Helmuth Schönauer
S-T-A-U-T-O
Die Schummel-Software schlägt zurück.
Stichpunkt
Produktion und Gebrauch des Automobils scheinen in Deutschland zum Stillstand gekommen zu sein.
1.
Als unsere Generation in den 1970ern quasi zeitgleich mit der Matura den Führerschein ablegte, hatte sie in typischer 68er Manier eine revolutionäre Begründung auf den Lippen. Ich fahre lieber jemanden über den Haufen, als dass ich zusammengefahren werde! Von da an waren wir alle Teil eines paradiesischen Zustandes, worin man Tag und Nacht mit geringen Kosten überallhin fahren konnte, ohne dass man dort dann wusste, was man mit sich selbst anfangen sollte.
2.
Spätestens seit der Jahrtausendwende, als laut Wolfgang Merkel, einem führenden Politikwissenschaftler, in Deutschland der Peak an Demokratie, Wohlstand und Lebenssinn erreicht wurde, wird die Glücksmaschine Auto hinterfragt.
Da wir Österreicher mittlerweile stark mit Deutschland verwoben sind, sei es durch Tourismus, Zweitwohnsitz oder Zulieferverträge in der Autoindustrie, haben wir es uns angewöhnt, politische Veränderungen anhand deutscher Fernsehkanäle zu studieren, damit wir die Vorgänge im eigenen Land vorausahnen können. Denn das Geschehen in Österreich gleicht mit einer kleinen Verzögerung dem deutschen Drama aufs Haar.
Dieses Drama besteht nun darin, dass die sogenannte Autokratie, wie die Vorherrschaft des Autos genannt wird, Federn lassen muss, wenn sie nicht gar den Bach hinuntergeht.
3.
Die deutsche Autokratie besteht verkürzt formuliert aus folgenden Elementen:
– Politiker werden nach ihrer öffentlichen Funktionsperiode Aufsichtsräte in Autokonzernen.
– Bei Regierungsbildungen muss mindestens ein Ministerium ein Autoministerium sein, verkleidet als Ministerium für Infrastruktur, Klimawandel, Technologietransfer, auswärtige Angelegenheiten oder Verteidigung.
– Diese politischen Zusammenhänge gehen auf die entscheidenden Maßnahmen nach dem Weltkrieg zurück, als man aus Kriegsfabriken Autofabriken entwickelte. Statt einer bewaffneten Armee sollte in Zukunft ein Heer von Autofahrern in Europa einmarschieren.
– Um die Aufmarschzeiten kurz zu halten, gab es daher keine Tempolimits auf deutschen Autobahnen, man will ja möglichst rasch beim Nachbarn einfahren.
– Nachdem alle Einwohner nach Kühlschränken und Fernsehern auch mit dem Automobil ausgestattet waren, wurde auch das legendäre deutsche Autowunder entwickelt.
– Man baute nur mehr Premium-Modelle, die als Dienstautos und Firmenwägen reißend Absatz fanden.
– Das große Geschäft wurde dann in China gemacht, wo anfangs die deutschen Auto-Manager im Stile der Hunnenrede (1900) Kaiser Wilhelms II vor den dortigen Einheimischen auftraten.
– Später propagiert man deutsche Ingenieurskunst dadurch, dass man sogenannte Schummel-Software weltweit in Umlauf brachte.
4.
Jetzt wird Letzteres in der eigenen Bevölkerung wirksam: Allein 50.000 Arbeitsplätze gehen innerhalb eines Jahres verloren. Die Autobauer selbst stimmen furchtbares Geheul an und stehen täglich vor den Ministerien Schlange, um Subventionen und Steuererleichterungen zu erpressen. Kein einziger Lobbyist hat je zur Sprache gebracht, dass es vielleicht an den Spätfolgen der Schummel-Software liegen könnte, dass die ganze Branche als heimtückischer Versager gebrandmarkt ist.
Mittlerweile stauen sich die Autokolonnen doppelt. Die einen stehen als unverkäufliche Premiums auf Halde und die bereits verkauften Modelle stehen auf kaputten Straßen im Dauerstau.
5.
Wir in Österreich sind tief betroffen vom deutschen Autostau. Diverse Zulieferbetriebe sind in Schwierigkeiten, und auf den heimischen Straßen geht nichts weiter, weil wir Wochenende für Wochenende zugestopft werden.
Gleichzeitig ahnen wir, dass es uns bald touristisch schlechter gehen wird, wenn die Autokrise noch lange weitergeht. Vor unseren Haustüren hat sich nämlich längst eine eigene Sportart entwickelt: Stau schauen! Die Insassen winken uns dabei zu wie in den 1950-er Jahren, als wir die Italienfahrer einzeln begrüßt haben.
Die meisten lenken sich durch hoch digitalisierte Spiele und Netzwerke ab, während sie die Stauzeit in den Kompaktzellen auf Rädern absitzen. Dem Videospiel nämlich ist es egal, wo es gespielt wird. Das moderne Auto bietet sogar eleganten Spielkomfort. Freilich wird in der großen Stau-Euphorie ein winziger Stausektor vergessen, der sehr lästig bis schmerzhaft werden kann: Der Stau in der Blase.
Längst schon sind Stauberater mit Harnflaschen ausgestattet, die sie im Bedarfsfall den Leidenden ins Wageninnere reichen mit der Bitte, die volle Flasche erst nach dem Brenner in die Botanik zu werfen
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