Janus Zeitstein
Der Salamander
Erzählung

Ich fuhr ins Tal, weil drei Forstarbeiter dieselbe Geschichte erzählt hatten. Nicht am selben Stammtisch, nicht nach demselben Schnaps und nicht unter jenem gemeinschaftlichen Wahn, der sich gelegentlich einstellt, wenn der Nebel tiefer hängt als das Gewissen eines Bürgermeisters.

Drei Männer. Drei Täler. Dreimal Gewitterstimmung.

Und jedes Mal: schwarze Tiere, groß wie junge Hasen, lautlos zwischen den Kiefern. Eines, sagte der Erste, habe ein Stück harzgetränktes Holz mit einem einzigen Biss gespalten. Der Zweite schwor, er habe im Rindenstaub kleine Zeichen gesehen, wie sie Mönche in Bücher malen, wenn sie lange allein sind. Der Dritte sagte nur: Frog nit weita.

Das ist in meinem Beruf kein Warnhinweis, sondern ein Arbeitsauftrag: Frag sofort weiter.
Also fuhr ich.
Ich war damals noch ein Mann, der lachte. Ich lachte über Dorfsagen, über Kräuterlikör mit alpinen Namen, über Minister, die Transparenz sagten und dabei die Vorhänge zuzuziehen vergaßen. Ich hatte auch über den Klimawandel gelacht, irgendwann, als er noch wie ein verschwurbelter Wetterbericht klang. Später hörte ich damit auf.
So geht das.

Im Wirtshaus von St. Leonhard saßen die Alten unter einem Hirschgeweih, das aussah, als sei es nicht geschossen, sondern durch lange Überredungskunst von einem sehr traurigen Tier vor dem Gasthaus abgelegt worden. Sie redeten über Lawinen, über Holzpreise, über Enkel, die nach Innsbruck gezogen waren und dort mit Computern etwas taten, das niemand erklären konnte, nicht einmal die Enkel selbst.
Als ich das Wort sagte, wurde es still.
Alpsalamander.
Ein Löffel fiel in eine Suppe. Ein Kartenspiel stockte hörbar mitten im Mischen. Der Wirt polierte ein Glas so gründlich, als wolle er sich in eine andere Welt scheuern.
Nit Bergsalamanda, sagte schließlich ein Förster, dessen Hände aussahen wie knorrige Wurzeln, die seit langer Zeit von einem Menschen herunterhingen. Dös sogn die Gschaitn.
Und ihr?
Er nahm einen Zug aus seiner Pfeife. Der Rauch ringelte sich zur Decke und blieb dort hängen, als traue er sich nicht weiter.
Die Oltn Schworzn.
Dann schwieg er.
Das Schweigen war bedeutungsschwanger. Er setzte sich näher neben mich, bestellte ein Bier und kannte auch schon meinen Namen.
Woasch, Dieta, warum d’Latschn und Kiefan so lang lebm?, fragte der Förster endlich.
Ich wollte etwas sagen über Harz, Frost, Böden und Anpassungsfähigkeit. Ich sagte es nicht. Es war ein Moment der Feigheit, aber auch von Instinkt.
Weil’s alte Bildln echt mochn, sagte er. Und die Salamanda lebm von de Muschta.

Nun gibt es Sätze, die man hört und sofort in die Mappe Spinner legt. Doch manchmal krächzt es nachts aus dieser Mappe. Man steht auf, öffnet sie, und etwas sehr Schwarzes schaut einen an.
Ich fragte, was er meine.
Der Förster sah zum Fenster hinaus, wo der Wind durch die Föhren strich. Draußen wurden die Bäume nicht bewegt; sie hielten wahrscheinlich Rat.
Die Latschn, sagte er, wochsn aus’m gleichn Zaig wia d’Wurzln. Olt. Zåch. Ölta wia mia. Ölta ols Österreich. Des hoaßt schu was. Aber aa nit grod viel.
Er lachte nicht.

