Helmuth Schönauer
Raffiniertes Tirol
Lasst sie bei uns trainieren.
Stichpunkt
Indem das Land ständig bemerkenswerte Leistungsträger aus allen Sparten und Genres des Lebens einlädt, erreicht es ein hohes Niveau an Lebensqualität, ohne selbst Leistungsträger sein zu müssen.
1.
Quer übers Jahr gesät poppen Nachrichten auf, dass in Tirol wieder irgend eine Weltspitze zu Gast ist. Die sogenannten Einheimischen sollen dadurch für die raffinierte These bei der Stange gehalten werden, wonach ein Land nicht selbst klug sein muss, wenn es imstande ist, ständig kluge Köpfe einzuladen und zu beherbergen.
Geradezu ein Paradebeispiel liefert dabei der Fußball.

40 Profimannschaften zum Training in Tirol
Tirol ist auch heuer wieder Anziehungspunkt für viele internationale Profifußballmannschaften. 40 Teams halten in diesem Sommer ihr Trainingslager in Tirol ab, um sich auf die Saison vorzubereiten.
Ob arabische Mannschaften, asiatische wie Champions-League-Teilnehmer Qarabag FK oder europäische Topvereine wie der FC Kopenhagen, die Young Boys Bern und Udinese Calcio: Sie alle machen sich in Tirol fit für die Saison.
In das Land geholt werden die Clubs von Agenturen. Der Geschäftsführer der Agentur Onside betont die Kombination aus Fußballplatz, Freizeitmöglichkeiten und Hotellerie. Die Mannschaften würden auch das vorzügliche Essen in den Hotels schätzen. [Red, tirol.ORF,at 26.7.26]
Das Sommer-Camp als eigene Liga erweist sich für die Veranstalter als Cashcow, ähnlich einer WM für den Weltfußballverband.
Die Vorteile liegen auf der Hand.
– Die Fans erleben ihre Helden hautnah und in entspannter Atmosphäre.
– In Trainingsspielen dürfen heimische Amateure für Selfies mit den Enkeln posieren.
– Es gibt nur Sieger, weil alles nur ein Spiel ist.
– Ehe eine Leistungskrise an Land kriechen und das Image einer Karriere zerstören könnte, sind die Stars schon wieder außer Landes.
– Bevor sich die Fans satt gesehen haben, ist der Saisonspuk auch schon wieder verschwunden.
2.
Das Konzept relaxender Aufenthalte wird übrigens außerhalb des Sommers auch von der Uni Innsbruck perfekt betrieben. Die Fakultäten holen Semester für Semester so viele auswärtige Studenten ins Land, dass der manchmal intellektuell und kulturell mäßige Leistungsnachweis der heimischen Studenten nicht auffällt.
Die mobilen Studenten exportieren ihren Status als Helden eines universitären B-Movies, indem sie Modestudien, die Zuhause wegen des Numerus clausus obsolet sind, nach Innsbruck verlegen. Um die Qualität des Studiums zu sichern, nehmen sie ihr akademisches (deutsches) Personal gleich selbst mit.
Im Idealfall studieren also Auswärtige mit ihren eigenen Leuten und eigenen Richtlinien, während sie erfrischende Statements über die herrliche Sportstadt Innsbruck nach Hause schicken.
Auch die Vermieterszene hat sich längst auf diese Studenten eingestellt, indem sie ganze Häuserzeilen von studentischen Wohnungen zu satten Preisen für dieses Wanderpublikum bereithält.
3.
Bei diesem Erfolgsmodell im Land stellt sich die Frage, ob man diese Sichtweise nicht auch auf die Kultur anwenden sollte. Die paar Künstler, die jenseits einer touristischen Total-Euphorie noch im Land geblieben sind, haben es längst aufgegeben, die Stimmung perfekten Camp-Managements zu stören, indem sie eine Außensicht auf die Lage im Inneren des Landes monieren.
Auch bei stationären Kultureinrichtungen gilt mittlerweile das Kalkül: Bevor ich mich mit einem heimischen Künstler und dessen Frust auf das Land herumärgere, tue ich mir lieber einen Sommerkünstler ein, der dann wieder verschwindet, wenn er seine Performance abgeliefert hat.
Wenn es nach der eigenen Presse geht, schaut die ganze Welt auf das Tiroler Erfolgsmodell und erblasst vor Neid.
In dieser Einschätzung geht freilich ein warnender Satz des Südtiroler Entertainers Markus Lanz unter, der seinem Land in einer Landtagssitzung zurief: Das Land ist mental durch den eigenen Erfolg zerstört!
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