Helmuth Schönauer
Friedrich Hahn
Alles Aus Reden
Gedichte aus dem vorigen Jahrzweit
Besprechung
Ein kluger Titel verkündet das Programm, indem er zum Unterschied von Werbebotschaften einfach neugierig macht. Die mehrfach sinnverknüpfte Anordnung der drei Wörter Alles / Aus / Reden lässt das Lese-Auge gleich die Begriffe Ausreden und Reden zusammenziehen, ehe im Untertitel der Begriff Jahrzweit wieder zum Auseinanderlegen der Bedeutungsschattierungen zwingt.
Gemeint sein könnte eine schlichte Übersetzung einer Biennale, wie sie in der Kunstszene öfters vorkommt, es könnte auch in der Hofrat-Sprache einen Gehaltssprung bedeuten oder gar die psychologische Ferndiagnose eines Zwiespalts, wenn eine gewisse Entzweiung in der Luft liegt.
Ein konkretes Lyrikprogramm lässt sich aus dem ersten Gedicht herauslesen, das sich als didaktische Ermunterung empfinden lässt, sich auf die Gedichte, Ausreden und Zeitsprünge genauer einzulassen.
alles ausreden // wie soll ich mich fühlen / wie siehst du aus / ich schaue lang in die sonne / blind greif ich nach der / orange am tisch / lege sie zu den schnecken / da wo kein vogel sie sieht / nein / keiner schreibt für alle / und ja ich geb’s zu / mir hat noch selten gefallen / was ich geträumt habe (5)
Das lyrische ich greift sich ein paar Alltagsfloskeln zum Beginn eines Smalltalks mit sich selbst. Die Sonne schränkt mit ihrer Überbelichtung die Sicht ein und lässt den Helden nach dem nächstbesten Gegenstand am Tisch greifen, die Orange wird zum Zentrum eines Stilllebens, nachdem sie unter Schnecken drapiert worden ist, die sich vor Vögeln verstecken.
Die Fügung aus politischen Ansprachen, die mit Ja beginnen, gerät zu einer sogenannten affirmativen Aussage über nichts. Denn was kann das Publikum mit einer Äußerung über das Missfallen eigener Träume anfangen?
Das Vogelmotiv jedenfalls, das in jedem Gedichtband der Gegenwartslyrik vorkommen muss, ist hervorragend im Text versteckt, indem die Dinge vor eben diesem Vogel versteckt sind.
Dieser Fluss von jähem Anlass, Gefühlsausbruch und trivialer Lokalität zeigt sich bestens an lyrischen Einsprengseln in den Alltag. Eine kleine Szene am Bahnsteig (9) führt zu einem Ausfluss ungeweinter Traurigkeit, sodass die banale Frage nach dem nächsten Zug wie eine Erlösung aus dem ganzen Elend wirkt.
Einen Schwerpunkt legt der Autor auf das Ausreizen von Irritationen, Grenzsituationen und Überspringen versteckter Regeln. Das sogenannte Doppeltexträtsel (17) greift auf jene Rätselform in Zeitungen zurück, worin sich zwei Bilder durch ein paar eingebaute Fehler unterscheiden.
Auf Gedichte angewandt gilt es nun zu suchen, wo die Fehler zwischen dem sichtbaren Gedicht und einer imaginären Vorlage liegen, die Fehler könnten überall im Text, zwischen den Zeilen und rund um das Gedicht herum versteckt sein.
In der Zwillingsanordung von ich und mein kopf (41) und du und dein kopf (43) wird das Phänomen der Doublette zu einer grotesken Verzerrung jeglicher Beziehung.
Eine dritte Spezialität der Komposition für einen Gedichtband besteht in der Durchbrechung der stillschweigenden Vereinbarung, dass in einem Buch jedes Gedicht nur einfach vorkommt.
Die Expedition mitten im nirgendwo gerät in die Irre, weil das Nirgendwo überall auftauchen kann, weshalb das Gedicht zweimal abgedruckt ist (Seite 57 + 89), beide Male wird die Behauptung geradezu angefleht, dass der 27ste wieder ein Montag sein möge.
Mit dem Problem der Verlässlichkeit von Ordnungsprinzipien schlagen sich Begriffe wie jahr um jahr (49), inventur (53) oder tilt (67) herum. Die Grenzen dieser Ordnungsversuche zeigt eine oft gebrauchte Floskel aus dem öffentlichen Verkehr: Erst aussteigen lassen! (71)
Der persönliche Kern des lyrischen Ichs wird in fünf (Fehl)Versuchen über das eigene Leben freigelegt. Unter der suggestiven Annahme, dass ein eigenes Leben gelingt, wenn man es als solches evoziert, gelingen Abstimmungen im leeren Raum, suchen Silben und Wörter nach festem Grund unter den Füßen, oder schlagen Floskeln aus der Kindheit jäh im Schreibprogramm des Erwachsenen auf.
Manchmal dienen Anrufungen von bösen Wortgeistern als Versuch, aus der Soße des Allfälligen herauszukommen, sei es, dass das Unterfangen schlicht als gescheitert bezeichnet wird, sei es mit der recht eigenwilligen Selbsttröstung, wonach man mit schmerzen weniger allein ist.(91)
Wie schon im Titel, wo es um Reden großen Ausmaßes gehen kann, schlägt auch der Sound der Öffentlichkeit immer wieder zu: nachrichten die es nicht in die zeitung schafften (97) führen schließlich zu einer recht unverblümten Erkenntnis: Nichts ist mehr wahr / jemand wie ich / kann immer nur rätseln.
Friedrich Hahn: Alles Aus Reden. Gedichte aus dem vorigen Jahrzweit. St. Wolfgang: edition art science 2025. 101 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-903335-45-5.
Friedrich Hahn, geb. 1952 in Merkengersch / NÖ, lebt in Wien.
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