Helmuth Schönauer
Ein bisschen Kollaboration
wird wohl noch erlaubt sein.
Neues vom Rentnerfrühstück

Eine Handvoll Rentner sinniert über die Macht der US-Medienkonzerne und stellt mit Entsetzen fest, dass die meisten von ihnen selbst auf Facebook sind. Dabei häufen sich bereits die absurden Auswirkungen solcher Abhängigkeiten, wenn sich die Medienoligarchen im Sog der US-Regierung einbilden, als Weltherrscher durch die Kontinente zu surfen.

Ziemliche Aufregung verursachte etwa die Drohung der US-Regierung, beim Ausstellen von Visa künftig auch die Socialmedia-Einträge der Bittsteller zu berücksichtigen. Wer sich beim Posting schon einmal ungünstig über die USA geäußert hat, muss in Zukunft also damit rechnen, dass sein Einreise-Ansuchen abgelehnt wird.


 

Schon längere Zeit sind akademische Programme davon betroffen, dass ihr digitaler Wissensaustausch rund um die Uhr gescannt wird, ob nicht vielleicht unerwünschte Forschungen, Daten oder Thesen in Umlauf gebracht werden. Kurzum: Wer etwas Eigenständiges denkt und digital durchs Netz in seine eigene Cloud jagt, läuft Gefahr, von diversen Accounts abgeschnitten zu werden.

Wie brutal das Verstoßen geächteter Personen aus dem Wirkungsbereich der Weltherrschaftskonzerne sein kann, spüren momentan eine Handvoll Richter, die am internationalen Gerichtshof in Den Haag ungeniert Urteile gegen sogenannte Kriegsverbrecher fällen. Seit sie von der US-Regierung sanktioniert werden, haben sie keinen Zugang zu ihren Mail-Accounts, zu den Sozialen Medien, Clouds und Visa-Karten. Die gesamte digitale Identität der Richter liegt auf Eis und die Eminenzen der Justiz müssen ihre Existenz als Rechthaber ohne Netz bestreiten.

Wenn man als Gedankenspiel davon ausgeht, dass die Konzerne einmal ihre Macht ausspielen wie die gleichgeschaltete Presse in totalitären Staaten, zeigt sich, dass die Demokratischen Kräfte ohnehin längst schon eine Kollaboration mit dem nächsten möglichen politischen Gegner eingegangen sind.

So schicken die Rentner sich über Whatsapp nette Enkel-Bilder zu und fragen anschließend über Facebook ihre Kollegen vom Rentnerfrühstück dann unschuldig, was denn daran falsch sein soll, ein bisschen Kontakt mit seinesgleichen zu pflegen und nebenher Werbung für harntreibende Tabletten mitlaufen zu lassen.

Die IG-Autorinnen Tirol bejammert übrigens seit Jahren den Zustand der heimischen Presse und das Fehlen jeglicher Diskussionsforen. In ihrer Jammerei kommuniziert sie ausschließlich beim potentiellen Feind Facebook.

FM-4 (von Zwangsabgaben am Leben erhalten) ruft zu einem Wettbewerb über Widerstand auf und gibt gleich die erlaubten Themen vor, als da wären: Gaza, Gendern, Wokeness, Sprayen auf Privatgrund, Freeclimbing am Campus und Sitzen am Innsbrucker Sonnendeck. Und selbstverständlich wird auch hier über Facebook und Co. kommuniziert.

Ironischer Schlusssatz des Rentnerfrühstücks: 

Wenn es demnächst zu einem Blackout der Sozialen Medien kommt, wie es im Iran gerade vorbildlich durchexerziert wird, bleibt nur noch ein millionenfach innerer Monolog der Abgeschnittenen, die baff feststellen müssen, dass die Kollaboration mit der angeblich so freien Kommunikation auch schief gehen kann, wenn die Besitzer dieser Freiheit zu mächtig werden und die Staaten sich dieser Macht bedienen.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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