Helmuth Schönauer
Wenn Grönländer mit sich selbst Geschäfte
machen könnten,
käme die TIWAG heraus.
Stichpunkt

Seit Trump den Vorschlag ins Spiel bringt, die Grönländer einfach zu kaufen, erwachen in Tirol große Sympathien für dieses Land, das zumindest in drei Belangen Ähnlichkeiten mit dem Herz der Alpen aufweist.

1.
– Das arktische Herz des Amerikanischen Kontinents ist reich an Bodenschätzen so wie Tirol, wenn man Wasser als Bodenschatz kartographiert.

– Durch die globalen und klimatischen Veränderungen wird die Giga-Insel zu einem Hotspot für Militär und Handel, was Vergleiche mit der Transitroute durch Tirol zulässt. (Da fährt ja unter anderem auch die NATO durch.)

– Durch Betonung eines kühleren Klimas in einem Meer von Hitzewellen wird Grönland zu einem touristischen Sehnsuchtsort für jene, denen es anderswo zu heiß ist. Ähnliches gilt auch für Tirol, wo neben erträglichen Wintern auch kühle Almsommer vermehrt Touristenbedürfnisse stillen.

Bei so vielen Bonuspunkten für Lebensqualität ist es kein Wunder, dass auf Grönland und Tirol immer ein geschäftliches Auge geworfen wird, immerhin werfen beide Länder starke Renditen ab.



2.
Mit gewissem Rumoren im Bauch denken die Tiroler im Zusammenhang mit Macht und Einfluss an die eigene Geschichte.

– Die Filetierung Tirols nach dem 1. Weltkrieg ist für die älteren Jahrgänge immer noch ein trauriger Gedenkanlass, wobei das Filet eindeutig Südtirol bedeutet, auf das das Gerippe Nordtirol wehmütig blickt.

– Die Abstimmung zum Anschluss 1938 ist historisch Bewanderten vor allem durch die tendenziöse und alternativlose Fragestellung der Stimmzettel in Erinnerung, wobei dieses Layout (großes JA / kleines NEIN) in Sachen notwendiger Zuneigung der Grönländer zur USA ebenfalls zur Anwendung kommen könnte.

– Die Abstimmung zur EU ist mittlerweile schon vergessen, denn spätestens der EURO hat den Gedanken beiseite geräumt, dass es auch anders hätte ausgehen können. Wer täglich EURO durch die Finger gleiten lässt, entwickelt auch haptisch eine gewisse Not-Liebe zur EU.

– Und das Mercosur-Abkommen, ein Vierteljahrhundert lang verhandelt, gilt schon jetzt als notwendige Maßnahme, die indirekt mit den anstehenden Veränderungen rund um Grönland korrespondiert.

3.
Bei Menschen- und Geländeverschiebungen von einem Staatsgebilde ins andere geht es immer auch um Patriotismus. Selig das Land, das einen Patriotischen Mythos aufzubauen imstande ist.

Für Tirol könnte man dabei an die TIWAG denken, die als patriotischer Energielieferant trotz aller Entgleisungen, die ihr regelmäßig passieren, eine patriotische Rolle spielt.

Negative Highlights der Erfolgsstory sind:

– Für die ewig regierende ÖVP ist die TIWAG Garant für wirtschaftlichen Einfluss im Lande. Deshalb wurde im Juni 2022 auch zuerst der Wechsel im Aufsichtsrat vollzogen, ehe der neue Landeshauptmann dann als solcher ausgerufen wurde. Die Angst der Partei war spürbar, die Landes-Firma könnte ihr entgleiten.

– Als die Inflation ansprang, kannte die Stromgesellschaft keinen Genierer, ihre Boni gleich mit zu erhöhen und in eine diffuse Preisangleichung zu verpacken.

– Als man um die Jahrtausendwende auf internationalem Parkett mehr Geld verdienen konnte als bei den heimischen Glühbirnen-Nutzern, verkaufte man kurzerhand die Kraftwerke nach Amerika, schredderte die Verträge und konnte mit mehr Glück als Verstand diese Krypto-Deals wieder rückabwickeln.

– Die Anfrage nach dem Informationsgesetz wegen der Entschädigungen an Gemeinden wurde zuerst geschwärzt beantwortet. Es bedurfte eines Gerichtsurteils, um in den Genuss von Klartext zu kommen.

All diese Beispiele zeigen, dass es ständiger politischer Kontrolle bedarf, damit sich das Aktienunternehmen nicht selbständig macht.

4.
Die Grönländer werden so oder so eine zusätzliche Fahne aufhängen müssen. Manche Tiroler sagen patriotisch dazu, dass es nicht weh tut, solange man einen kleinen Mythos von Souveränität in der Energieversorgung pflegen kann.

Die US-Grönländer könnten sich daher eine patriotische Gesellschaft für den Eigenbedarf zulegen und sie GRÖWAG nennen. Und dann bekommen sie noch 100.000 aufs Konto: da wird jeder schwach werden und kollektiv samt Land und Maus in die USA einwandern wollen.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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