Helmuth Schönauer
Dom und Blase
Zur Überreichung des „Marmeladepreises“
der S H. und K. Zuegg-Stiftung
Stichpunkt

Während einer akademischen Feier wird der historische Lesesaal der Uni Innsbruck leicht zu einem emotionalen Screenshot zwischen einem Sakralgebäude und einer kommunikativen Blase.


1.
Durchaus schmunzelnd wird das akademische Treiben an den Universitäten oft mit einer Tablette verglichen. 80 Prozent sind Stabilitätsmasse, damit die Tablette wie eine Tablette aussieht, nur 20 Prozent sind das, was man Wirkstoff nennt.

Eine akademische Feier besteht daher aus lauter akademischen Stabilisatoren in Gestalt von Talaren, Titeln und gegenseitigen Zitaten, um einen Wirkstoff für ein paar Augenblicke als Gedankengang in Szene zu setzen. Der sogenannte Literaturbetrieb ist ähnlich aufgebaut: 80 Prozent sind Getue, Preise und Talkshows, höchstens 20 Prozent des Happenings sind das, was man den Text nennt.

Wenn nun zwei Tabletten aufeinander treffen, entsteht für ein paar Augenblicke ein Brausepulver, welches das Publikum in Trance zu versetzen vermag.

Trivial beschrieben: Im historischen Lesesaal der Uni sitzend und dem Treiben verschiedener Schausteller ausgesetzt fühlt man sich als Teil eines meditativen Publikums angenehm berauscht. Es entsteht ein akademisches Gefühl irgendwo zwischen Dom und Blase.


2.
Anlass für dieses Gefühl zwischen Innigkeit und Abgeschiedenheit ist die Überreichung des Literaturpreises der Universität Innsbruck.

In der Ausschreibung heißt es: Die Universität Innsbruck schreibt den Literaturpreis für junge Autorinnen und Autoren (bis 40 Jahre) aus. Gefördert wird der Literaturpreis durch die H. und K. Zuegg-Stiftung, benannt nach dem Südtiroler Unternehmer Karl Zuegg und dessen Tochter Dr. Hiltraud Märk-Zuegg. Die Auszeichnung soll auf dem Weg zu einer professionellen Karriere unterstützend wirken. Das Preisgeld beträgt bis zu 4.000 Euro.



3.
Im Volksmund wird dieser Preis fröhlich Marmeladenpreis genannt, weil der Namensstifter vor allem durch exquisite Verarbeitung von Obst und Früchten im ganzen Land bekannt ist.

Der Hintergrund für die Vergabe des Literaturpreises ist die Sehnsucht des Altrektors und seiner Frau, für ein paar Augenblicke die wissenschaftliche und künstlerische Welt zu verbinden, wie dies zu Zeiten der Renaissance schon einmal der Fall war. Folglich haben die vier ausgezeichneten Wissenschafts-Künstler jeweils ein universitäres Studium abgeschlossen, das sich auf ihr literarisches Schaffen befruchtend auswirkt.

An diesen vier Literaturmenschen kommt momentan niemand vorbei, meinen die zwei Lobenden (Laudatoren) und stellen dann die vier Preistragenden vor.

Miriam Unterthiner, BA BA MA, Lesung aus Blutbrot

Emil Kaschka, BA, Lesung aus Große Tage

Siljarosa Schletterer, BA, Lesung aus einschreibungen – eine anatomie

Veronika Zorn, BA, Lesung aus ÜBERSCHREIBEN


4.
Die vorgestellten Textausschnitte bringen schließlich die große Wahrheit des Literaturbetriebs zum Vorschein: Literatur ist Holschuld, nicht Bringschuld!

Während das Publikum allmählich in die Realität zurückschreitet, die durch ein kleines Buffet abgefedert wird, fallen Feierlichkeit und akademische Blase in sich zusammen, als ob nichts gewesen wäre. Tatsächlich redet das Publikum alsbald von jenen Veranstaltungen, die zur selben Zeit stattfinden und das Interesse an der Übergabefeier für den Marmeladenpreis etwas ausgedünnt haben.

Parallel dazu drängen nämlich die Leipziger Buchmesse und der Bibliothekskongress in Wien in den Vordergrund des Interesses und spülen eine weitere Weisheit ans Tageslicht: Es gibt mehr Literaturveranstaltungen als Publikum. Oder bibliothekarisch formuliert: Die Literatur ist immer größer als deine Lesekraft.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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