Helmuth Schönauer
Das Ende der österreichischen Literatur
durch ihre Übernahme in die Lehrpläne
Stichpunkt

Der wohl witzigste Spruch zum Moralisieren in Bildungsangelegenheiten stammt aus Osttirol: Gscheit ist gscheit, aber zu gscheit, ist nimmer gscheit.


1.
Der Literatur hat man im Österreich des ausgehenden 20. Jahrhunderts einen gewaltigen Bildungsauftrag untergeschoben, mit dem Ergebnis, dass diese Art vorgeblicher Aufklärung tatsächlich ein Nobelpreis-Pärchen hervorgebracht hat: Elfriede Jelinek und Peter Handke. Beide sind ‒ zumindest in ihren Darbietungen nach der Preisübergabe ‒ mittlerweile unlesbar, weil Alles-wissend und Nichts-sagend geworden.

Die Entwicklung der sogenannten Lesekultur geht in den letzten beiden Jahrhunderten mit der Entwicklung der Staatswesen, zumindest aber der Etablierung des Wahlrechts einher. Nach den Adeligen und Bürgerlichen beginnen plötzlich auch die bislang niedrig gehaltenen Schichten zu lesen, was diese vor das Dilemma stellt, dass sie entweder die bislang vorhandenen Stoffe der Oberschichten vorgesetzt bekommen oder die eigenen Schicksale in ihrer literarischen Verfremdung nicht auf Anhieb verstehen können.

Der Ausweg lautet: Wo Literatur ist, müssen auch Lehrer sein, die diese Literatur erklären.

Aus dieser didaktischen Anforderung heraus spaltet sich im deutschsprachigen Raum die Literatur bald einmal auf in selbsterklärende Unterhaltungsliteratur und streng abprüfbare Lehrerliteratur. Meilensteine für diese abprüfbare Literatur treten oft als Professoren-Romane auf, worin beispielsweise historischer Stoff in eine Unzahl von Dialogen und Miniszenen zerlegt wird, über die nur mehr ein Fachmann den Überblick behält. Als Topereignis dieses Genres wird gerne Quo Vadis (erschienen 1895) von Henryk Sienkiewicz genannt.



2.
Als mit der bildungspolitischen Aufbruchsstimmung in der Kreisky-Ära die österreichische Literatur wieder staatstragend in Szene gesetzt werden sollte, geschieht dies auf drei Ebenen:
– für die Autoren und Verleger gibt es ein dynamisches Subventionswesen,
– für die Schulen werden literarische Curricula und Schulbibliotheken hochgezogen
– und für die Buchhändler springt ein subventioniertes Garantieeinkommen durch die Schulbuchaktion heraus.

In allen drei Feldern mischt sich ab nun der Staat mit seinem Subventionswesen ein und etabliert ein Heer von Literaturbeamten, Juroren und Lektoren, die quasi jedes Buch auf die staatstragende Moral hin untersuchen und diese einfordern. So wird etwa Thomas Bernhards Holzfällen ‒ eine Erregung (1984) zuerst aus Marketinggründen verboten, ehe dann die Fachleute für Staatsräson feststellen, es handle sich um Weltliteratur.

Dieser moralische Felssturz in den Stausee der trivialen Sätze bringt das literarische System jahrelang verlässlich in Wallung.


3.

Viel zu wenig beachtet wird in diesem System der Verdienst der Lehrer. Neben ziemlich leicht zu bewerkstelligenden Stundenbildern, indem sie einfach Dichter einladen oder deren Bücher laut im Unterricht vorlesen lassen, profitiert eine erkleckliche Anzahl von ihnen am Produkt Schulbuch.

Denn mit der Kreisky-Welle werden die Schulbücher nicht nur gratis an die Schüler verteilt, ihre Produzenten stellen Jahr um Jahr frisches Lehrmaterial zusammen, das sie sich im Falle der Lesebücher bestens honorieren lassen. Jahrelang müssen Autoren sogar kostenlos ihre Texte für den Schulgebrauch zur Verfügung stellen, an denen sich durch pädagogische Aufbereitung die Schulbuchautoren ein herzhaftes Zubrot verdienen.

Ziel dieser Aufbereitung ist es, eine staatstragende Moral in die Literatur zu bekommen. Die Stoffe Bergbauernkind, Klosterschule, Arbeiterklasse, Fremdenverkehr, Familienplanung und Vergangenheitsbewältigung werden durch Schulbücher über einen Kamm geschoren und zur Österreichischen Literatur auffrisiert.


4.

Spätestens um die Jahrtausendwende ist dieses System dann am Ende, worin Autorenschaft, Verleger, Juroren und Veranstalter hinter jenen Pflug gespannt sind, den vor allem der ORF mit seinem Monopol durch die Welt der Fiktion pflügt. Als Genre des literarischen Disputs entwickelt sich dafür eine Art Lehrer-Essay, in dem die Elemente des Features, der Festrede und der Matura-Arbeit in einander geknüpft sind.

Bei scheinbar freiem Spiel der Textur müssen freilich drei Parameter eingehalten werden.

Die gedankliche Einheit von 50 Minuten, wie sie der Hörfunksendung, der literarischen Lesung und dem Stundenbild der Oberstufe entspricht, darf nicht unter- oder überschritten werden, was vor allem bei intellektuell dünner Masse zu einem hemmungslosen Ausdehnen der Sätze bis hin zu jenem Stil führt, den wir heute aus der KI kennen.

In jedem Produkt muss mindestens einmal das Wort menschenverachtend verwendet und jemandem umgehängt werden, damit man sich von diesem evozierten Feindbild als Humanist absetzen kann.

In jedem Gedankengang muss für den staatlich verordneten Genderismus das Wortpaar Schülerin / Schüler vorkommen, damit man den Text sofort als pädagogisches Insiderprodukt erkennen kann.

So gilt diese Erklärungs-Literatur zwar als moralisch höchstwertig, vergrämt aber viele Mitwirkende. Die Schüler als zwangsverpflichtete Literaturkonsumenten horchen den Lehrern artig bis widerwillig zu, bis die Matura vorbei ist, um sich dann für immer von der Literatur abzuwenden.

Die Lehrer, die bei ungünstigem eigenen Lebensverlauf vom 6. bis zum 65. Lebensjahr im Schulwesen eingekerkert sind, merken bei Pensionsantritt erstmals, wie traumatisierend diese Österreichische Literatur voller Didaktik und Selbstbeweihräucherung ist.

Manche dieser kaputt gemachten Literatur-Lehrer beginnen in der Pension dann tatsächlich selbst mit dem Schreiben und müssen feststellen, dass sie nichts davon verwenden können, was sie jahrzehntelang doziert haben. Sie haben offensichtlich einen Zeitgeist gepredigt, der weder unterhaltsam noch glaubwürdig ist, aber voller staatstragender Moral.

PS: Der Text spielt viel in der Vergangenheit und ist deshalb den damaligen Verhältnissen angepasst und ungegendert.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

Schreibe einen Kommentar