Zu Hause begann ich zu recherchieren.
Das Internet wusste nur, dass es Salamander gibt. Es wusste, dass sie geschützt sind, feuchte Wälder lieben und mit lateinischen Namen versehen werden, sobald ein Mensch sich für wissend hält. Das Internet weiß vieles, wie ein Kind, das alle Antworten auswendig gelernt und keine einzige Frage verstanden hat.
Was es nicht wusste: warum.

Ich fand Akten. Ich fand Randnotizen. Ich fand den Namen eines naturkundlichen Instituts, das 1938 geschlossen worden war, weil seine Direktoren entweder politisch unhaltbar, wissenschaftlich unheimlich oder beides gewesen waren. In einem Keller des Landesmuseums, zwischen ausgestopften Vögeln mit seltsamen Blicken und Kästen voller Käfer, lag eine Mappe ohne Signatur.

Auf dem Umschlag stand: SALAMANDRA ATRA — Sonderbeobachtungen. Nicht für Schulgebrauch.
Nicht für Schulgebrauch. Das ist fast immer der Beginn der Wahrheit.
In der Mappe befand sich ein Bericht:
Außergewöhnliche Druckkraft der Kiefer. Verhältnis zur Körpergröße unerklärlich hoch. Vergleichbar mit ausgestorbenen Reptilienarten.

Jemand hatte den Satz mit roter Tinte unterstrichen. Darüber stand ein einziges Wort: Kiefernkraft.
Zuerst hielt ich es für einen Witz. Ein schlechter, aber immerhin ein Witz. Kiefer und Kiefer. Baum und Maul. Sprache ist eine alte Hexe, die ihre Besen gern mehrdeutig beschriftet.

Dann fand ich dasselbe Wort noch zweimal. Immer in Verbindung mit uralten Föhrenbeständen. Immer aus abgelegenen Tälern. Immer dort, wo Straßenbauer nach dem ersten Gutachten ein zweites bestellten und nach dem zweiten ein drittes, bis ein Experte gefunden war, der den Berg für grundsätzlich kooperationsbereit erklärte. So arbeiten Bauimperien.

Die Theorie, die sich aus den Dokumenten zusammensetzte, klang verrückt. Aber Verrücktheit ist eine Frage des Maßstabs. Für eine Ameise ist ein Schuh eine Naturkatastrophe mit Absätzen. Die Alpsalamander holen ihre Kraft nicht aus den Muskeln. Sie holen sie aus den Kiefern. Nicht aus ihren eigenen. Aus den Bäumen. Die Wurzeln der alten Föhren ziehen seit Jahrtausenden Mineralien, Wasser und noch etwas aus dem Berg. Etwas, das kein Botaniker in ein Formular bekommt. Harz. Urbilder, de oltn Bildln, wie der Förster gesagt hatte. Und Zeit.

Die Salamander nagen nicht am Holz. Sie berühren es mit den Kiefern und lesen. So erklärte es mir ein Zoologe aus Innsbruck, der anonym bleiben wollte. Seine Stimme am Telefon klang wie ein Mann, der während des Sprechens unter dem Schreibtisch nach einer Falltür tastet. Wenn die Dinosaurier ein Erbe hinterlassen haben, sagte er, dann nicht in den Knochen. Sondern in den Bäumen. Und die Salamander sind die Letzten, die es lesen können.
Lesen?
Ja.
Mit dem Maul?
Sie lesen besser als die meisten Landesbeamten.

Dann legte er auf.

In derselben Nacht träumte ich von einem kleinen schwarzen Tier, das auf meinem Schreibtisch saß und mit goldenen Augen die Zeitung las. Es blätterte mit der Zunge. Bei jedem Artikel über ein neues Tunnelprojekt seufzte es. Am Morgen war die Zeitung voller winziger Halbmonde. Ich hätte sie fotografieren sollen. Ich tat es leider nicht. Menschen versäumen ständig Beweise, weil sie Kaffee brauchen.

