Helmuth Schönauer
Schließfach und Lebenssinn ausgeraubt.
Stichpunkt

Zum Jahreswechsel kommt es in der Ex-Bergbaustadt Gelsenkirchen im Ruhrgebiet zu tumultartigen Szenen, wie wir es sonst nur von der Wochenend-Randale rund um die Spiele des FC Schalke 04 kennen.Eine Sparkasse ist über Tage hinweg von Kriminellen im Keller angebohrt worden, sodass man gut 3.000 Schließfächer öffnen und beklauen konnte.

Der Coup hat nicht nur die Sparkasse getroffen, die den Ausgeraubten erklären muss, dass sie selbst baff ist. Der Raub zerlegt auch eine ganze Gesellschaftsschicht in ihrem Vertrauen. Denn ein Gutteil der Mittelschicht glaubt immer noch, dass es Sinn macht, etwas anzusparen und sicher zu verwahren, ehe man eines Tages durch Tod von jeglichem Besitz erlöst wird.

Tagelang filmen öffentlich rechtliche Medien den Auflauf der Ausgeraubten und es kommt zu herzzerreißenden Interviews.

Dabei fällt auf:
Nur Menschen mit Deutsch als Fremdsprache lassen sich interviewen.
Männer bejammern den Verlust der Rentenabsicherung.
Frauen schluchzen über den verlorenen Familienschmuck, der meist von der längst verstorbenen Mutter in einem fernen Land stammt.

Und eine Frau sagt schließlich den literarisch anregenden Satz: Jedes ausgeraubte Schließfach erzählt eine lange Geschichte. Bei Literaturmenschen löst dieser Seufzer sofort Sehnsucht aus. Ja warum gibt es ununterbrochen ausgeraubte Banken in Krimis, aber niemand erzählt von den Schließfächern, die dabei ihrer Geheimnisse beraubt werden? Warum gibt es keine Oral History über Schließfächer?

Dabei wäre es so einfach, Menschen als Zeitzeugen anzusprechen und ohne den Anlass Bankraub zu befragen, was für Geschichten sie in den Tresoren abgelegt haben. Natürlich wird niemand antworten und sich dem Staat ans Messer liefern. Denn dieser lässt kaum noch ein Geheimnis zu, was das Vermögen kleiner Leute betrifft.

Dabei liegt in diesen Schließfächern der Schlüssel für ein geordnetes Wirtschaften verborgen. Wenn du nämlich den Menschen keinen Anreiz gibst, sich etwas Vermögen als Geheimnis für sogenannte schlechte Zeiten zu schaffen, wird niemand zusätzlich einen Finger rühren, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. 

Alle, die einen Cent über dem Existenzminimum verdienen, stehen heutzutage vor dem Problem, dass sie damit außer in den Urlaub zu fahren nichts anfangen können. Anschaffungen wie Wohnraum sind unmöglich, Stiftungen erst bei einem großen Kapital-Volumen zugelassen und Aktien und Krypto-Währungen verfallen oft noch am gleichen Tag, an dem man sie angesteuert hat. Bleibt also nur das Schließfach, in das man ein paar zusammengerollte Kunstwerke, unverlegte Romane, etwas Schmuck und Anteilsscheine an zweifelhaften Firmen einschließen kann.

Und dann auch noch das! ‒ Raub mitten in der Sparkasse und Verhöhnung durch die wirklich Reichen, dass man so dumm ist, so mickrig zu sparen. In Österreich liegt die Haftungsobergrenze für Schließfächer übrigens zwischen 3500 und 35000 Euro. Das deckt im Durchschnitt in etwa jene Summe ab, mit der man ein Jahr lang durchkommen könnte. 

Natürlich wird wieder einmal der Ruf nach verschärften Schließfachsicherungen laut. Der Staat soll etwas lösen, was ein südafrikanischer Minenarbeiter schon vor Jahren als Dilemma in die Kamera gesagt hat: Es ist verrückt, wir graben in vier Kilometern Tiefe das Gold aus, damit es später die Banken in vier Metern Tiefe wieder eingraben.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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