Helmuth Schönauer
Rudolf Lasselsberger
Willi du Kindskopf
Eine Liebeserklärung
Mit Zeichnungen und 1 Foto
Band 8 der Willologie
Besprechung
Eine ideale Liebeserklärung hat das Format einer Postkarte. Man kann sie unauffällig hinter dem Handy in der Tasche verstecken, um sie jederzeit herauszuziehen und darin zu blättern.
Rudolf Lasselsberger setzt seine Willologie in gewohnter Manier als Band 8 fort, das Büchl ist ein Gesamtkunstwerk geworden, worin Umfang, Layout und Titel im goldenen Schnitt der Ästhetik zueinander in Beziehung treten. Willi du Kindskopf ist eine sympathische Ansprache, die umso herzlicher wird, als dieser Willi ja das Alter Ego des Autors ist.
Auffallend ist der zentrierte Buchsatz, mit dem im Kern die sieben Episoden gesetzt sind. Die Geschichte wird beinahe in Versen erzählt, indem die einzelnen Zeilen vorerst einmal wie eine Inschrift wirken, ehe dann durch Übersprung auf die nächste Zeile eine Art reduzierter Prosa entsteht.
Ein Prolog kann nie schaden / sbegrenzung im Sommer, bei / Regen / Blitz und Donner Und wenn die / Sonne […] (11).
Der Text wird durch die sichtbaren Lötstellen, mit denen die einzelnen Assoziationslinien verschweißt sind, zu einem Relief, voller Unwucht und Elegie. Die Themen kreisen um das Verhältnis Ich-Erzähler und Willi als Alter Ego. Wer behält die Oberhand, wenn es um die Bewältigung von Ärger, Langeweile oder Erschöpfung durch sinnloses Arbeiten geht?
Einen weiteren Schwerpunkt bilden Reminiszenzen an die Familiengeschichte, wo vor allem die Besuche des Helden bei der Mutter im Krankenhaus für lange Zeit die Gestaltung der Wochenenden geprägt haben.
Und den dritten Schwerpunkt liefert das Problemfeld Angst, sei es in der Hacke, wie die Arbeitswelt genannt wird, sei es als schreibender Held, der entleert vor dem eigenen Werk sitzt und dennoch dieses bei einer Dichterlesung vortragen soll.
Die Story ist in sieben Kapitel aufgedröselt, die nach der jeweils ersten Wortgruppe zu poetischen Aufmachern führen. Der Ruf des Lebens (8) / Willi hatte eine murz Mur (22) / Auch an Walpurgisnacht (57) Die Familie (72) / Einige Schritte (80) / Die Angst (109) / Ich springe im Strafraum (120).
Nicht nur wegen der Gestaltung des Layouts, auch wegen der abrupten Abfolge der Begebenheiten könnte man den Text pointillistisch nennen. Diese Beobachtung greifen auch Willi und sein freundschaftlicher Kontrapart in einer ganzseitigen Anzeige auf: Und wieso machst du nie einen / Punkt? / Wer sagt das? (17)
Der Diskurs der Protagonisten ist nicht frei von gegenseitigen Überrumpelungen. Willi lacht plötzlich und zeigt mir / die Zunge (12) – Ähnliches geschieht, wenn im Gasthaus ein Unbekannter in einen Spontandiskurs eintritt, und sei es nur, dass er einen seltsamen sprachlichen Sound entwickelt.
Das Auflösen diverser Sprechregeln und sprachlichen Färbungen ist Ausdruck einer gedanklichen Tombola, die im Erzähler ständig abläuft, und aus der wundersame Dialekt-Gewinne gezogen werden.
Die Musi wüdlt grunschig (36) heißt es vor einem Spielautomaten, wenn selbst einzelne Töne die Färbung einer gesprochenen Landschaft annehmen. Beim Willi-Ich liegt diese Ursprache in der Umgebung von Scheibbs, wo jetzt Mutter im Spital mit seltsam heimeligen Begriffen einen diffusen Zustand zu beschreiben versucht.
In einer Zeichnung, in der poröse Kurven, Graphen und Striche gegeneinander antreten für ein Gefühlsdiagramm, kommt das streng geformte Anarchistische dieser Gedanken zum Ausdruck. (26)
Leider nicht als Zeichnung, ist man versucht zu sagen, tritt das sogenannte Gegackte in Erscheinung und zeigt im Ritus von Schamanen, wie die Dinge längs und quer im Tag herumliegen, nachdem sie ausgeschieden worden sind. Die Ausformungen des Gegackten (31) eröffnen einen witzigen Zugang zum schlecht Verdauten.
Gleich darauf wundert sich Willi über sein Gesicht im Spiegel am Klo, er hat etwas Geschmeidiges erwartet, aber ihm glotzt eine Art fettes Froschgesicht entgegen. (28) In Form einer Litanei mit Zauberspruch-Flair wird diesem Gesicht Paroli geboten.
So nebenbei stirbt ein guter Kollege, und man sagt ihm nach, er sei über dem Laptop bei eigenem Gedicht friedlich entschlafen.
Die hartnäckig aus dem Text hervorbrechenden Zeichnungen nutzen vor allem den Ur-Instinkt von kindlichem Begreifen, um unerwarteten Schraffuren Raum zu geben. Der Versuch, Ordnung in die Familie zu bringen, gelingt mit einer Darstellung in Handschrift, wobei letztlich aus der Schönschrift die Schrift herausfällt und nur mehr das Schöne übrigbleibt.
Die Angst, wenn sie spontan ausbricht, lässt sich am ehesten durch Stillsitzen in den Gebirgswelten überdauern, oder durch flottes Spiel im Strafraum, oder bei einer Dichterlesung, die klandestin mit tollen Plakaten affichiert ist.
Am Schluss gibt es für die Leser eine Belohnung: Ein Autogramm von Gustav Ernst, mit schwungvoller Routine auf dämmriges Papier gesetzt.
Willi und das Ich deuten an, dass es vielleicht weitergeht mit der Willologie, denn so kann man es wohl nicht stehen lassen. ‒ Das soll ein Geheimnis bleiben. / Dürfen? / Ja. / Wie so vieles? / Ja. / Wie zu vieles, / ich bin gegen Geheimnisse, / du weißt. / Ja. (134)

Rudolf Lasselsberger: Willi du Kindskopf. Eine Liebeserklärung. Mit Zeichnungen und 1 Foto. (= Band 8 der Willologie). Wien: loma/druck.at 2025. 141 Seiten. EUR 17,50. Ohne ISBN.
Rudolf Lasselsberger, geb. 1956 in Schlatten 8, lebt in Wien.
Der Autor ist Gast beim internationalen Literaturfestival sprachsalz in Kufstein und liest jeweils am 12. und 13.09.2026. Programm sprachsalz: www.sprachsalz.com
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen
