Helmuth Schönauer
Dynamische Preise befriedigen
die Schnäppchenlust.
Stichpunkt

Der Kern der österreichischen Seele besteht aus einem Loch, in das logische Gedanken angesaugt und zum Verschwinden gebracht werden. Ein Beispiel für dieses anti-logische Verhalten ist die Lust, sich auf Schnäppchen einzulassen mit der Begründung, dass dann etwas günstiger ist.

Deutsche Handelskonzerne legen deshalb einen Österreich-Zuschlag auf die Waren, um den Grundpreis der Artikel zu erhöhen, sodass man anschließend leicht wieder Verbilligungen und Schnäppchen daraus machen kann. In der Rechtfertigung behaupten diese Handelskonzerne, dass die Waren in Deutschland und Österreich in etwa gleich teuer seien, man müsse nur die Billigaktionen mit einberechnen.

So laufen dann auch Aktionen wie Nimm zwei!, Doppelt hält besser oder Wer A sagt, muss auch B kaufen wie geschmiert.

Diesen Schnäppchen-Trick hat sich mittlerweile auch die Regierung zu eigen gemacht, indem sie beispielsweise die Mehrwertsteuer auf Milch und Brot gesenkt, dafür aber die Zustellung von Paketen verteuert hat. Die gleiche Kundschaft, die am Vormittag vor dem Joghurtregal staunt, dass etwas um zwei Cent billiger geworden ist, reibt sich zu Mittag die Augen, wenn das zugestellte Paket zwei Euro mehr kostet.

Aber für solche Fälle haben die Österreicher die Kunst des Schönredens erfunden. So wie ihnen die Paketverteuerung wurst ist, weil es ja der Absender zahlt, glauben die meisten, dass sie mehr verdienen, wenn sie statt zwölf eben vierzehn Gehälter ausgezahlt bekommen. Diese angeblich zusätzlichen Gehälter werden dann noch mit Harmoniebegriffen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld geschmückt, um den scheinbaren Bonuscharakter zu erhöhen.

Und der Schnäppchenkult von Billigfliegern entlarvt sich spätestens in Echtzeit, wenn im Flieger für jeden WC-Besuch extra bezahlt werden muss.

Unter dem Begriff dynamische Preise sind freilich in allen Sparten mittlerweile günstige Angebote Gang und Gäbe. Offiziell dient diese Preisgestaltung bei Bahn, Schwimmbädern oder Liften dazu, die Auslastung zu steuern, in Wirklichkeit machen diese stündlich variablen Preise aber eine straff kalkulierte erhöhte Gewinnspanne aus.

Der aktuelle Oberhammer dieser dynamischen Preise spielt sich an den Tankstellen ab, wenn es um die Mittagszeit ein paar Cent rauf oder runter geht, je nachdem, von welcher Seite man sich der Tankstelle nähert.

Die Regierung, die bei hohen Spritpreisen natürlich mehr verdient, hat diese schon längst im Budget einkalkuliert und speist das Publikum mit Goodies ab. Tankrabatt und Sprit-Preis-Bremse sollen das Schnäppchen-süchtige Volk beruhigen.

Für diesen Herbst freilich stehen größere Probleme im Raum. Wie wird man längerfristig die Landwirtschaft halbwegs ruhig halten können, wenn schon jetzt Ernteschäden von einer Milliarde ausgerufen sind?

Mit einer Verdoppelung des Agrardieselprivilegs wird es nicht getan sein. Wenn hinter dem Schnäppchen nämlich keine Wurst dran ist, wird auch der sprichwörtlich gutmütigste Hund aufgebracht ins Leere schnappen.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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