Janus Zeitstein
Der Höttinger Taucher
Ein Beitrag zur Biennale
mit übernationalem Bekenntnis

Wer wagt es, so spricht im Pressefoyer kühl
die Sektionsleitung für immersive Formate,
hinab in das Reale, das vorästhetische Gefühl,
in jene Zone jenseits diskursiver Zitate?
Ein Projekt ist gefordert, radikal, ohne Netz,
site-specific, im urbanen Randbereich,
ein Zugriff auf Stoffe, auf Exkrement und Gesetz –
wer denkt hier nicht Materialität zugleich?

Es handelt sich, fügt man im Dossier noch an,
um eine authentische Senkgrube, nicht metaphorisch gemeint,
ein Ort, wo seit Jahren sich alles ansammeln kann,
was der Körper verwirft und jeder Stadtkanal vereint.
Keine Simulation, kein White-Cube-Geruch,
kein gefiltertes Elend im musealen Licht –
hier gärt reale Scheiße, hier fault es, laut Expertenspruch,
hier endet die Form und hat dennoch Gewicht.

Und betretenes Schweigen im Kreis der Geladenen,
man nippt an Naturwein, man räuspert sich sacht;
die Kuratoren flüstern von Grenzen des Planbaren
und davon, was Förderpolitik möglich noch macht.

Da tritt aus der Reihe – mit niemand vernetzt –
ein junger Performer, ganz ohne Portfolio:
Ich geh da hinunter. Unmittelbar. Jetzt.
Nicht als Metapher – als Körper, als Bio.

Ein Raunen geht durch die akkreditierten Reihen,
man wittert sofort ein diskursives Ereignis;
der Vertrag wird gezückt zwischen Canapés und Weinen:
Ein Beitrag zur Biennale – mit übernationalem Bekenntnis.
Man spricht von radikaler Involvierung des Leibs,
von Überschreitung hygienischer Codierungen,
von Dekonstruktion des bürgerlichen Geschreibs
und post-anthropozänen Materialverbindungen.

Und er steigt hinab.
Nicht ins Bild – in die Scheiße.
In eine echte, gemauerte, über Jahre gefüllte
Senkgrube – aus Hötting das Haus,
wo sich Fäkalien, Urin und Verwesung enthüllte,
wo kein Symbol mehr trägt und kein Weg scheint heraus.

Der Gestank ist kein Diskurs, er ist Angriff, ist Macht,
er frisst sich in Lunge und Denken zugleich;
kein Text hält hier stand, keine Theorie wacht –
nur Gärung, nur Druck, nur das namenlose Reich.

Oben: Kameras. Drohnen. Ein Livestream ins Netz.
Hashtags beginnen zu zirkulieren:
#DeepMatter #Abjection #RadicalSets
– man sieht ihn verschwinden, sich vor den Augen verlieren.

Die Paneldiskussion beginnt noch bevor
sein Körper den Boden erreicht hat im Dunkel:
Ist dies noch Subjekt oder schon Metapher davor?
Wie liest sich das Scheitern im postmodernen Gefunkel?

Doch unten gibt’s nichts mehr zu lesen, zu rahmen,
nur Wärme, nur Blasen, nur Druck und Brennen;
der Taucher wird Teil jener formlosen Namen,
die dort unten schon lange kein Licht mehr kennen.

Dann plötzlich ein Ruck durch die glatte Erzählung:

Ein Körper erscheint – oder was davon blieb,
verklebt, entstiegen der braunen Quälung,
kein Subjekt mehr, nur Stoff, der sich selber zerrieb.

In der Hand: ein Objekt, kaum zu erkennen als Form,
ein Ticktack, beschmutzt, doch mechanisch noch da –
ein Ding, das sich verweigert der ästhetischen Norm,
zu roh für Konzept, zu konkret für Voilà.

Er kriecht an den Rand, hinterlässt eine Spur,
die kein Reinigungsteam je ganz löschen wird;
und lallt, geflüchtet alle menschliche Natur:
Hier. Ich war unten. Es ist – wir haben nicht geirrt.
Er tritt auf die Jury zu, sucht ihre Nähe,
doch sie weichen zurück, professionell distanziert;
man spricht schon von Radikalität die ins Physische gehe
und davon, wie man das im Katalog gut zitiert.

Ein wichtiger Beitrag, sagt später ein Text,
zur Frage nach Körper und Grenzauflösung;
man lobt den Mut und wie konzeptuell komplex
doch vermeidet den Satz über echte Verwesung.

Und niemand berührt ihn. Man schreibt ihn nur fort.
Man hebt ihn ins Abstrakte, ins Sagbare hinauf;
denn was aus der Scheiße kommt, bleibt dort ein Ort,
der sprengt jede Form und vermiest den Verkauf.

So reist das Projekt als Dokumentation
noch vor der Biennale ins Archiv,
als Videoarbeit, als diskursive Station –
der Taucher selbst aber blieb ungenannt, fast naiv.

Zu real für die Kunst, zu sehr Körper und Last,
zu wenig noch Bild, zu viel noch Geruch –
so hat man ihn elegant in Theorie gefasst
und verlor ihn dort in einem nie veröffentlichten Buch.

Illustration: Janus Zeitstein

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Janus Zeitstein

Janus Zeitstein (Pseudonym), Mitte der 50iger Jahre geboren in Hall in Tirol, Buchhändler im In- und Ausland. Inneneinrichter. Schule für Dichtung. Seit 1990 literarische Beiträge (Stuhlprobe, Dazwischen, Morgenstean, Etcetera, Dum, Edition Sonnberg, Künstlerhaus Wien), 2001 Uraufführung „Knoblauch & Weihrauch“ (eine Liturgie des Geldes). Mitglied der Pataphysischen Gesellschaft, Beiträge für Radio Orange und Freiradio Innsbruck. 2024 „Morphopoetische Rhapsodie“ TAK Innsbruck. Seit über 30 Jahren lebhaft in Wien. https://www.januszeitstein.com/

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. c. h. huber

    du hast den „höttinger surtaucher“ ins heute versetzt, sogar die uhr hat er gefunden. nicht schlecht!
    aber irgendwie ist mir der alte, dialektale, den ich schon seit meiner kindheit kenne, fast lieber.

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