Helmuth Schönauer
Wetten im Fußball,
an der Börse und in der Literatur.
Stichpunkt
Zu Jahresbeginn wurden in der Türkei gut 150 sogenannte Unparteiische verhaftet, weil sie aktiv Fußballwetten platziert haben. Diese kleine Nachricht freut Fans der Türkei ganz besonders, weil man in diesem Zusammenhang endlich das Wort getürkt verwenden darf, das ja in der überschäumenden Sprach-Correctness sonst verpönt ist. Man darf nämlich die Verfehlungen in einem Lebensbereich nicht auf einen ganzen Staat ummünzen.
1.
Wenn also 150 Fußball-Schiedsrichter in der Türkei verhaftet werden, so könnte das bedeuten, dass sie politisch nicht ganz auf Linie sind, oder aber, dass sie unbefugt in die dunkle Welt der Fußballwetten eingedrungen sind.
Wetten sind die Börse des kleinen Mannes, heißt es. Wer sich am großen Kapitalmarkt nicht in Szene setzen kann, der geht oft ins Wettbüro. Aber auch die große Welt der Börse offenbart gegenwärtig ihre dunklen Seiten. Trotz aller Beteuerungen der Börsenaufsicht, dass alles streng reglementiert und kontrolliert sei, gibt es immer wieder erstaunliche Kapitalverschiebungen, die vermutlich auf Insiderwissen zurückzuführen sind.
Insiderwissen schädigt das Vertrauen in die Börse und muss deshalb zumindest schön geredet werden, wenn man es schon nicht verhindern kann. Allein die zunehmende Unverfrorenheit, mit der die amerikanische Regierung in den Kapitalmarkt eingreift, verschlimmert das Vertrauen zusätzlich. Hier handelt es sich nämlich nicht nur um Insiderwissen, sondern wie bei Fußball-Schiedsrichtern um performative Vorgänge durch Insider-Macher.
Von Verhaftungen an der Börse ist selten die Rede. Wenn es wirklich zur Implosion der Aktien kommt, stürzen sich eher die Opfer aus dem Fenster, wie beim großen Börsenkrach, als dass jemand ins Gefängnis müsste.

2.
Verfehlungen bei Fußballwetten schlagen hingegen immer noch als etwas Besonderes auf, dabei spielen gerüchtehalber diverse Ligen nicht nur wegen der Meisterschaft, sondern in der Hauptsache, um den Wettmarkt zu befriedigen. Gift sind für diesen Markt gekaufte (getürkte) Spiele, wenn bereits im Vorhinein feststeht, wie viele Elfer, Ausschlüsse und Freistöße es geben muss, damit die platzierten Wetten Gewinn abwerfen.
Die Unparteiischen sind die Schlüsselfiguren eines solchen Wettspiels. Sie haben es wie sonst nur der amerikanische Präsident in der Hand, ein Spiel nach eigenen Regeln zu pfeifen und dadurch Tatsachen zu schaffen. Dabei liegt die Kunst des Falsch-Pfeifens darin, es wie ein zufälliges Spiel aussehen zu lassen.
Wenn der Schwindel auffliegt, gibt es sowohl an der Börse wie auch am Rasen Tumulte, weshalb der Staat schon wegen der öffentlichen Ruhe einschreiten muss. In der Türkei liegt das Zentrum der Verhaftungswelle im Nordosten des Landes in teils entlegenen Gegenden, wo tatsächlich der Staat zusammenbricht, wenn falsch gepfiffen wird.
3.
Literaturfachleute können über falsche Wetten, getürkte Spiele und Unparteiische mit Insiderwissen nur lachen. Der ganze Literaturbetrieb besteht letztlich aus einem Spiel, in dem ausschließlich das Insiderwissen zählt. Das Spiel ist zudem so perfekt abgekartet, dass es keine Verfehlungen darin gibt, weil sich die Regeln in der Literatur während der Lektüre zu ändern scheinen.
Literatur-Jurys müssten nach den strengen türkischen Vorgaben bei uns massenhaft verhaftet werden, da sie ausschließlich platzierte Verlags-Wetten befriedigen und nicht das Spiel in seinem Freilauf innerhalb von Regeln beurteilen. Auch in der Literatur zählt letztlich das Vertrauen. Wenn am Buchdeckel Krimi drauf steht, sollte auch einer drin sein.
Aber Lesen ist zur Freude der Anwender nichts anderes als eine große Wette, die man vor der Lektüre mit dem Buch eingeht.
Wetten, dass die Kommissarin alleinerziehend ist und die Männer hasst? Wetten, dass der Böse eine schlechte Kindheit gehabt hat, die ihn zum Verbrechen geradezu zwingt? Wetten, dass das Buch keinen Erkenntnisgewinn ausstößt und von vorneherein als Appetizer für ein nächstes Buch angelegt ist?
Oft ist die Wette vor der Lektüre das einzige Vergnügen beim Lesen. Wem die Fußballwetten künftig in der Türkei zu gefährlich sind, der sollte auf Lesen umsteigen, um vor allem als Schiedsrichter einer Verhaftung zu entgehen.
Beim Lesen bist du immer safe!
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