Einige Wochen später fand ich im Archiv einen Bericht aus dem Jahr 1810. Ein französischer Offizier beschrieb den Rückzug aus Tirol. Er erwähnte Scharfschützen, Lawinen, Bauern mit Gesichtern wie geschnitzte Holzmasken. Dann kam ein Absatz, den jemand später aus der Abschrift gestrichen hatte, aber nicht gründlich genug. Die Tinte war blass, doch lesbar:

Die Wälder selbst scheinen gegen uns zu kämpfen. Nachts erscheinen schwarze Tiere zwischen den Kiefern. Unsere Führer verweigern den Weitermarsch.

Ich fragte bei einem Historiker nach. Er war ein Mann, der sich gern in Fußnoten suhlte und nur zu Konferenzen herauskam. Er lächelte trotzdem.

Die Leute reden immer vom Ander Hofer, sagte er. Aber sie vergessen, dass die Mander nie allein gekämpft haben. Dann schnaubte er kurz. Es war kein heiteres Lachen. Es war das Lachen eines Mannes, der seit zwanzig Jahren Akten liest und dabei gelernt hat, dass die Vergangenheit nie tot ist. Sie ist auch keineswegs höflich.

Seitdem ließ mich der Gedanke nicht mehr los. Vielleicht hatte der Tiroler Widerstand nie ganz aufgehört, war nur tiefer in den Wald gewandert. Unter die Wurzeln.
Zu den Alten Schwarzen.

Heute glauben wir, die Alpen gehörten uns. Wir nennen sie Heimat, Kulisse, Standortvorteil. Wir fotografieren sie für Social Media und ärgern uns, wenn sie im Weg stehen. Wir sprengen Tunnel. Wir roden Wälder. Wir schneiden Straßen in den Fels und nennen die Wunden Verkehrserschließung. Die Berge sagen nichts dazu. Sie sprechen langsam. Sehr langsam. Manchmal brauchen sie Jahrhunderte für einen Satz. Manchmal schicken sie einen Salamander.

In jener Zeit begann ich Dinge zu hören.

Nicht Stimmen. Stimmen wären beruhigend gewesen. Von Stimmen kann man einem Arzt erzählen. Ich hörte Knacken in Möbeln, obwohl ich keine Möbel aus Kiefernholz besaß. Ich hörte unter dem Asphalt der Mariahilfer Straße ein fernes, zähes Bohren. Einmal blieb ich vor einer Baustelle stehen, weil ich meinte, aus dem Beton käme ein leises Schmatzen. Der Polier fragte, ob alles in Ordnung sei.

Ja, sagte ich. Ich recherchiere. Er nickte. In Wien ist das wie eine Anerkennung von Wahnsinn.
Gestern fand ich vor meiner Wohnung ein Stück Kiefernholz.
Wien, sechster Bezirk. Dritter Stock. Kein Garten. Kein Kamin. Jedoch ein Lichthof. Es lag auf der Fußmatte gegenüber dem Lift, als hätte der Postbote es gebracht und unterschrieben mit: Natur. Das Holz war nicht gebrochen. Es war sauber durchtrennt. Die Schnittfläche glänzte dunkel und feucht, als atme sie noch. Als hätte eine ungeheure Zange einmal zugebissen. Darauf standen drei eingeritzte Worte: Es isch Zeit. Ich hob das Holz auf.

Da geschah etwas, das ich nur ungern berichte, weil ich noch immer an die Krankenversicherung glaube. Die Jahresringe begannen sich zu bewegen. Nicht schnell. Nicht sichtbar wie ein Uhrzeiger. Eher wie jemand, der seine Schlafposition ändert.

Ich sah einen Wald.

Ich sah Männer in Uniformen, die nicht wussten, warum ihre Pferde scheuten. Ich sah Bauern, die in den Bäumen verschwanden. Ich sah schwarze Tiere an den Wurzeln alter Föhren sitzen, still wie Meditierende. Ich sah Dinosaurier nicht als Echsen, sondern als Druck, als uralte Kieferkraft, die durch Harz und Zeit wanderte, bis sie klein genug wurde, um in ein Tier zu passen, das ein Kind achtlos mit einem Regenwurm verwechselt hätte. Dann sah ich uns.

