Helmuth Schönauer
Die Uhr
Eine kleine Kulturgeschichte
Mit einigen Illustrationen
Besprechung
Was hat die Zeit mit den Menschen gemacht, was die Menschen mit der Zeit? In einer kunstgeschichtlichen Serie über Unauffälligkeiten im Alltag darf die Zeit nicht fehlen, und als ihr Verknüpfungspunkt zwischen Universum und Individuum dient die Uhr.
Lukas Meschik geht die Sache mit der Uhr sehr zeitlos individuell an. Im Stile eines Flaneurs macht sich der Erzähler gehbereit und erlebt dabei eine Art von Luxusstress eines Countdowns, wenn die Zeit ohne objektiven Anlass komprimiert wird bis zu jenem Punkt, wo auch die Partnerin gehbereit ist.
Das gemeinsame Finden des idealen Zeitpunkts für eine Aktion ist auch der springende Punkt für das Gelingen. Die Uhr läuft zwischen allen Partnern in einer eigenen Skalierung ab.
Die Erzählmethode zur Uhr ist jene eines Spaziergängers, der sich zu diversen Schlagwörtern äußert, ohne dass diese in einem Register wissenschaftlich verankert sein müssten.
Die Kulturgeschichte zur Uhr läuft in drei Feldern ab:
– die Zeit als Umgangsform des Individuums mit seiner Gesellschaft
– die Zeit als Inhalt diverser Mechanismen für ihre Messung und Maßregelung
– die Zeit als Umhüllung der Poesie
Der Essay liefert in kleinen Spots Erhellungen im Stile von Überraschungen im zähen Alltag. In Rückblenden auf das Zeitmanagement der Vergangenheit tritt vor allem das Zeitmanagement des Klosters in den Vordergrund, wenn der getaktete Ablauf von Askese täglich die Zeit in Sinn verwandelt.
In Zeiten, da allenthalben von Energiespeichern die Rede ist, kommen Methoden zum Vorschein, wie man Zeitspeicher anlegen könnte.
Der scheinbare Widerspruch zwischen Flanieren und dem Messen dieses Zustands, wie er sich bei jedem auftut, der mit einer Körperuhr unterwegs ist, ist wahrscheinlich die Belohnung für das richtige Verwalten der Zeit. Der Sinn besteht meist darin, in regelmäßigen Abständen eine Messung vorzunehmen, die keinerlei Auswirkung hat.
Eine Gesellschaft, die sich mit dem bloßen Ausrufen der Stunden durch den Nachtwärter nicht mehr zufriedengeben konnte, weil daraus kein wirtschaftlicher Nutzen zu erwirken war, hat sich früh um mechanisierte Zeitdarstellungen bemüht, die zu einer umfassenden Uhrengesellschaft geführt hat.
Während der Kontinent stationär mit Türmen und Turmuhren mit Zeitmessung fixiert wird, stellt sich die Frage, wie man diese Messverfahren auf See zum Navigieren verwenden könnte.
Im nächsten Schritt gilt es, die Zeitmessung zu industrialisieren, erst die Stoppuhr ermöglicht die Einführung des Fließbandes. Der Kult um die Zeitmessung wird für die besitzenden Schichten zu einem Investitionsfeld, worin man Uhren als reine Geldanlage positionieren kann.
Unter dem Begriff Uhrendämmerung kommt der Zeitforscher Karlheinz Geißler in seinem Buch zum Schluss: Die Uhr kann gehen! Was doppelsinnig gemeint ist, sie kann verschwinden, aber auch sich selbständig machen.
Der Uhrenessay wendet ein besonderes Augenmerk auf das Zusammenspiel zwischen Poesie und Zeit, er bewerkstelligt dies mit einem simplen Absatz, worin im Sinne magischer Wörter alles aufgezählt wird, was sich rund um eine Uhr herum abspielt.
Der Autor wird geradezu euphorisch, wenn er ausruft, dass man als Buchmensch den gleichen Verwendungszweck für diese Begriffe haben kann wie als Uhrenmensch: Poesie der Begriffe // Federhausverzahnung, Ankerpalette, Hemmradzahn, Sperrkegel, Sägezahnform, Federhausraum, Verzahnungsgesetz, Hohltriebverzahnung, Gleitlager, Zapfenlager, Stoßsicherung […] (53)
Erwähnenswert ist die Uhr in der erzählenden und filmenden Literatur, wenn der bloße Hinweis auf sie Spannung auslöst. Wenn eine Uhr ins Spiel kommt steigt der Suspense.
Im Glossar werden einige dieser beinahe kultischen Wörter sinnlich aufbereitet und lassen sich als generelle Liebkosung des Phänomens Uhr lesen.
Das Abbildungsverzeichnis gibt acht markante Motive an, die man keinesfalls kopflos überblättern sollte. Beispiel einer antiken Sonnenuhr, Räderwerk einer federgetriebenen Pendeluhr, Elemente einer Taschenuhr, Reklame der Normalzeit (87). Die Abbildungen lassen sich auch als Katalog der wichtigsten Uhrentypen lesen.
Ganz im Stile des Flaneurs schließt Lukas Meschik seinen Essay ab: Am Ziel! Der Ausgang kann harmonisch abgeschlossen werden, der Uhrenrundgang ist gelungen. Wer sich mit der Zeit befasst, kommt immer ans Ziel, weil die Zeit ja das Ziel ist. Die Uhr legt kulturgeschichtliche, künstlerische und verspielte Treppchen zu diesem Ziel.

Lukas Meschik: Die Uhr. Eine kleine Kulturgeschichte. Mit einigen Illustrationen. Innsbruck: Limbus 2026. 96 Seiten. EUR 15,-. ISBN 978-3-99039-279-9. Lukas Meschik, geb. 1988 in Wien, lebt in Wien.
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