Helmuth Schönauer
Ist das witzig?
Stichpunkt

Die sogenannte lustige Heute-Show des ZDF arbeitet sich am Tiroler Tourismus ab. Witz kann man nicht kaufen, man kann ihn nicht lehren, und wenn man ihn dennoch hat, ist man ihm restlos ausgeliefert.

So wie dieser Tage die Tirol Werbung, die wieder einmal auf kreativ geschaltet hat, indem sie Nord- und Südtirol mit Klamauk-Klischees verglichen und so das Reinheitsgebot der Tiroler Einheit verletzt hat. Das augenzwinkernde Posting, wonach die Südtiroler unverständlichen Dialekt sprechen, ist nicht gut angekommen, denn man soll nicht auf Kosten anderer witzig sein wollen.

Die Kreativbox der Tirol Werbung plädiert indes für Narrenfreiheit, wenn es um überspitze Werbestatements geht, aber die Tourismuswirtschaft hat für solche Späße kein Verständnis, wenn es geschäftsschädigend wird. Eine gute Gelegenheit also, sich den Humor der deutschen Nachbarn anzuschauen, die mit den Werbebotschaften der Tiroler Werbekünstler ins Land gelockt werden sollen. Immerhin stammen im Winter die Gäste zur Hälfte aus dem kühn adressierten Land.

Am ehesten kann man den deutschen Witz amtlich festmachen, wenn man die Dramaturgie einer Sendung studiert, die sich ihrerseits über Tirol lustig macht. Wie witzig ist also Deutschland, wenn es Gags in öffentlich rechtlichen Sendern schauen muss? Unter dem Titel Der Berg schreit gab es auf ZDF am 23.1.2026 eine Heute show extra mit Lutz und Fabian.


 

Hier zusammengefasst die Dramaturgie dieser künstlich witzigen Sendung:

1. Schneekanone
Zur Einstimmung springen die Moderatoren Lutz und Fabian im Strahl einer Schnee-Kanone herum und wollen ihr die Schneid abkaufen. Während Zahlen eingeblendet werden, wie viel Energie die Beschneiung verschlingt, geben die auf kindlich gemachten Protagonisten Wortspiele zum besten: Sie wollen gute Laune versprühen wie eine Schneekanone. Von den dreien bleibt freilich die Schneekanone die witzigste Person.

2. Reinhold Messner
Kein Meter Film aus den Alpen ohne Reinhold Messner. Dieser wird auf seinem Ansitz aufgesucht und aus dem Panoramafenster hinaus werden Schnee-glühende Alpen abgescannt.
Der Meister erzählt vom Zusammenhang Mythos und Berge und dass die Aufklärung die Berge ihrer Mythologie entkernt hat. Im Himalaya gibt es noch den Gott Shiva, der zugleich für Zerstörung und Aufbau zuständig ist.
Man einigt sich lachend darauf, dass dieser Shiva der Gott des Schifahrens ist ‒ er zerstört die Alpen und baut Wohlstand auf.

3. Pitztaler Gletscher
Auf einem Stück ausgeapertem Gletscher ist das berüchtigte weiße Band aus Kunstschnee ausgelegt, das Schitraining ohne Schnee möglich machen soll. Ein Wissenschaftler der Uni Innsbruck erklärt technische Daten im Zuge des Gletscherrückgangs und verweist auf das Hauptproblem des Wintertourismus: Die Anreise mit dem Auto ist in der Ökobilanz das Sorgenkind.

Ein Naturschützer erklärt süffisant mit freien Worten das Sondergesetz Gletscher: in Tirol seien Gletscher geschützt, am Gletscher sei alles verboten, was nicht Schifahren ist.

4. Ischgl
In einer Wellness-Anlage stoßen die fröhlichen Moderatoren auf den Fotokünstler Lois Hechenblaikner.
Er erzählt vom Modell hormoneller Urlaub, wonach geschiedene Mittvierziger der eigenen Geilheit nachbrettern und dabei Unmengen von Alkohol trinken.

Das Konzept der Ischgler sei bemerkenswert. Sie hätten vor Jahrzehnten mit der Natur ein Geschäft aufgebaut, ohne diese um Erlaubnis zu fragen. Jetzt ziehe sich die Natur als Geschäftspartner zurück und die ehemaligen Bergbauern hätten ein neues Modell erfunden: Saufen und melken.

5. Après-Ski
Das führt stracks zur Idalpe, dem Hotspot des Sauftourismus. Das Après-Ski beginnt bereits zu Mittag auf der Piste und endet nach Mitternacht in einem Ausnüchterungsraum. Im Sommer Malle, im Winter Ischgl, grölt einer und singt: Ich war noch nie nüchtern in den Bergen. Die Künstlerin Rita Ora bestreitet heuer das legendäre Ischglkonzert, sie findet alles crazy.

6. Der reiche Deutsche in Tirol
Mit diesem Aufreger-Satz werden diverse Hintermänner des Geschäftes mit Luxus konfrontiert. Ein Schiausrüster betont die hohen Qualitätsansprüche beim Schiverleih, der Oppositionspolitiker Markus Sint erklärt die Dunkelziffern bei Ferienwohnungen und ein Kitzbüheler Promi-Immobilist führt durch eine Luxusanlage, bei der beispielsweise die Garage Platz für zwölf Limousinen bietet.

Man einigt sich auf den Begriff Ausrüstung für die Wünsche der Deutschen, der Tourismus sei schließlich dafür da, die Wünsche der Gäste zu erfüllen, egal ob Schi oder Chalet.

7. Die Berge schreien wegen Olympia
Im letzten Kapitel wird auf die geschundenen Berge Bezug genommen, die gerade bei Olympischen Spielen ordentlich seufzen. Man sieht in Antholz einen abgeholzten Lawinenhang, der nach den Spielen wieder aufgeforstet werden wird. In Cortina soll die neue Bobbahn in einer Erdrutsch-gefährdeten Zone liegen. In puncto Nachhaltigkeit gibt es einen historischen Schwenk auf die Winterspiele in Turin 2006, wo das Olympische Geschäftsmodell mit extremer Naturzerstörung einhergegangen ist.

Die Sprungschanzen von damals gelten heute als Geheimtipp für Lost Places, ohne dass ein Krieg darüber gegangen wäre wie bei den Olympischen Anlagen in Sarajevo. Lutz und Fabian überlegen sich, ein Start-up zu gründen, das die kaputten Sachen in den Bergen einer neuen Nutzung zuführt.

PS: So also lacht Deutschland, wenn es im öffentlich rechtlichen ZDF über Tirol informiert wird. Laden Sie sich die Sendung herunter und beurteilen Sie selbst, ob sie das witzig finden. Auf jeden Fall werden Sie im Hinblick auf den öffentlich-rechtlichen Humor der Deutschen dazulernen. In diesem Sinn könnte auch die Tirol Werbung die lustige Heute show Sendung, unterlegt mit Retro-Elementen aus der Piefke-Saga, einsetzen, um die Touristiker im richtigen Ton im Umgang mit unserem wichtigsten Gästesegment zu unterrichten.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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