit, in der die Menschen den Tod fürchteten wie einen Dieb in der Nacht, als unvermeidbares Schicksal, als metaphysische Schwelle ins Unbekannte.
Doch jene Zeit ist vergangen, verschluckt von einer neuen Epoche, die ihre eigenen Götter erschaffen hat. Über den Städten hängen nun holografische Werbesonnen wie künstliche Planeten, und ihre Botschaften murmeln durch die Straßenschluchten: Ihr Abschied – ein Geschenk für die Zukunft.
Die Menschheit hat aufgehört, sich über diese Slogans zu wundern. Sie hat sie in ihr kollektives Bewusstsein aufgenommen wie eine selbstverständliche Wahrheit, geboren aus jener merkwürdigen Logik, die das Unmögliche möglich macht: Der Tod ist keine Tragödie mehr, sondern eine Option, zertifiziert und belohnt, eine letzte Geste wirtschaftlicher Vernunft im großen Tableau der Existenz.
In dieser veränderten Welt leben die Menschen in Modellen der Fürsorge, wo jede Geste, jede Entscheidung, jeder Atemzug Teil einer größeren Kalkulation geworden ist. Die gläsernen Türme der Städte erheben sich wie Monolithen des Messens, und in ihnen fließen Zahlen über Bildschirme wie digitale Bäche – jede dieser Zahlen bedeutet ein Leben, eine Hoffnung, einen Wert.
Das Alter schleicht nicht mehr als natürliche Reife durch die Gesellschaft, sondern als absteigende Kurve der Produktivität, als wachsende Last, als ökonomisches Problem, das nach Lösung verlangt. Schulden, Hypotheken, Ausbildungskosten – all diese Bürden des Lebens haben ein neues Gegenmittel gefunden, elegant gedruckt auf cremefarbenem Papier, mit goldenen Lettern: die Einladung zur Troststätte.
Diese Troststätten liegen in Parks, umgeben von Bäumen, deren Blätter im künstlichen Wind rauschen, erzeugt von verborgenen Belüftungssystemen, die selbst die Natur regulieren. Die Gebäude sind niedrig, aus hellem Stein, mit großen Fenstern, durch die warmes Licht strömt. Eine Atmosphäre, die zugleich beruhigt und einlullt – gedämpfte Musik, der Duft von Lavendel, sanfte Stimmen.
Hier lernt die Menschheit den Wert des eigenen Verschwindens kennen. Berater in zartem Blau führen durch Räume, wo Bildschirme leuchten und Leben in Diagrammen darstellen. Das menschliche Dasein erscheint als Kurve, als absteigende Linie, aber auch als Potenzial, als letzte Ressource. Man spricht in mildem Ton von der Sterbewert-Kennziffer, jenem Algorithmus aus Alter, Gesundheit und sozialem Wert, Pflege- und Pensionsaufwand, der bestimmt, wie viel ein Abschied wert sein kann. Die Zahlen leuchten auf: Studiengebühren für Enkel vollständig bezahlt. Schulden, ausgelöscht. Ein Erbe, das Zukunft schenkt, die man selbst nie haben konnte.
In diesen Momenten der Beratung formt sich in den Köpfen der Menschen eine Frage, die so alt ist wie das Bewusstsein selbst, nun aber in neuer Gestalt erscheint: Ist dies Liebe oder Kapitulation? Die Sprache hat sich angepasst, sanft und euphemistisch, als würde sie den Tod in Watte verpacken, bis er nicht mehr wehtut, sondern nur noch vernünftig klingt.
Man spricht nicht vom Sterben, sondern vom Schritt, von der Entscheidung, von der letzten Geste der Fürsorge. Die Sterbeprämie, einst umstritten und von Protesten begleitet, ist zur Normalität geworden. Die Menschen tragen ihre Entscheidungen in staatlichen Profilen, markiert mit einem kleinen goldenen Symbol, das signalisiert: Diese Person hat vorgesorgt. Diese Person ist verantwortungsbewusst. Diese Person liebt. Die Vertragsoptionen schimmern auf Tablets wie Menüpunkte in einem Restaurant des Todes. Bonuswahl 3.0 Platinum“ steht dort. Ihre Familie profitiert maximal.

