Helmuth Schönauer
Jack London
Das Erdbeben in San Francisco
Geschichten aus der Bay Area
Rezension

Nach dem Erdbeben bat man Mr. Jack London, der vierzig Meilen nördlich von San Francisco lebte, zum Unglücksort zu reisen und einen Bericht über das, was er sah, zu verfassen.

Das desaströse Erdbeben in San Francisco 1906 ist auch nach 120 Jahren quasi im Bewusstsein vieler Menschen, weil es durch die Berichte des Autors Jack London unmittelbar nach seinem Auftreten aus der Erdkruste in Literatur verwandelt worden ist. Der Buchkultur-Pfleger Alexander Kluy hat anhand von vier Texten des Jack London einen subtilen Lektüre-Abend für Leser mit etwas Zeit für die Kunst des Geschichten-Erzählens gemacht.

In der Serie Preziosen des Limbus Verlages sind Ereignisse aus der Bay Area rund um San Francisco neu aufgelegt worden. Das Büchlein mit Lesebändchen sollte man als Hommage an die Kunst des Lesens begreifen: Seht her, so aufregend kann Literatur sein, wenn sie jenseits von Tagesaufregungen in die Gussform der Zeitlosigkeit geträufelt wird!

Der angeforderte Journalist ist um 1906 der bestverdienende Schriftsteller der USA, für die Giga-Katastrophe nimmt man also einen Giga-Schriftsteller, der das Unbeschreibliche in Worte kleiden soll. Zur damaligen Geschwindigkeit der Berichterstattung zwei Daten: am 18. April bebt die Erde, am 5. Mai erscheint Der Bericht eines Augenzeugen bei Collier’s.

Das Erstaunliche des Erzähltons liegt in der Zurückgenommenheit des Schreckens, der in höfliche Konventionen gegossen wird, als ob man durch einen schönen Stil das Schroffe der Erdbebenruinen beschreiben und dadurch heilen könnte. Ein jeder aber zeigte Anmut. Perfekte Höflichkeit wurde aufrechterhalten. Nie zuvor in der Geschichte San Franciscos war ihre Einwohnerschaft so freundlich und umgänglich wie in dieser Nacht des Schreckens. (13)

Der Bericht folgt über drei Tage den Bemühungen der Bewohner, aus der Schockstarre heraus wieder in Bewegung zu kommen, die Stimmung gleicht zusehends der Aufbruchstimmung jenes Goldrausches, den der Autor knapp zehn Jahre zuvor in Alaska selbst mitgemacht hat.

Um den Erdbebentext ein wenig in die Soziologie San Franciscos einzuordnen, ist ein längerer Text über das gesellschaftliche Klima der Stadt abgedruckt. Südlich von The Slot (28) zeigt die Stadt an der Trennlinie aufgefädelt, an der sich oben und unten, arm und reich, sowie aktiv und passiv zeigen. Zwei Protagonisten tun scheinbar das gleiche, das aber je nach Lage des Stadtteils unterschiedliche Auswirkungen hat. Jack London bricht in diesem Beitrag eine Lanze für die aufkeimende Soziologie als wissenschaftliche Forschung.

Zwei kleinere Stimmungsbilder aus dem Hafen der Bay zeigen einerseits den Rassismus gegenüber zugewanderten Chinesen, und andererseits hemmungslosen Stimmungsgischt einer abenteuerlichen Fahrt mit einer Jolle.

Den Texten sind in Sachbuchmanier sechs Originalbilder jener Zeit beigefügt, wobei die S/W-Aufnahmen trotz zerstörter Objekte sofort den optischen Sound einer Fernsehserie annehmen. Aber das San Francisco des Erdbebens ist nicht jenes, das es einmal war und sein wird – das hat schon der Autor Jack London während des Schreibens befunden.

Durch den Vergleich der Katastrophenberichterstattung von damals mit jener von heute erleben die Leser auch ein frisches Angebot im Umgang mit semi-fiktionaler Literatur. In jenem Maße, wie nach hundert Jahren das Erdbeben von 1906 literarisch ikonisiert und fixiert ist, werden vermutlich die Katastrophen der Gegenwart durch die Beschleunigung der Medien in zehn Jahren abgelegt und erledigt sein.

Ob es dann freilich noch gelingt, einen besinnlichen Leseabend mit Lesebändchen und haptischem Buch herzustellen, bleibt offen. Wahrscheinlich werden die Preziosen der Zukunft als File irgendwo angesteuert werden mit einer feierlich geschmückten Maus, die einem Lesebändchen gleicht.

Jack London: Das Erdbeben in San Francisco. Geschichten aus der Bay Area. Herausgegeben, übersetzt und mit Nachwort von Alexander Kluy. Innsbruck: Limbus 2026. 96 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-99039-285-0.
Jack London (1876–1916), Schriftsteller der US-amerikanischen Moderne.
Alexander Kluy, geb. 1966, lebt in München.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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