Helmuth Schönauer
Fehlprodukte
Ganze Wirtschaftssparten heulen den Staat
um Subventionen an,
statt ihre Produkte dem Markt anzupassen.
Stichpunkt

1.
Beim Zappen durch das deutsche und österreichische Regional-TV tauchen im Vorabendprogramm gebündelt Jammerer auf, denen die Wirtschaftsflaute zu schaffen macht.

Zum Unterschied von Realityshows aus der Armutszone handelt es sich bei diesen patriotischen Beiträgen meist um angesehene Wirtschaftstreibende, die wissen, wie man bei öffentlichen Auftritten das Besteck hält.

Nach der Choreographie der Öffentlich Rechtlichen treten dynamische Zunftvertreter auf, jammern, dass ihr Geschäft darniederliegt, und erwarten sich

a) einen günstigen Strompreis,
b) eine Entbürokratisierung und
c) mehr Geld aus Brüssel.

Diese drei Wünsche an die Staats-Fee sind so allgemein, dass sie jede Branche stellen kann. Ein Hopfenanbauer aus der bayrischen Holledau klagt, dass die Leute nichts mehr trinken und vor allem die Amerikaner ungeheure Zölle auf die deutschen Biere aufschlagen. Ein Baden-Württembergischer Jungwinzer klagt, dass er demnächst die Reben roden wird, weil gerade die Jüngeren keinen Wein mehr vertragen. Und der obligate Ossi-Landwirt klagt vom Tracker herunter, dass ihm der Mais auf der ehemaligen Kolchose jedes Jahr eingeht und er sofort demonstrieren wird, sollte auch nur ein Cent aus Brüssel ausbleiben. Schließlich brauche er auch für tote Pflanzen Energie, um diese jeden Sommer unterzupflügen.

Als Konsument dieser Dramulette nickt man zustimmend, denn die Wirtschaft scheint wirklich in einem erbärmlichen Zustand zu sein.


Kopflos[/Berr Besser kopf- als geräuschlos


2.
Irgendwo im Hinterkopf taucht freilich die Frage auf, ob es vielleicht daran liegen kann, dass diese jammernden Sparten alle falsche Produkte herstellen. Wir hätten es dann mit einer Misswirtschaft oder Fehlwirtschaft zu tun.

Das Bier scheint seine Hauptaufgabe, nämlich die Leute einzulullen, damit sie die Festzeltmusik aushalten, zunehmend zu verlieren. Vor allem die Jugendlichen wollen nicht Hopfen, sondern Hanf, und es versteht niemand, warum man an falschen Produkten festhält, nur weil es Tradition ist. Ähnliches gilt für die Weinkultur, von der Drogen-Psychologen behaupten, sie bestehe ausschließlich darin, mit schönen Wörtern wie blumiger Abgang den Alkoholismus schönzureden.

Und der Mais-Bauer wartet offensichtlich immer noch auf den nächsten Fünfjahres-Plan des Staates, den freilich niemand mehr ausgibt, weil durch den Klimawandel mittlerweile kaum noch Fünf-Monats-Pläne möglich sind.


3.
Kaum zappt man sich in heimische Gefilde, taucht auch schon in Tirol heute ein Industrieller auf, der in gepflegtem Stil beklagt, dass die Jugendlichen heutzutage nicht einmal mehr im Stande sind, eine Lehre hinzukriegen. Von Karriere ist dabei gar nicht zu reden. Man möchte meinen, dass nach neun Jahren ein österreichisches Kind lesen, schreiben und sich benehmen beherrscht, sodass es eine Lehre durchsteht.

Da mag der Mann schon recht haben, wenn er seine Klage an das verrentnerte Publikum adressiert, das um diese Zeit tapfer vor dem Tirol heute sitzt. Aber auch ihm müsste dämmern, dass wir uns in einer Fehlproduktion befinden, was das Bildungssystem betrifft.

Wir stellen im Bildungswesen nicht nur das Falsche her, nämlich Bachelors am laufenden Band, sondern haben auch das Wesen des österreichischen Schulwesens nicht begriffen: Die Schule ist nämlich für die Lehrkräfte da und für sonst niemanden! Wer etwas verändern will, muss entweder die Lehrerschaft austauschen oder mit ihnen eine Lehrkraftschule entwickeln, die sie glücklich macht. Im Idealfall können dann Schulende an diesem Lehrerunterricht teilnehmen und partizipieren, indem sie ständig den Lehrern Noten geben statt umgekehrt.


4.
Wahrscheinlich liegt es aber auch beim Jammern des Tiroler Industriellen nicht an den schwachen Schülern, sondern an den schwachen Produkten, die allenthalben hergestellt werden. Denn ehrlich, jedes zweite Produkt, das in Österreich hergestellt wird, ist überflüssiger Scheiß.

Man denke nur an

– die KTM-Motorräder, die außer Lärm nichts können,
– die süßen Energie-Dosen, die außer Adipositas zu generieren kein Ziel haben,
– oder an die berühmte Glock, die bei jedem Massaker zu einem unwürdigen Hype gelangt.

Wahrscheinlich liegt die Unwucht des Wirtschaftens darin, dass die Rentner nichts mehr kaufen und die Jugendlichen von Seniorenprodukten die Schnauze voll haben. Die Lösung zeigt uns Milka: Geschrumpfte Schokolade bei höherem Preis macht aus lila Kindern glückliche Klein-Kühe.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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