Helmuth Schönauer
Worauf es in der Schule ankommt.
Stichpunkt
Jede arme Seele wird in Österreich mindestens dreimal von der Schule malträtiert. Einmal als Schüler, dann als Vater und schließlich als Großvater. – Wenn man diesen Satz schultypisch gendert, ist der Lehrplan eigentlich schon erfüllt. Denn an der derzeitigen Schule lernt man vor allem das Gendern.
1.
Während jeder Legislaturperiode wird die Schule zwischendurch mit einem Reizwort angesprochen, um dann die aufgewühlten Blasen so lange abkühlen zu lassen, bis der Brei wieder fest und dick im Pfandl sitzt.
Die letzte Unterrichtsministerin, die neben Wallungen auch Taten gesetzt hat, war die sagenumwobene Gehrer, die nach dreißig Jahren Dauerkonferenz die Rechtschreibreform abschließen konnte. Seither gilt diese Reform, die weder Fisch noch Fleisch ist, als das Höchste, das man bei Reformen rund um die Schule aus dem mediokren Staatsmeridian für Veränderung herauspressen kann.
Für die Gegenwart hat ein NEOS einen alten Zopf in den Reformkamin zum Selchen gehängt. Weniger Latein und mehr künstliche Intelligenz. („intelligentia artificialis“ nennt sich diese in der Übersetzungsmaschine.)
Jetzt nach ein paar Wochen Diskussion und einem Gesetz, das niemandem wehtut, der nichts verändern will, ist wieder alles vorbei und man kann abermals jenes Resümee ziehen, das man als dreifach malträtierte Seele wie immer ziehen muss.
Man kann im Schulsystem nämlich über alles reden, außer über die drei heiligen Kühe:
– Kruzifix an der Wand
– Latein im Unterricht
– 13. und 14. Monatsgehalt für Lehrende. Wer Letzteres in den Mund nimmt, ist vom politischen Fenster weg wie einst Heide Schmidt, als sie das Zusammenrechnen von 13. und 14. zu einem Jahresgehalt vorschlug.
Je nach Funktionsstufe kommen dann noch zwei Tabus hinzu,
– nämlich Eingriff in die Überstunden für Personalvertreter
– und die Ausformulierung eines realistischen Organigramms, wonach Planposten mit dem übereinstimmen, was darauf befindliche Personen tatsächlich tun.
2.
Im Inneren der Republik und folglich auch im Inneren des Schulsystems wird man nichts reformieren können. Daher empfiehlt es sich, auf das Lob jener zurückzugreifen, die von außerhalb unser System bewundern, wenn sie auf Urlaub sind.
Denn das österreichische Schulsystem braucht sich auch deshalb nicht zu verändern, weil es sich ständig neu erfindet. Das Zauberwort heißt Schulversuch. Alles, was notwendig und nützlich ist, wird in den Schulversuch gepackt, der sich ordnungsgemäß selbst beendet, wenn das Ziel erreicht ist.
Insgesamt kann ein Schulsystem, das zwei lebende Nobelpreistragende für Literatur hervorgebracht hat, per se nicht schlecht sein, weshalb Handke und Jelinek auch glühende Lateinverehrende sind.
3.
Und auch auf Eltern-Schüler-Seite hat man längst eine vernünftige Einteilung getroffen. Es gibt die fiktive Schule, über die wir im Hinblick auf Erinnerungen, Pläne und Gesetze reden. Und es gibt die reale Schule, in der alles gelehrt und rezipiert wird, was das Leben so spielt. Dabei wird in der Hauptsache über das Smartphone gearbeitet, weshalb dessen Abschaffung dem Abschaffen der Schule gleichkommt.
Als bildungsbegleitende Maßnahmen sind immer noch hoch im Kurs:
a) ergänzendes Lernen durch Nachhilfestunden
b) Lernen im Familienclan im Betrieb eines Verwandten
c) Lernen durch Psychopharmaka und medizinische Therapien
Wichtig ist nach diesen Maßnahmen vor allem das Andocken an die künftige Wirklichkeit. Da diese niemand kennt, ist es durchaus sinnvoll, im Bedarfsfall in der fiktiven Schule lieber nichts zu lernen als etwas Falsches. Wenn es einen Tipp gibt, wie man sein Kind und Enkelkind glücklich an die Zukunft andocken lassen soll, gilt noch immer die alte Regel: Schau dir an, wie es die Reichen machen.
Also Privatschule ansteuern. Wohnadresse gutbürgerlicher Provenienz schon früh auswählen. Schulen und Unis nicht nach Inhalt, sondern nach Netzwerken aufsuchen. Von der Straße lernen.
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