Helmuth Schönauer
Keine Dumping-Verlagerung der Massen in die Luft!
Soll der Innsbrucker Flughafen auf Kosten
der von Fluglärm terrorisierten Bevölkerung
privatisiert werden?
Stichpunkt

Mit Einsetzen der Winterdämmerung warnen die Behörden vor Dämmerungseinbrüchen und politische Beobachter vor den Ausverkaufstouren der NEOS. Seit nämlich jemand von den NEOS vor Jahren einmal laut darüber nachgedacht hat, ob man nicht einfach für schnelle Geschäfte das Wasser privatisieren sollte, schauen mögliche Wähler gleich dreimal hin, wenn irgend ein Vorschlag aus dieser Ecke kommt.

Und tatsächlich: Der Tiroler NEOS-Abgeordnete Dominik Oberhofer äußert sich nach einer monatelangen Akklimatisierung im Nationalrat erstmals zu einem Tiroler Problem, das er von Wien aus für die Tiroler lösen will. Er will den Innsbrucker Flughafen privatisieren, weil dieser unter der Führung von Bund, Land und Stadt zu wenige Flugverbindungen für Tiroler Abgeordnete zur Verfügung stellt, wenn diese eben mal schnell in die Hauptstadt fliegen müssen.

Für diesen Vorschlag schöpft der Neo-NEO-Abgeordnete zudem aus dem Erfahrungsschatz seines bisherigen Berufes: Ein Hotelmanager kann nie genug Flugverbindungen in Reichweite haben! Dementsprechend eingeschränkt geschieht auch sein Blick auf die Flughafenprivatisierung mit Ausbau des Liniennetzes von der Rezeption aus. Man schiebt einfach physische Landekapazitäten am Airport auf die Bettenkapazitäten im eigenen Haus und stellt fest, dass man zu wenig Income-Geschäft hat.

Auf der Strecke bleiben bei diesem Privatisierungsspiel die etwa 200.000 Anrainer des Flughafens. Zum Unterschied vom Klimawandel, der geräuschlos vor sich geht und den man daher politisch ignorieren kann, geht die Zerstörung des sozialen Biotops in Innsbruck jedoch mit viel Lärm vor sich. Ohnehin ist der Kompromiss zwischen Flughafen-Lärmterror an Wintersamstagen und relativer Ruhe in der Zwischensaison mühsam unter den Interessenten austariert. Dieses fragile Gleichgewicht der Akzeptanz sollte niemand aufs Spiel setzen, auch wenn er gerade von Wien aus im Nationalrat sein abgehobenes Programm abwickelt.


Der Flughafen Innsbruck zählt zur sensiblen Infrastruktur.

Ursprünglich angelegt für Bundesheer, Rettung und Organtransporte hat man ihm seinerzeit einen zusätzlichen Auftritt als Zulieferer für größere Hubs ermöglicht, um kostenneutral zu wirtschaften.

Ähnlich dem Schienennetz, das durch Privatisierung sofort marode und kaputt würde, wie in England die leidvolle Erfahrung unter Margret Thatcher gezeigt hat, wäre auch der Innsbrucker Flughafen innerhalb kürzester Zeit kaputt und erpressbar. Denn Fluggesellschaften wie Ryanair quetschen überall aus privatisierten Terminals den letzten Saft heraus, ehe sie dann weiterziehen.

In Innsbruck sind mittlerweile die Segmente Premium-Tourismus, Privatjets und Südtiroler Exklusiv-Shuttle bedenklich expandiert und haben die Grenzen der Geräuschverträglichkeit für die heimische Bevölkerung erreicht. Um nicht wieder in eine EU-Falle zu geraten, wie beim Transit, wo man in Tirol lieblich von Wien aus über den Tisch gezogen worden ist, sollte man beim Flughafen höllisch aufpassen, dass man nicht wieder von Abgeordneten in Wien unter Zuhilfenahme von EU-Gesetzen ebenso über den Tisch gezogen wird.

Denn was für Massengüter auf der Autobahn gilt, nämlich möglichst Verlagerung auf die Schiene, muss auch beim Massengut Tourismus gelten. Keine Dumping-Verlagerung der Massen in die Luft!

Wie es nach dem ersten Schock aussieht, dürfte der NEOS-Vorstoß von den bodenständigen Parteien abgewehrt werden. Bemerkenswert, dass sogar der Flughafen-affine Landesrat Mario Gerber den Privatisierungsgedanken eine Absage erteilt.

Dem tollkühnen Privatisierer Dominik Oberhofer übermitteln inzwischen viele Tiroler aus dem Zentralraum die besten Grüße: Er möge für immer bei seinen NEOS in Wien bleiben, denn für Tirol sind diese eine Enttäuschung!

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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