Janus Zeitstein: Leben nach Daten nach Frans Masereel Mijn land Brüssel 1956
Die Gesellschaft hat sich gewandelt auf subtile Weise, unmerklich, aber vollständig. Im Alltag spricht man beiläufig davon, dass jemand den Schritt gemacht hat, und wie erleichtert die Familie sei. Überall hängen Plakate, auf denen glückliche Großeltern ihre Enkel umarmen, mit der Überschrift: Ihr größtes Geschenk.
Im Fernsehen laufen Dokumentationen über Menschen, die ihren Tod gefeiert haben wie einen Triumph, mit Banketten, Reden, Tränen der Dankbarkeit. Die Kultur hat den Tod transformiert von einem Tabu zu einem Akt der Vollendung, zu einer bürgerlichen Pflicht des Erhabenen. In den Schulen lernen Kinder, ihre Lebenskurven zu zeichnen, mit jenem goldenen Punkt am Ende, der den Bonus symbolisiert. Die nächste Generation wächst auf in einer Welt, in der das Verschwinden einen Glanz trägt, einen Wert, eine mathematische Schönheit.
Doch hinter dieser Fassade der Freiwilligkeit lauert ein stiller Druck, unsichtbar wie die Luft, die man atmet, aber allgegenwärtig. Arbeitgeber bevorzugen Familien mit Sterbeboni-Historie. Kredite werden günstiger, wenn man eine Sterbeoption eingetragen hat. Partnerschaften zerbrechen an der Frage: Würdest du für uns gehen, wenn es nötig wäre?
Eine neue Moral hat sich etabliert, ein paradoxer Tugendkanon des Verschwindens: Wer weniger kostet, ist mehr wert. Wer früher geht, spart der Gemeinschaft. Wer mehr hinterlässt, hat mehr geleistet. Es entsteht ein moralischer Vergleich, still und giftig, der durch die Gesellschaft sickert wie Gift ins Grundwasser: Wessen Tod bringt mehr? Die Bonuskultur wird zu einer Hierarchie des Verschwindens, zu einem Wettbewerb, den niemand gewinnen kann, weil der Preis das Leben selbst ist.
Die Menschheit hat gelernt, ihre Existenz als Summendiagramm zu betrachten. Die alte Frage Wie will ich leben? ist abgelöst worden von einer neuen, kühleren Frage: Wie viel bin ich wert, wenn ich gehe? Das Denken hat sich verändert, grundlegend und irreversibel. Fürsorge ist zur Selbstkalkulation geworden, Altruismus zu einem rationalisierten Wirtschaftsfaktor, Liebe zu einer Gleichung mit bekannten Variablen. Die Menschen haben aufgehört, ihr Leben als unberechenbares Abenteuer zu sehen, als chaotisches Geschenk, als existenzielle Freiheit. Stattdessen sehen sie sich selbst als Ressource, als Asset, von Aktuaren genau berechnet, als etwas, das am Ende liquidiert werden kann und sollte zum Wohle derer, die zurückbleiben.

Janus Zeitstein: Polizzen in Strömen nach Frans Masereel houtsnede uit le soleil 1919
Und während die Städte strahlen in ihrem sanften, werbenden Licht, während die holografischen Sonnen ihre Versprechen wiederholen wie mantrische Beschwörungen, schleicht sich ein neues Unbehagen in die kollektive Seele. Es ist das Unbehagen jener, die ahnen, dass in dieser Transformation des Todes etwas Fundamentales verloren gegangen ist. Vielleicht ist es die Würde des Unkontrollierbaren, die Ehrfurcht vor dem Unberechenbaren, die Erkenntnis, dass nicht alles im Leben einen Preis haben sollte, schon gar nicht der Abschied. Vielleicht ist es die Einsicht, dass die größte Freiheit nicht darin besteht, den eigenen Tod zu vergüten, sondern darin, zu leben – eigensinnig, unberechenbar, kostbar.
