Helmuth Schönauer
Holzstock (Woodstock) der Blasmusik
Die geniale Vermarktung eines KI-Produkts
Stichpunkt
Wer sich der Blasmusik intellektuell annähert, was letztlich ein Unfug ist, weil nur Schreckliches dabei herauskommt, gibt zwischendurch den Begriff Woodstock der Blasmusik ein und kriegt eine treffliche Übersetzung: Holzstock der Blasmusik.
Spätestens bei dieser Übersetzung wird klar, dass man sich dem Holzstock vor Ort (der Ort heißt tatsächlich so!) möglichst mit dem Bauch nähern soll. Der Kopf hat beim Innviertler Open-Air-Festival nämlich nicht viel zu sagen, außer dass er voller Bewunderung nicken darf.
Wer nicht gerade selbst seinen Körper während der vier Tage in die oberösterreichische Blas-Arena stellt, wird wahrscheinlich durch loses Zappen mit diesem Festival korrespondieren. Resümee: Zu guter Prime-Time während des Grillens wird ein Festival übertragen, das Festivalmusik spielt.
Wer weiter zappt stößt vielleicht auf einen Geiger, der schon seit dreißig Jahren das gleiche Stück von einer elektrisch geladenen Violine herunterkratzt: André Rieu.
Und auf einem anderen Streaming Kanal erwischt man vielleicht einen gewissen Franzl Posch, der zumindest in der Mediathek Woche für Woche einer Toilette entsteigt (Spot – Griaß euch!), aus einer Gefriertruhe (Spot – Griaß euch!) hüpft oder vom Haken einer Selchkammer (Spot – Griaß euch!) springt. Kaum im Bild, setzt er ein übergeselliges Grinsen auf und spielt was.
All diesen Formaten ist gemein, dass sie, ähnlich einer Fußballliga, einen Wettkampf suggerieren, bei dem die Musiker mehr oder weniger gelangweilt ihre Tantiemen einspielen und dabei mit professionellem Hin- und Herschaukeln die Erwartungen ihrer Fans bedienen.
Das Publikum wiederum weiß um die Qualität der einzelnen Ligen und lässt die Sendungen Samstag für Samstag laufen, während es den fröhlichen Feierabend genießt. Daher wird über diese Musik-Shows auch kaum diskutiert, schon gar nicht über ihre Qualität, weil die niemals der Zweck des aufgefüllten Schaufensters ist. Der Holzstock (Woodstock) der Blasmusik ist von vorneherein darauf angelegt, dass man nicht darüber diskutiert, sondern im besten Fall bei einem Bier nach dem anderen romantisch wird.
Als am 15. August 1969 ein gewisser Richie Havens den Song Freedom in das Gelände von Woodstock schmetterte, war ein Mythos geboren, nämlich jener von Freiheit, Sexueller Revolution und Frieden. Zeitgenossen behaupten, dass an diesem Tag der Grundstein für die Beendigung des Vietnamkrieges gelegt worden ist.
Das Woodstock-Album taucht ab 1970 in den entlegensten Kaffs Europas auf und wird rauf und runter gespielt.
Schon bald erfährt der Begriff Woodstock jede Menge neuer Bedeutungen, oft wird alles, was im Freien aufgeführt wird, Woodstock genannt. Und im alltäglichen Jargon Tirols spricht man vom Bauern-Woodstock, wenn die Landjugend sich organisiert niedersäuft.
So spricht das Markenzeichen Holzstock der Blasmusik neben den Konsumenten des Original Woodstock Albums vor allem deren Kinder an, die mittlerweile abgeklärt im Berufsleben stehen und endlich auch erleben wollen, wovon ihre Eltern immer noch schwärmen.
Ein Blick auf die auftretenden Gruppen und Bands zeigt, dass letztlich diverse Kommerz-Labels zu einer Premier-Liga zusammengefasst sind. Wie bei den Fußballern entscheidet ausschließlich der Marktwert und nicht die Tagesverfassung über den Auftritt. Und wie beim Fußball ist das Leistungsniveau ab einem gewissen Marktwert Grundvoraussetzung für das Auflaufen am Platz.
Wenn man sich einzelne Biographien der Holzstock-Blasmusikanten ansieht, merkt man, dass sie alle auf profunde Ausbildungen verweisen können, viele sind in Musikgeschichte promoviert, spielen bei Symphonieorchestern oder haben einschlägige Dozenturen. Auf die Literatur übertragen gleichen die Fans dieser Blasmusik den Krimi-Lesern. Sie erfreuen sich eines Genres, das hochprofessionell ausgereizt und gestaltet ist. Es geht nicht um den musikalischen oder forensischen Suspense, sondern darum, wie dieser elegant versteckt werden kann, um das Publikum nicht zu verschrecken.
Kein Wunder also, dass in beiden Fällen (Krimi bzw. Kommerzmusik) die KI schon längst das Ruder übernommen hat.
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