Helmuth Schönauer
Handyverbot für Kids
Was Rentner davon halten.
Stichpunkt

Beim Rentnerfrühstück spielen wir uns manchmal als regierungsnaher Arbeitskreis auf, der zu einem Thema Stellung beziehen soll, ehe das Ganze als Grins-Selfie in eine Cloud wandert. Die Herbstdiskussion über das angeschlagene Schulsystem wird heuer mit der Überlegung unterfüttert, ob man nicht für die Grundschule ein Handyverbot aussprechen sollte.

Und überforderte Eltern stellen die verzweifelte Bitte in den Raum, den Zugang zu sozialen Medien bis zur Strafmündigkeit der Kids zu beschränken, damit sie aus der Haftung herauskommen, wenn die Kids was Kriminelles anstellen.

Wir Rentner tagen beim Frühstück kurz und konzise, und sind spätestens bei der zweiten Tasse Blasentee mit dem Thema durch.

 


Unser Befund:

1. Die Schule ist für die Lehrer da und nicht für die Schüler. Wenn das Lehrpersonal mit dem Handy nicht zurechtkommt, soll es seinen Gebrauch für sich selbst einschränken. Wenn das ein geiles Lebensgefühl erzeugt, werden es die Kids nachmachen und gerne ihr Gerät wegdrehen, um dem Programm der Lehrer zu lauschen.

2. Die Eltern sollten generell überlegen, ob sie den Kids nicht statt irdischen Gütern einen sogenannten Lebenssinn vererben wollen. Da die meisten Eltern keinen Lebenssinn haben, wenn sie auf die Kinder schauen, sollten sie Schadensbegrenzung betreiben und sich selbst einmal klar werden, was sie auf dieser Welt wollen, ehe sie an den Kids herumprobieren.

3. Die Schule hat als Institution kaum einen Einfluss auf den Lauf der Geschichte. Weder kann sie Kriege verhindern noch Wirtschaftswachstum auslösen. Sie ist seit Jahrhunderten eine geschützte Werkstätte für pädagogisierende Startups, die ihre Ideen an lebendem Material ausprobieren wollen.

4. Das einzige, was das System Schule den Kids vermitteln kann, ist ein Denken mit doppeltem Boden. Das, was vorne gelehrt wird, muss hinten im Leben nicht immer stimmen. Alles, was zählt, ist persönliche Resilienz, also das Zurechtkommen mit den Gegebenheiten.

Ein sogenannter Resilienz-Profi in der Runde berichtet von seinen persönlichen Erfahrungen mit dem Handy der 1950er Jahre, nämlich der Kirche.

Ich bin als Kind und Volksschüler nach Strich und Faden angelogen worden. Zu Weihnachten log man mir vor, ich müsse brav sein, damit das Christkind komme. Dann kam ich in die Schule und musste zuerst einmal in die Kirche, wo Influencer in komischen Gewändern herum wuselten und wie auf Tiktok erklärten, was man tun müsse, um glücklich zu sein.

Anschließend ging es zum Unterricht. Bevor es mit ihm losging, mussten wir beten. Kaum waren wir in einem Thema halbwegs eingenistet, läuteten die Glocken vom nahen Kirchturm wie heute eine App, wenn sie eine frische Botschaft hat.

Ununterbrochen poppten katholisch unterlegte Nachrichten auf, wir mussten auf die Tafel schauen, wo das Gute mit dem Bösen kämpfte und anschließend bei Gott verschwand. Wenn unsere Augen von der Tafel abglitten, rutschte unser Blick auf das Kruzifix, das uns empfahl, den leeren Religionsakku wieder aufzuladen – durch spontanes Gebet.

Die ganze Kindheit hindurch waren wir in den Klauen eines Systems, gegen das Huawei geradezu ein Lüftchen ist. Und trotzdem sind wir alle resilient geworden, haben nach der Pubertät das katholische System abgeschüttelt wie einen lästigen Handyvertrag und sind allesamt glückliche Rentner geworden. Es gibt also Schlimmeres als Socialmedia in den Händen von Kids.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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