Doch dieses Unbehagen bleibt meist unausgesprochen, verborgen unter Schichten der Anpassung, der Gewöhnung, der Rationalisierung. Die Menschen haben gelernt, ihre Zweifel zu unterdrücken, ihre Ängste in Algorithmen zu übersetzen, ihre Verzweiflung als wirtschaftliche Notwendigkeit zu tarnen. Sie haben gelernt, dass Widerstand zwecklos ist in einer Welt, die alle Alternativen ausgelöscht hat, die jede Kritik als sentimentale Nostalgie abtut, die jedes Zögern als Egoismus brandmarkt.
Die Mechanismen der Sterbeprämie sind zu perfekt geworden, zu integriert in die Strukturen des Alltags, zu sehr verwoben mit den Hoffnungen und Nöten der Menschen, als dass man sie noch ablehnen könnte, ohne gleichzeitig die eigene Existenz zu gefährden.
In den Archiven der Sozial- und Pflegeversicherungen, tief unter den strahlenden Städten, summen die Server weiter. Sie speichern jede Entscheidung, jede Einwilligung, jede zögernde Zustimmung. Sie sammeln Daten über das Leben und über das Sterben. Jede Kennziffer, jede Berechnung, jeder abgeschlossene Vertrag fließt in eine riesige Datenbank der Endlichkeit ein, ein Monument der Vergänglichkeit, das paradoxerweise ewiger ist als die Leben, die es repräsentiert.
Diese Server kennen keine Moral, keine Zweifel, keine Reue. Sie rechnen nur, unermüdlich, präzise, gleichgültig. Sie sind das wahre Herz dieser neuen Welt, das kalte, mechanische Zentrum einer Gesellschaft, die den Tod rationalisiert und dabei ihre eigene Seele verloren hat. Die Sterbeboni haben eine neue Wahrheit geschaffen, eine Wahrheit, die so offensichtlich ist wie erschreckend: Ein System, das den Tod vergütet, schafft eine Kultur, die ihn rechtfertigt.
Und mehr noch – es schafft eine Kultur, die ihn erwartet, die ihn einfordert, die ihn braucht, um zu funktionieren. Die Ökonomie der Sterbeprämie ist nicht nur ein Mechanismus der Umverteilung von Ressourcen, sondern ein Paradigma, das das menschliche Selbstverständnis von Grund auf neu definiert. Der Mensch ist nicht mehr Subjekt seiner eigenen Geschichte, sondern Objekt einer größeren Kalkulation, ein Posten in einem Budget, das von unsichtbaren Händen verwaltet wird.
So wird diese Epoche erinnert werden, falls es einst Historiker geben sollte, die mit der nötigen Distanz auf diese Zeit zurückblicken und mit dem Schaudern der Erkenntnis. Sie werden schreiben von einer Gesellschaft, die ihren sonderbarsten Traum verwirklicht hat: die vollständige Ökonomisierung der Existenz, bis hinein in den letzten Atemzug. Sie werden von den holografischen Werbesonnen berichten, von den Troststätten mit ihrem milden Licht, von den Kindern, die Todeskurven zeichneten, von den Menschen, die ihre Abschiede feierten wie Geschäftsabschlüsse. Sie werden bestimmt den Satz zitieren, der über allem stand wie ein Epitaph der Moderne: Für Ihre Liebe – eine Bonuszahlung.

Janus Zeitstein: Tod und Watte nach Frans Masereel Blatt 95 aus „die Stadt 1925“
Und sie werden sich fragen, wie es so weit kommen konnte? Wie eine Zivilisation, die sich für aufgeklärt, für human, für fortschrittlich hielt, am Ende zu dem Schluss gelangte, dass der Tod das beste Geschäft sei, das ein Mensch machen kann. Sie werden nach den Anfängen suchen, nach jenem Punkt, an dem die Logik kippte, an dem die Fürsorge zur Ausbeutung wurde, an dem die Liebe zur Investition mutierte. Aber vielleicht werden sie feststellen, dass es keinen solchen Punkt gab, keinen dramatischen Bruch, sondern nur einen langen, schleichenden Prozess der Gewöhnung, der Anpassung, der Normalisierung des Undenkbaren.