Bagger. Beton. Werbetafeln. Ferienwohnungen mit Namen wie Alpenblick Premium Residence. Menschen mit Helmen, die den Berg vermessen, als sei er ein säumiger Schuldner.

Und darunter die Alten Schwarzen. Wartend. Nicht voll Hass. Hass ist jung. Hass rennt. Hass schreibt Kommentare. Die Salamander warteten mit Geduld, einer Geduld, die älter ist als alle Reiche und Abmachungen über die Nutzung alpiner Infrastruktur. Ich setzte mich an den Schreibtisch, um alles aufzuschreiben. Das ist die lächerliche Gewohnheit meiner Art von Mensch: Wenn die Welt bröckelt, machen wir Notizen. Draußen begann es zu regnen. Der Regen klopfte nicht an die Fenster; er zählte, poch, poch, poch! Im Hof roch es nach Harz, obwohl dort nur Mülltonnen standen und ein Fahrrad mit verbeultem Vorderrad.

Ich nahm das Stück Kiefernholz in die Hand. Es war warm. Nicht körperwarm. Nicht tierwarm.
Zeitwarm.

Aus dem Treppenhaus kam ein Geräusch. Ein leises, trockenes Knacken. Dann noch eines. Dann viele. Als gingen sehr kleine Wesen sehr entschlossen Stufe für Stufe nach oben.
Ich dachte an den Förster von St. Leonhard.

Ich dachte an den Historiker und sein schmales Lächeln.
Ich dachte an den Zoologen, der sagte, die Salamander könnten lesen.
Dann dachte ich: Vielleicht lesen sie uns schon lange.
Unsere Verträge.
Unsere Gutachten.
Unsere Zeitungen.
Unsere Ausreden.
Und vielleicht haben sie nun genug gelesen. Das Klopfen an meiner Tür war höflich. Das machte es gruselig. Ich öffnete nicht.
Ein vernünftiger Mann hätte die Polizei gerufen. Aber was hätte ich sagen sollen? Guten Abend, vor meiner Tür stehen möglicherweise prähistorische Amphibien mit ökopolitischem Anliegen? Also wartete ich.

Unter die Tür schob sich ein schwarzer Kopf, glänzend wie nasse Tinte. Zwei Augen sahen mich an. Sie waren nicht böse. Das muss gesagt sein! Es gibt Blicke, die einen töten könnten, und es gibt Blicke, die jahrelang überlebt haben. Der Salamander öffnete sein Maul. Zwischen seinen Kiefern lag ein Splitter Holz, dünn wie eine Zunge. Darauf stand ein neues Wort: Schreib.

Also schreibe ich. Draußen im Treppenhaus knackt es weiter. Vielleicht ist es nur das alte Haus. Vielleicht arbeitet das Holz. Vielleicht wandern die Berge durch Wien, Stufe für Stufe, geduldig, schwarz, unaufhaltsam.

Beides ist möglich. Sehr wahrscheinlich beides.
So geht das.

Illustrationen: Janus Zeitstein

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Janus Zeitstein

Janus Zeitstein (Pseudonym), Mitte der 50iger Jahre geboren in Hall in Tirol, Buchhändler im In- und Ausland. Inneneinrichter. Schule für Dichtung. Seit 1990 literarische Beiträge (Stuhlprobe, Dazwischen, Morgenstean, Etcetera, Dum, Edition Sonnberg, Künstlerhaus Wien), 2001 Uraufführung „Knoblauch & Weihrauch“ (eine Liturgie des Geldes). Mitglied der Pataphysischen Gesellschaft, Beiträge für Radio Orange und Freiradio Innsbruck. 2024 „Morphopoetische Rhapsodie“ TAK Innsbruck. Seit über 30 Jahren lebhaft in Wien. https://www.januszeitstein.com/

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