Helmuth Schönauer
Subventionskanonen am Pistenrand
der österreichischen Literatur
Anlässlich von „Buch Wien“
Stichpunkt

Die österreichische Literatur hängt seit Jahrzehnten an der künstlichen Beschneiung, was man ihr aber zum Unterschied von Schigebieten nicht vorwirft. 

In regelmäßigen Abständen geht dem Staat das Geld aus und er muss die Fördertöpfe verkleinern. Jüngst geisterte das Gerücht herum, dass als Sparmaßnahme die Laufzeit von Literaturstipendien von zwölf auf zehn Monate gekürzt werden solle. In der Folge wären dann die gesponserten Romane kürzer geworden, was das Publikum freudig begrüßt hätte.

Leider hat der Kulturminister diesen raffinierten Einsparungsschritt wieder zurückgenommen, weil die eingesparten Summen ohnehin lächerlich gering gewesen wären. Zudem gilt Literaturförderung seit Jahrzehnten als etwas Staatstragendes. Man könnte diese permanenten Zuwendungen an die Literatur auch mit der künstlichen Beschneiung von Schipisten vergleichen. Der literarische Klimawandel lässt offensichtlich keine natürliche Schreiberei mehr zu. Daher muss an allen Ecken und Enden zugeschossen werden.

Im Laufe der Zeit haben sich freilich besondere Förderungen, sprich Schneekanonen etabliert. Von ihnen profitieren immer die gleichen Nutznießer eines Systems, das ständig mit neuen Aktionen unterfüttert wird.

Die zehn auffallendsten Förderkanonen seit 1970:

1. Die Verdoppelung von PEN
Als der Sozialismus an die Macht kam, stellte man fest, dass der PEN eine antiquierte, rückwärtsgewandte Vereinigung ist. Flugs wurde in Gestalt der GAV (Grazer Autorenversammlung) eine Parallelaktion etabliert und ordentlich finanziert.

Kein Land der Erde leistet sich zwei solcher Vereine, zumal sie keinerlei Einfluss auf die Qualität der Literatur haben.
Freilich lässt sich mit zwei Vereinen die potentielle Mitgliederzahl verdoppeln, wodurch auch eine Verdoppelung der Fördergelder notwendig wird.

2. Nationalliteratur im Kalten Krieg
Den Kampf zwischen BRD und DDR um die wahre deutsche Literatur nützte Österreich geschickt aus, um die österreichische Literatur als dritte eigenständige Variante auszurufen. Nach Aufbegehren der Südtiroler wurden auch die Schweizer und Rumänen als deutschsprachige Kleinkulturen anerkannt.

So etwas kostet natürlich Geld, denn überall mussten nun österreichische Literaturinstitute und Auslandsbibliotheken gegründet werden. Diese nahmen personalpolitisch den Druck vom germanistischen Arbeitsmarkt, der wegen Überproduktion an Germanisten gerade beim Explodieren war.

3. Literaturzeitschriften
Mit dem Auftauchen der Xerographie schossen an allen Orten Literaturzeitschriften ins Kraut. Alle mussten gefördert werden, was Herbert Achternbusch zur ätzenden Meldung veranlasste: Eine Literaturzeitschrift machen will jeder, aber lesen will sie keiner!

4. Kleinverlage
Nachdem jeder Dichter im Land seine eigene Literaturzeitschrift hatte, ging man dazu über, für jeden Dichter auch einen Kleinverlag zu gründen. Auch diese mussten gefördert werden, was einen eigenen Beamtenapparat erforderte, der seither unter dem Fachausdruck Verlagsförderung arbeitet. Später wurde aus dem Konzept des Einmann-Verlages das Bod-System: book on demand.