Die conditio humana jener Zeit ist die Bedingung als kalkulierte Endlichkeit. Es ist die menschliche Verfassung in einer Welt, die keine Geheimnisse mehr duldet, keine Unberechenbarkeit mehr zulässt, keine Transzendenz mehr anerkennt. Der Tod, einst das große Mysterium, der Horizont aller Fragen, die Grenze aller Gewissheit, ist reduziert worden auf eine Kennziffer, eine Option, einen Betrag. Und mit ihm ist etwas vom Menschsein selbst verloren gegangen – jene Würde, die aus der Anerkennung der eigenen Begrenztheit erwächst, jene Ehrfurcht, die aus der Konfrontation mit dem Unausweichlichen entsteht, jene Solidarität, die aus dem gemeinsamen Schicksal der Sterblichkeit entspringt.
In den Straßen der Städte gehen die Menschen weiter ihrem Alltag nach, und oberflächlich betrachtet unterscheidet sich ihr Leben kaum von dem früherer Generationen. Sie lieben, sie arbeiten, sie hoffen, sie leiden. Aber unter dieser Oberfläche hat sich eine tektonische Verschiebung ereignet. Die Koordinaten des Menschseins haben sich verschoben. Was es bedeutet, ein gutes Leben zu führen, was es bedeutet, für andere zu sorgen, was es bedeutet, würdevoll zu altern – all diese Fragen haben neue, beunruhigende Antworten gefunden in einer Welt, in der der Tod zur Währung geworden ist.
Und so strahlen die holografischen Sonnen weiter über den Städten, unermüdlich, gnadenlos, verführerisch. Sie versprechen Erlösung durch Auslöschung, Freiheit durch Liquidation, Liebe durch Loslassen. Sie flüstern ihre Botschaften in die Ohren der Müden, der Verschuldeten, der Verzweifelten. Sie malen Bilder von einer besseren Zukunft für die Hinterbliebenen, erkauft mit dem höchsten Preis, den ein Mensch zahlen kann. Und die Menschen hören zu, weil sie keine andere Wahl haben, weil die Welt so eingerichtet ist, dass das Unhörbare zur einzigen vernünftigen Option wird.
Dies ist das Zeitalter der kalkulierten Endlichkeit. Dies ist die Epoche, in der die Menschheit glaubte, den Tod zu beherrschen, und dabei entdeckte, dass sie sich selbst verkauft hat. Dies ist die Zeit, die als Warnung dienen sollte für alle kommenden Generationen, als Mahnung vor der Versuchung, alles zu messen, alles zu bewerten, alles zu ökonomisieren – selbst das, was dem Zugriff des Wirtschaftlichen entzogen bleiben sollte, weil es das Wesen des Menschseins selbst berührt.
Doch ob diese Warnung gehört werden wird, ob die Zukunft aus den Fehlern dieser Gegenwart lernen wird, das bleibt ungewiss, verborgen hinter dem Schleier der Zeit, der sich über alle menschlichen Hoffnungen und Ängste legt wie die Nacht über die Stadt und die Stille zurückkehrt – jene Stille, die vielleicht das einzige ist, was in dieser Welt der sanften Abrechnungen noch umsonst zu haben ist.
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Science Fiction weist meist in eine ferne Zukunft, die aber in diesem Essay nicht mehr so fern scheint, eher beängstigend nah. Janus Zeitstein schildert lakonisch, wie Ungeheuerliches selbstverständlich wird und warnt uns beredt vor dem drohenden Warencharakter, den unsere Existenzen bald erhalten könnten, nein, wie der sich eigentlich schon einschleicht. Gratulation an den Autor, auch für die eindrucksvollen Grafiken.
Schön, glatt, gruselig!
Harmonie bis zum Erbrechen…aber vielleicht kommt das vom Kater nach der gestrigen Silvesterfeier