Helmuth Schönauer
Wenn das Stadtbild
an der Stimmung nagt.
Stichpunkt
Jeder Mensch hat eine persönliche Schmerzgrenze für das, was ihn aufregt. Auch ein angesehener Familienbetrieb kann Ärger verbreiten.
1.
Im Westen der Stadt am Mitterweg hat letztes Jahr das hoch gerühmte Tiroler Familienunternehmen M-Preis seine Straßen-Signaturen ausgetauscht. Wie vor allen anderen Filialen des Landes wurde ein roter M-Würfel aufgestellt, um in alle Windrichtungen zu verkünden, dass jetzt ein neuer Einkaufswind weht.
Das Publikum freilich, vorwitzig oder gemein wie immer, hat dieses M auf dem Würfel als Zeichen für Müll-Entsorgung gedeutet und noch in der Nacht damit begonnen, Müll vor dem M-Preis abzulagern.
Als Fan des Unternehmens denkt man vorerst noch, dass die Facility-Kompanie des Imperiums den Eingang bald wieder frei halten werde. Aber weit gefehlt.Der Müll wird höchstens einmal in der Woche beiseite gekehrt, manchmal hat man den Eindruck, man schiebt ihn einfach auf den Gehsteig hinaus, wo die kommunale Kehrmaschine ihn dann übernehmen soll.
Einen besonderen Leckerbissen stellt freilich ein an den Handlauf gekettetes Fahrrad-Fragment dar, das mittlerweile seit neun Monaten als Platzhirsch für Müll unter dem M-Zeichen fungiert.
An dieser Stelle ist die Beschreibung für jene zu Ende, die sich selbst bestens unter Kontrolle haben, indem sie einfach die Wahrnehmung abschalten, wenn sie lästig wird.

2.
Unter gewissen Kunden des M-Betriebs freilich tritt seit Monaten jene komische Stimmung auf, in der niemand so recht weiß: soll es ein Problem sein oder nicht? Denn einerseits ist das angekettete Fahrradteil längst zu einem Kunstwerk geworden wie viele Gebäude der Firma, die in den diversen Architekturführern höchstes Lob einheimsen. Andererseits ist es ärgerlich, wenn ein Geschäft, das mit Lebensmitteln in einer Atmosphäre von Grundhygiene handelt, nicht einmal den Eingang frei halten kann.
Gespräche mit dem Personal bringen nichts, die haben offensichtlich alle einen Maulkorb und Schwierigkeiten, sich gewerkschaftlich vertreten zu lassen, kurzum: niemand ist bereit, eine Beschwerde entgegenzunehmen.
Irgendwann einmal lässt sich einer dieser in der Stimmung schwankenden Kunden dazu hinreißen, der Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns in Völs eine Bitte zuzuschicken, man möge vielleicht das Pedalgerüst entfernen, um zu zeigen, dass man das Geschäft irgendwie im Griff hat. Die Antwort ist nett und KI-generiert, und schon nach einer Woche geschieht etwas: Das Fahrrad wird umgedreht und an der Hinterseite des Handlaufs platziert. Offensichtlich ist niemand bereit oder in der Lage, ein kaputtes Fahrrad von seinem Privatgrundstück zu entfernen.
Der Philosoph Alexander Kluge nennt so einen Vorgang, bei dem alles in der Schwebe bleibt „Gedehnte Gegenwart“.
3.
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat offenbar in Kenntnis dieses Mini-Problems unter dem M-Signet eine Diskussion inklusive Shitstorm ausgelöst, als er das Wort „kaputtes Stadtbild“ verwendete.
Damit wollte er darauf hinweisen, dass es diese grummeligen Wahrnehmungen des öffentlichen Raums sind, die uns letztlich verunsichern oder aggressiv oder lethargisch machen, je nachdem, wie man sein Dosimeter für Probleme eingestellt hat.
Vielleicht nagen solche kleinen Ärgernisse im Stadtbild deshalb so an der Stimmung, weil sie zeigen, dass wir zwar für manches in unserer Umgebung zuständig sein könnten, letztlich aber uns selbst bereits im Handeln aufgegeben haben und alles irgendwelchen Instanzen überantworten.
Im Netz könnte man das Fahrrad jederzeit wegwischen. Aber analog ist es verdammt gut angekettet an die Realität.
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