Helmuth Schönauer
Hafermilch und Haferschleim
Stichpunkt

Bei der Demenz-Vorsorgeuntersuchung macht älteren Jahrgängen vor allem diese eine Frage zu schaffen: Ziehe ich mich aus der Stadt zurück oder zieht diese sich von mir zurück?

Unbestritten bleibt, dass täglich etwas von Früher verschwindet, ohne dass man immer sofort das Neue beschreiben könnte, das an seine Stelle getreten ist.Denn dass an Stelle von etwas einmal nichts ist, kann sich unser Hirn nicht vorstellen, zumindest ein Loch oder eine Lücke bleibt, wenn wir etwas Verlorengegangenes beurkunden.

Ein stiller Kulturwandel hat sich beispielsweise in den letzten Jahren vor dem Haupteingang der Uniklinik zugetragen.
Das ehemalige Café im Stil der 1970-er Jahre ist in Konkurs gegangen, Familienbetrieb ade, Stammgäste futsch und Leerstand, wo früher Gesprächslärm nach draußen an die Bushaltestelle gedrungen ist.



Später versuchte dann eine Wiener Torten-Kette, mit Kaffeehaus-Kränzchen-Atmosphäre Fuß zu fassen, und jetzt ist eine Tiroler Kaffeerösterei drin.

Der Standort treibt zwei Sorten von Kundschaften in die Lokalität.
– Studenten vom benachbarten Campus
– Senioren von der benachbarten Klinik

Das neue Lokal ist eindeutig nicht für Senioren geeignet. Die Inklusion von Senioren ist in sogenannten Startup-Buden nicht vorgesehen. Auch im konkreten Fall des Röst-Hauses geht es nicht um das Wohlbefinden eines Bevölkerungssegments, sondern ausschließlich um das Produkt, das man möglichst im Stehen zu sich nehmen soll.

Das fängt schon bei den Sitzmöbeln an, die aus einem aufgelassenen Kindergarten stammen dürften. Wer nicht täglich Bodenturnen betreibt, wird als Senior die Rettung rufen müssen, dass sie ihn aus dem Mobiliar hievt und abermals an die Klinik überstellt, aus der er gerade geflohen ist.

Sollte man sich aus Gründen allgemeiner Seniorenschwäche, weil man etwa gerade aus der Tagesklinik entlassen wurde, dennoch zu einem kurzen Niederbringen des Hüftgestells im Erker des Vorraums entscheiden, jault man noch im gleichen Atemzug auf, an dem der Hinterteil die Sitzfläche berührt. Diese ist nämlich aus Stein und so eiskalt, dass die Genitalien sofort zu wummern und schrumpfen beginnen.

Wer dann immer noch ans Kaffeetrinken denkt, wird sich schwer tun, die Henkel-lose Tasse zu umfassen und ohne Zittern dem Mund zuzuführen. Vergessen ist da schon längst die Frage nach Milch oder Hafermilch, weil man ohnehin auf den Verzehr von Haferschleim eingestellt ist.

So also sind die neuen Zeiten in einer Stadt, die gerade die Kaffeehauskultur umbaut.

Immerhin kann sich die Kaffeeröstung sehen lassen. Sowohl die Mischungen wild als auch mild haben etwas, das man in der Fachsprache fruchtiger Abgang nennt. Die Probe aufs Exempel zu Hause mit dem frisch erworbenen Bohnen-Potpourri bestätigt es: Selbst der alters-affine Filterkaffee schmeckt elegant und nach irgendwelchem Abgang. Das hat vielleicht auch mit der Tasse zu tun, die zu Hause einen Henkel hat.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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