Helmuth Schönauer
Regionale Nachwehen
des Weltfrauentags
Stichpunkt

Natürlich macht sich das männliche Hirn jedes Jahr zeitgleich zum Frauentag seine Gedanken, aber man schreibt sie besser erst ein paar Tage später nieder, wenn sich die aggressive Stimmung gegenüber den Männern gelegt hat.


1. Was empfinden Männer am Frauentag?

In jenem Ministerium in Wien, in dem im vorigen Jahrhundert das sogenannte Büchereiwesen untergebracht war, gab es zwei Tage, an denen man als Anreisender aus dem Bundesland besser nicht auftauchte: Faschingsdienstag und Weltfrauentag. An diesen beiden Tagen wurde den männlichen Hofräten nämlich übel mitgespielt, indem man sie untergriffig in die Mangel nahm, während man ihnen allerhand Titel aus dem Zoo verpasste. Die Stimmung war heiter-aggressiv.

Manchen Hofräten aus jener Zeit, die inzwischen an Herzmanovsky-Orlando erinnert, ist auch im Ruhestand eine ungute Stimmung geblieben, wenn Fasching oder Frauentag anstehen. Allein, dass diese beiden Feste nicht mehr getrennt von einander vom Hirn verarbeitet werden können, deutet auf eine gewisse Traumatisierung hin.

Gefährdet für solch aggressives Verhalten gegenüber friedlichen Männern sind die Sparten Politik, Kunst und Literatur, also Bereiche, in denen es aufs Blabla draufankommt. In der Wirtschaft hingegen zieht man die Sache mit der Gerechtigkeit durch oder nicht, vor allem dann, wenn man nicht recht weiß, worum es am Frauentag eigentlich geht.


2. Frauen von der SPÖ vorgeführt

Die sterbende Bewegung SPÖ hat zum Frauentag ausgesprochenes Pech. Wie gewohnt dreht sie am Weltfrauentag verbal groß auf, stellt sie doch nicht nur die Frauenministerin, sondern es muss auch noch der Frauenversteher Babler am Parteitag als Vorsitzender durchgebracht werden. Dieser kniet geradezu vor seinen Genossinnen und bittet, ihn nicht gänzlich abzustrafen, auch wenn er Fehler gemacht hat.

Zerknirscht muss nämlich die Parteispitze auf Nachfrage zugeben, dass ihre SPÖ gerade eine Frau im Nationalrat durch einen Mann ersetzt hat, was die Quote abgesenkt hat. So verliert der Club Quotengeld, weil der Anteil der Frauen auf unter 40 % gesunken ist.

Die Frauen am Parteitag sind noch einmal gnädig und lassen ihren Vorsitzenden in Ruhe, zumal ja die Frauenministerin versprochen hat, das verlorene Quotengeld durch Aufstockung des Frauenministeriums hereinzubringen. Die diversen Studien und Projekte zur Dokumentation der Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen sind auch in Zukunft gesichert und können am nächsten Frauentag wieder mit Tra-ra publiziert werden.


3. Eingetrübtes Commitment beim ORF

Während der ORF auf offener Bühne den ganzen Tag lang Frauenprogramm sendet, wie es seit Jahren am 8. März Brauch ist, laufen in der Führungsetage an diesem Tage die Benimm-Inspektorinnen und Inspektoren heiß. Der oberste Chef soll ein diffuses Verhältnis zu einer Mitarbeiterin nicht aufklären oder erklären haben können.

Prophylaktisch ist er nach dem Frauentag zurückgetreten und eine Frau führt interimistisch den Laden.
Die KRONE jubelt: Jetzt muss eine Frau den Karren herausreißen!


4.Seriöse Betroffenheit

Eine seriöse Studie an der Uni Innsbruck stellt fest, dass im Notfall Frauen schlechter reanimiert werden als Männer.
Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Übungspuppen männlich sind und die Reanimateure oft erst bei einem Notfall das erste Mal eine weibliche Brust sehen.

Ursache des Missstandes sind die Scham und die Vorsicht, aus dem nichts heraus mit dem Thema weibliche Brust kneten konfrontiert zu sein. Das Klima ist nämlich flächendeckend berührungsfeindlich und Männer stehen schneller vor Gericht, als Frauen die Berührung spüren.

Im Falle einer Reanimation wird sich der kluge Mann daher überzeugen, ob die Frau auch wirklich im Koma liegt, die er anfassen soll. Als erste Maßnahme werden daher weibliche Übungspuppen angeschafft, es wird aber noch eine Generation lang dauern, bis auch in den männlichen Hirnen die entsprechenden Sicherungsbolzen für feindliche Berührungsaufnahme entfernt sind.

Männer und Frauen sind von dieser Studie gleichermaßen berührt und sollten bedenken, dass sich die Verhältnisse auch wieder verbessern, wenn die Hektik des Weltfrauentags überstanden ist.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Werner Schandor

    Das mit der Reanimation habe ich auch gelesen – und mir Ähnliches gedacht. Nur bei Weitem nicht so gut formuliert wie in diesem Text. Chapeau!

Schreibe einen Kommentar