Literarische Korrespondenz:
Hermann Arnold an Reinhard Scheiber
Obmann des Vereins "Unser Wasser"
Betrifft:
"In den Stauseen wird zu viel Wasser gehortet"
Zum Gastkommentar vom 11.08.2026 in der Tiroler Tageszeitung
Sehr geehrter Herr Scheiber !
Wer schweigt, scheint zuzustimmen, ein alter Grundsatz, der schon bei den Römern galt und mich zu einer Äußerung zu deiner Expertise in der Tiroler Tageszeitung veranlasst.
Als geborener Sölder und einer, der in seiner Berufslaufbahn wesentlich auch mit der Energiewirtschaft und Stromerzeugung in Tirol zu tun hatte, fällt mir der Inhalt deines Artikels in der TT auf und es verwundert mich, weil allein vom Hausverstand die Situation doch eine ganz andere ist.
Vorausschicken muss ich, dass ich weder ein TIWAG-Kunde, noch deren Marketingleiter bin, aber in der Überzeugung lebe, dass der Strom zwar aus der Steckdose fließt, aber nicht dort erzeugt wird.
Tatsache ist, dass der in Tirol durch Wasserkraft vor allem auch im Winter dank der Speicher erzeugte Strom eine unverzichtbare Grundlage für die gesamte Tiroler Wirtschaft ist und bleibt. Dies bestätigen alle Fachleute.
Weil bedeutende zukunftsorientierte Persönlichkeiten des Landes früh genug erkannt haben, wie wichtig der Ausbau der Wasserkraft ist, können die Tiroler heute auf eine zumindest zum Großteil gesicherte Versorgung vertrauen.
Dass der Strombedarf auch in Gurgl merkbar sein müsste, glaube ich ebenso , wie ich nicht überzeugt bin, dass die Speicher den Bauern, der Wirtschaft und den Kommunen zum Nachteil gereichen.
Die von dir behauptete Gier nach ungebremstem Profit auf Kosten der Allgemeinheit sieht so aus, dass Tirol den niedrigsten Strompreis und eine sichere Versorgung hat. Und auch muss man sich nicht schämen, wenn das Landesunternehmen TIWAG Geld lukriert, für eine sichere Versorgung steht und Arbeit und Existenz für viele Tiroler bedeutet.
Logischerweise ist der Ausbau der Stromerzeugung unabdingbar, wenn alle Bereiche täglich mehr Strom verlangen, und Gott sei Dank gibt es im Lande noch Menschen, die auf dieses künftige Erfordernis trotz merkbarem Gegenwind – auch von solchen, die den Strom täglich als selbstverständlich nutzen – nicht vergessen.
In Tirol sind durch den Bau der Wasserkraftwerke weder Wälder noch Böden im Tal vertrocknet, vielmehr haben Speicher neben der Ermöglichung der Stromproduktion vielfältigen Nutzen bewirkt.
Ich empfehle dir einmal ins Zillertal zu fahren und dort zu fragen, was die Speicher bei Unwetter bewirkt haben. Tausende Hektar bleiben jetzt ebenso vom früher immer wieder übergehenden Ziller verschont, wie auch die Bewohner nicht mehr volle Keller befürchten müssen.
Gerade das von dir kritisierte große Geschäft mit teurem Exportstrom ermöglicht in der Tat im Hinblick auf den mangelnden und so eintauschbaren Bandstrom durchaus eine sehr wirksame Energieversorgung.
Die Photovoltaik wird auch den Gurglern nicht zur richtigen Zeit die notwendige Strommenge bringen, und ob ein Windrad in Gurgl – auch bei dir – eine große Freude auslösen wird, bezweifle ich, selbst dann, wenn es wirtschaftlich sinnvoll wäre.
Ich weiß nicht, ob du zu denen gehörst, die immer noch glauben, dass der Strom aus der Steckdose kommt und jeder notwendige Eingriff in die Natur zu unterlassen ist. Auch bin ich nicht sicher, ob die Gurgler eine Freude hätten, wenn sie anstatt künstlicher Beschneiung das hierfür erforderliche Wasser ungehindert abfließen lassen müssten.
Verständnis dafür habe ich, dass die Ötztaler das Wasser im Tal behalten und dort ausbauen wollen – das würde mit einem Speicher auch der Sicherheit vor Überschwemmungen dienen – aber wissen muss man dabei auch, dass das Wasser nicht Ötztaler Eigentum ist, sondern dem Staat gehört.
Ich weiß schon, dass ich mit dieser kurzen Stellungnahme deine Meinung nicht ändern kann. Aber unwiderlegbar bleibt, dass man mit Egoismus und absolut unberührter Natur nicht den Wohlstand fördert, sondern eher dorthin zurückehrt, wo Öllampen (Lutschera) Standard waren.
Schließlich vermisse ich – so wie bei den meisten Gegnern der Energiewirtschaft – bei deinen Ausführungen das Rezept für die Bereitstellung zusätzlicher Strommengen.
Trotzdem mit freundlichen Grüßen Dr. Hermann Arnold
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