5. Lesetourneen
Wenn die Leser nicht zu den Büchern kommen, kommen die Dichter eben zu den Lesern. Das Konzept Lesetournee ward geboren und orientiert sich an Konzertagenturen, die ihre Bands ins tiefste Land verschicken. Diese Tourneen werden zum Teil von Bibliotheken subventioniert, zum Teil vom Schulservice, das die Dichter meist in die Turnsäle steckt, wo man vormittagelang bewegungslos kaum bewegenden Geschichten zuhören muss. Alles wird gefördert.

 

6. Writer in Residence, Stadtschreiber, Urlaubsfeuilletonisten
Da das Publikum zunehmend die Dichterauftritte zu meiden begann, planten die Dichter Aufenthalte in Gegenden ohne Publikum. Stadtschreiber-Wohnungen wurden mit Billigmöbeln aufgerüstet, um einen sogenannten Stadtschreiber ein paar Monate lang bei Kost, Logis und Taschengeld einzusperren, bis ihm anschließend die Psychiatrie übernahm.

Diese Stadtschreiber-Wohnungen sind übrigens Vorläufer von Airbnb, wobei sich mancher Vermieter eine goldene Nase verdiente, denn gefördert wurde auch hier alles.

7. Stipendien
Die Stipendien sind heiß umkämpfte Trophäen fürs Nichtstun, wobei die eigentlichen Gewinner immer die Jurymitglieder sind. Die ergattern neben dem Sitzungsgeld auch die eine oder andere Verlagsaufmerksamkeit, wenn sie einen gewissen Schützling besonders protegieren. Der Kreis der Stipendiaten ist relativ klein, bei etwa fünfzig ausgelobten Preisen und Stipendien kann jemand ein Leben lang davon leben, wenn er jedes Jahr dabei ist. Und es gibt einige solche, die jedes Jahr ihren Preis gewinnen.

8. Literaturhäuser
Als die Germanisten drohten, statt in die Schule zu gehen, um zu unterrichten, auf die Straße zu gehen, schaffte man für sie schleunigst Literaturhäuser. Die Aufgabe dieser Häuser besteht darin, eine Handvoll sogenannter Stammgast-Dichter im Quartalsabstand durch die Bundesländer zu schicken. Dabei entwickelte sich, ähnlich dem Jailhouse-Rock, eine eigene Gattung: die Literaturhaus-Literatur. Auch hier: Alles wird gefördert und klandestin aufgeführt.

9. Vorlässe
Wenn die Dauerstipendiaten ihr Programm durch haben und beim besten Willen kein Preis mehr zum Absahnen bereit steht, liefern sie ihr Werk als sogenannten Vorlass ans nächstbeste Literaturarchiv. Unter der Hand wird eifrig lizitiert und verglichen, bis der Preis ordentlich in die Höhe getrieben ist. Bei der Aktion Vorlass handelt es sich um eine typische Geldwäsche-Aktion mit öffentlichen Geldern, zumal es kaum Logik oder Transparenz bei den Transaktionen gibt.

10. Homeoffice
Die sogenannte Pandemie bringt Ausläufer des Slogans Koste es was es wolle auch ins Dichtermilieu. Endlich sind öffentliche Kontakte verboten, sodass es nicht auffällt, dass bei Lesungen ohnehin nie ein Publikum anwesend ist. Die Dichter sind durch ihre Solokarrieren bestens vorbereitet für Homeoffice, das sie jetzt endlich als Arbeit verrechnen können, ohne deshalb die Stipendiumskarte zücken zu müssen.

Wenn bei der nächsten Kürzungswelle die eine oder andere Sprühlanze am Pistenrand den Output verringern sollte, wird das der Literaturszene nicht schaden. Sie wird alles daransetzen, neue Fördertöpfe anzuzapfen. So könnte man etwa den Einsatz der KI bei der Produktion von Texten in Form einer kreativen Abschlagszahlung fördern.

Der Traum der Leser sollte aber auch gefördert werden: Es gilt, eine Maschine zu erfinden, die alles liest, ohne dass man sich mit eigenen Augen in den geförderten Texten herumquälen muss.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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