Helmuth Schönauer
Friedrich Hahn
Titel gesucht
Fragmente
Halb Puzzle / halb Roman
Besprechung
Ein Kind schüttet die Puzzleteile zweier Bilder in eine gemeinsame Schachtel und staunt, was für neue Möglichkeiten für ein Un-Bild sich daraus ergeben.
Friedrich Hahn baut auf dieser Parabel von Kafkaesker Klarheit die Story für seinen aktuellen Roman auf. Titel gesucht. Fragmente. Halb Puzzle / halb Roman fußt auf der Überlegung, dass es im Alter nicht darum geht, Neues zu entdecken, sondern das Bekannte in der Zeitlosigkeit zu verstecken.
So drängt sich die Frage in den Vordergrund, was denn der Sinn des Schreibens ist, wenn alles schon erzählt ist. Und schreiben könnte dann ja bedeuten, sich selbst aus der Geschichte herauszulöschen.
Der Roman tritt folglich in zwei Präsentationsformen auf. Im ersten Teil schlängelt sich ein Schriftsteller durch alle möglichen Identitäten, die er im Laufe der Zeit erlebt, angelesen oder abgeschrieben hat, und stellt dabei lang- oder kurzkettige Molekülketten des Erzählens her. Im zweiten Teil liegt das soeben Aufbereitete in einer Puzzle-Schachtel wirr durcheinander, und mit jedem Hineinfassen in die Box lassen sich kleine Storys und Prompts herausziehen.
Dieses Konzept führt zu der erstaunlichen Tatsache, dass jeder Leser nach dem Zufallsprinzip seine persönliche Geschichte erlebt, denn die aus der Schatulle gezogenen Puzzleteile kletten sich sofort an die Lebensgeschichte des Lesers an und werden zu einem Unikat.
So gleicht logischerweise keine Rezension einer anderen. Was manchmal als Zeichen vagen Pointilismus gedeutet wird, wenn jeder etwas anderes liest, ist hier das Qualitätsmerkmal für offenes Erzählen.
Diese Offenheit spricht bereits die Fügung an: Titel gesucht. Damit kann gemeint sein
a) der Text ist schon da, aber der passende Titel fehlt noch,
b) das Thema ist schon formuliert, aber man sucht noch entsprechende (Buch)-Titel dazu,
c) die Aufgabenstellung wird ausgeschrieben und man sucht passende Titel-Träger, die dafür in Frage kommen.
Aus diesem offenen Konglomerat resultiert schließlich eine assoziative Schreibwurst, in der ein Erzähler sich einem Programm künstlicher Intelligenz genauso anvertraut wie Erinnerungen und zufälligen Begegnungen.
Das noch am ehesten verlässliche Medium ist das sogenannte Bankerl-Sitzen, wenn jemand sein Alter auf einer fixen Sitzfläche aussitzt und alles auf sich zukommen lässt. Im Roman tauchen dabei eine Straßenmusikantin auf, die ihre Erlebnisse loswird, oder eine Alleinerzieherin mit einem angeschlagenen Kind, oder eine Therapeutin.
Aber alle Gesprächsvisavis könnten auch Anleitungen zu einem geglückten Leben entstammen, oder einem Fernsehprogramm mit passenden Hilfestellungen. Selbst die Ich-Perspektive schlüpft in die Mutterrolle oder in das Gehäuse einer verflossenen Geliebten. Die Geschichten sind immer passend und logisch, wenn zumindest zwei Teile zusammenpassen, kann man schon von einem Puzzlebild-Fragment sprechen.
Ich bin ein Vater ohne Kind ist als Ergebnis richtig, jetzt gilt es nur noch, die passende Vorgeschichte zu diesem Satz zu finden. Gegen Ende dieses Puzzle-Kapitels erreicht dann ein Anruf den Text, dass der Auftraggeber einen Hirnschlag erlitten und kein Interesse mehr an der Geschichte habe, das Geld werde aber ausgezahlt. Diese Situation passt auf einen Schriftsteller genauso wie auf jeden anderen Beruf, in dem jemand einen Sinn ausgibt und dafür Geld auslobt.
Der zweite Teil, also die Roman-Hälfte, zeigt sich als rasanter Parforceritt durch ein Depot von Materialien, Halbsätzen, Enttäuschungen und Verirrungen. Jemand zittert sich gerade durch einen Alptraum, ob seine Waschmaschine wohl ein sauberes Flusensieb habe, da merkt er, dass das Bankerl, auf dem er üblicherweise selbst sitzt, von jemand anderem eingenommen ist. Aber als er genauer hinsieht, laufen zwei Identitäten mit gleichen Namen auf ihn zu und zwingen ihn zum Aufwachen.
In diesem klassischen Nebelreich zwischen Schlaf und Betäubung spielt sich das Leben zum Teil beschleunigt, zum Teil ausgebremst langsam ab. Lichtblick und Halt ist das Fernsehprogramm, aber auch darauf ist nicht Verlass, wenn plötzlich der Bergdoktor mit den Rosenheimcops vertauscht wird.
Eben noch verliebt, ist schon die Scheidung absolviert und der Müll in der Küche ist voll. Was kommt als nächstes? Diese Frage verfolgt den Puzzle-Verwalter bei jeder Gelegenheit, wenn die nächste Nachricht ansteht, die nächsten Defekte sich am Körper zeigen, die nächste Lektüre ins Leere führt oder auf etwas verweist, was schon einmal versagt hat.
Diverse Handgriffe aus dem Berufsleben lösen sich in Einzelsequenzen auf, einmal greift die Hand des Fotografen in eine Schachtel voller papierener Fotos und fördert erst recht nur belichtetes Papier ans Tageslicht.
Was soll ich sagen. Mein Elfenbeinturm hat fünf Stockwerke. Ich wohne Parterre. Wenn ich ein Fenster öffne, ist die Welt draußen nicht mehr weit. (90)
Ich denke im Kreis, ohne zu wissen, was ich denken soll. (97)
Zeit für einen Nachmittagstee. Räume tun sich auf. Aber eine von den vier Seiten fehlt. Das ermöglicht mir eine Einsicht. (123)
Als Leser ist man längst in einem Erregungszustand, in dem jäh alle Sätze passen und jeweils der Titel sind, der eingangs gesucht worden ist.
Diese Textbausteine ergeben plötzlich das Bild von einem kompakten Menschen, der ein unverwechselbares Schicksal herumträgt, fein säuberlich aufgeschnipselt in kleine existentielle Pointen, die ihn unsichtbar machen.
Halt: Der Erzähler hat sich aller Berufskleider entledigt und trägt die sprichwörtlich dämliche Freizeithose (110), die durch Karl Lagerfeld zu einem Zitat über Kontrollverlust geworden ist.

Friedrich Hahn: Titel gesucht. Fragmente. Halb Puzzle / halb Roman.
Horn: Berger & Söhne 2026. 124 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-99137-095-6.
Friedrich Hahn, geb. 1952 in Merkengersch / NÖ, lebt in Wien.
Helmuth Schönauer 21/04/26
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