Helmuth Schönauer bespricht:
Margit Jordan
fenstertage
Gedichte
Mit einem Vorwort von Doris Kloimstein
Illustriert von Elfie Albrizzi
In Erinnerung an eine sehr geschätzte Kollegin
Wenn jemand ein Leben lang mit der Vermittlung von Literatur beschäftigt ist und am Lebensabend einen Lyrikband vorlegt, so lässt sich dieses Werk vielleicht als Filterkuchen beschreiben, worin die markantesten Lyrikfälle der letzten Jahrzehnte ausgesintert sind.
Margit Jordan hat als Veranstalterin von Literaturabenden wahrscheinlich mehr Gedichte gesehen und gehört, als in einem lyrischen Jahrbuch Platz haben. Unter dem Titel fenstertage hat sie nun einige dieser lyrischen Impressionen publiziert, die im Nachsinnen und Nachgehen lyrischer Erlebnisse entstanden sind. Wahrscheinlich wird man den Texten am ehesten gerecht, wenn man von Nachklang-Gedichten spricht.
Von innovativer Lyrik kann man bei diesem Programm nicht sprechen: einmal, weil zu viele Gedichte als Nennformnotizen aufgenommen sind, aus diesen Gedichten müsste wohl erst etwas gemacht werden. Und zum anderen ist zu viel Nebel im Text: Immer wieder wird das Ungefähre, Diffuse, Nebelhafte angesprochen, aber nicht fixiert. (Nichts ist übrigens so schwer darzustellen wie Nebel!)
Margit Jordan nennt ihre Sammlung aus sieben Zyklen fenstertage: Da sind einmal diese zwitterhaften Arbeitstage zwischen den Feiertagen gemeint, wo man nie weiß, welche Stimmung man für sich selbst ausrufen soll. Andererseits sind Fenstertage Beobachtungseinheiten, die etwa der Hausmeister aus seiner Parterrewohnung heraus absolviert, indem er einfach ganze Tage am Fenster verbringt.
Den Kapiteln ist immer ein Dreiklang vorangesetzt. tage.schatten.fluchten; berge.wände.grenzen; mauern.fenster.ränder; gärten.räume.bilder; jagen.fallen.tarnen; träume.fluten.meere; wege.netze.fäden.
Unter diesen Kompakttiteln sind dann die Gedichte als Stoffsammlung angeordnet, dabei sind Verse auf Schlüsselwörter geschrumpft, die Stimmung wird zu einer Regieanweisung verdichtet, das lyrische Individuum geht meist in einem kollektiv gemeinten Spruch auf.
diffus / das licht die verhältnisse / keine klaren konturen / keine scharfen trennlinien / keine haltehaken / keine sicherheit // alles im fluss // 18. Februar 2012 (32)
Auffallend ist vielleicht das Jagdkapitel, worin der politische Ablauf und der soziale Gestus der Gesellschaft mit einer Jagdgesellschaft verglichen werden. Während im Jagdmotiv die komplette Evolution Platz nimmt und dadurch die Aussagen sehr großspurig und langatmig werden, sind die Gedichte rund um die Hinterhöfe und Mauern sicher die am berührendsten.
In diesem enggeflochtenen Netz von Schatten, Düsternis und verkümmertem Lichteinfall entsteht tatsächlich eine Poesie, die an die Haut geht. In dieser Serie ist auch das Gedicht vom Fensterblick enthalten, wonach es selbst in der größten Düsternis ein Fenster mit Licht gibt.
Kids aus der digitalen Ära würden bei Fenstertagen wahrscheinlich an ihre Zeit mit Windows denken. Aber das erfordert dann eine andere Lyrik.
Margit Jordan: fenstertage. Gedichte. Mit einem Vorwort von Doris Kloimstein. Illustriert von Elfie Albrizzi.
Innsbruck: Turmbund 2017. (= Texttürme Nr. 9). 107 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-85185-026-0.
Margit Jordan, geb. 1945 in Habichen, aufgewachsen in Wörgl, lebte in Innsbruck und ist nun am 21.07.2026 verstorben.

PS: Eine Würdigung und ein Nachruf auf Margit Jordan erfolgen nächste Woche.
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