Helmuth Schönauer
Die Kunst,
unbedeutende Jobs bedeutsam
zu besetzen.
Stichpunkt
Die Intendanz des Tiroler Landestheaters wurde geräuschlos verlängert.
1.
Wenn der Volksmund in Tirol einer Person einen Kosenamen umhängt, dann hat sie es geschafft. Sie wird zumindest als Individuum wahrgenommen. Letzter prominenter Zugang zu dieser Welt der Kosenamen ist die Intendantin des Tiroler Landestheaters, deren Vertrag bis in die dreißiger Jahre hinein verlängert worden ist. Ihr Alte-Frauen-Name (in Analogie zu Alte-Herren-Name in Studentenverbindungen) lautet Gurkinger.
Dieser Nickname fußt auf der Tatsache, dass während der ersten Intendanz einiges vergurkt worden ist, ehe die Herzen des patriotischen Publikums gewonnen werden konnten.

2.
Die Intendanz-Verlängerung ist geräuschlos parallel zum Fußballfieber der WM über die Bühne gegangen und zeigt, dass es sich beim Job der Theaterleitung um etwas ziemlich Unbedeutendes handelt. Theater in der Provinz bedeutet nämlich nichts anderes, als ohne Wirbel einen Betrieb zu führen, in den die Bevölkerung ungefragt beachtliche Geldsummen steckt in der Erwartung, dadurch als gebildet wahrgenommen zu werden.
Die meisten Politiker in der Provinz ächzen zudem unter der Verantwortung, Personalentscheidungen im Kulturbereich treffen zu müssen, weil sie nichts davon verstehen. Wie will jemand, der unter Spannung vor allem jene im TIWAG-Netz versteht, beurteilen, welche Spannungen am Theater gefragt sind?
Die Entscheidungsträger haben also freudig der Vertragsverlängerung zugestimmt, zumal ja schon sehr viel Spielkapital in die Moderation der Intendanz geflossen ist. Positiv könnte man den teuren Mediationsprozess rund um die Intendantin als schwer verdauliche Oper der zeitgenössischen Art bezeichnen. Und das Publikum fühlte sich bei den dramatischen Vorgängen rund um die Direktion offensichtlich mindestens so gut unterhalten wie bei einem Klassiker, dessen Ende man schon im Voraus kennt.
3.
Für eine Verlängerung spricht außerdem die Tatsache, dass das Publikum mittlerweile gesäubert worden ist (bzw. es hat sich durch Fernbleiben selbst gesäubert) und neue Publikumsschichten angeblich erschlossen wurden. So ein Läuterungsprozess dauert immer ein Jahrzehnt, sagt man in Theaterkreisen, und in der Provinz sogar noch länger. Es wäre also verschleuderte Energie gewesen, einem ohnehin trägen Publikum eine neue Person als Leitung zuzumuten, wenn es noch nicht einmal mit der alten warm geworden ist.
Einen Wechsel der Perspektive zeigt auch das sperrige Unterfangen, als Fremde nach Tirol zu kommen, um dort Theater zu machen. Unabhängig vom Geschlecht wird sich jeder neue Theaterkopf die ersten Jahre schwer tun, nicht gemobbt zu werden. Denn Mobbing im Theater findet in beiden Richtungen statt, nicht immer nämlich hat das Publikum recht oder lässt sich auf etwas ein, was es nicht kennt.
4.
Zur Wahrheit über die Intendanz gehört freilich auch, dass es ein unbedeutender Job ist, der zudem deppensicher ist, wenn sich nicht gerade etwas Kriminelles einschleicht, das man beim besten Willen nicht vertuschen kann. So kann man wohl allen zur Verlängerung gratulieren, den Politikern, dem Publikum und der Intendantin!
PS: Meine gelassene Einschätzung resultiert übrigens aus der Tatsache, dass ich seit fünfzig Jahren nie mehr ins Landestheater gegangen bin, seit mir der damalige Intendant Wlasak,als Mephisto verkleidet, während einer Schülervorstellung von der Bühne herab verkündete, er werde die Vorstellung hinschmeißen, wenn es nicht ruhig ist im Publikum.
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