Helmuth Schönauer
Ist eine Bombendrohung pensionsrelevant?
Stichpunkt

Manchmal lässt sich aus zwei Nonsens-Meldungen eine neue Nachricht zusammenbasteln, etwa wenn am Tag der Pensionsungleichheit eine Schülerin wegen Bombendrohung vor Gericht erscheinen muss.

Am Tag, als die scheinbare Pensions-Ungleichheit zwischen Männern und Frauen medial zelebriert wird, rettet ein unbedarftes 14-jähriges Mädchen die kriminelle Seele der Frau, weil es eine Bombendrohung an der Schule veranlasst hat.

Der Fall ist nicht nur für Gerichtskiebitze interessant, die vor allem eines feststellen: Hier sind alle überfordert!

Die vierzehnjährige Delinquentin bekommt offensichtlich gar nicht mit, dass sie gerade nicht im Netz auftritt, sondern analog vor dem Gericht.

Der Verteidiger weiß nicht, wie er seine Mandantin verteidigen soll, und verlangt vorsichtshalber einen Freispruch, weil die Synapsen der Vierzehnjährigen noch nicht geschlossen sind und sie daher vieles nicht richtig einschätzen kann.

Die Richterin muss ihr Programm quasi als leeres Ritual herunterziehen, um wenigstens der Öffentlichkeit zu zeigen, der Staat lässt sich nicht verarschen.


Es kommt schließlich zu einer Verurteilung, sechs Monate bedingt, wobei das die Mandantin wahrscheinlich sofort in Handyverbotstage umrechnet.

Für alle beeindruckend bleibt freilich die Schlusserkenntnis, dass man aus einem Prozess auch was lernen kann.

Richterin:
Man soll nicht bombendrohen, nur um schulfrei zu bekommen, was werden Sie also in Zukunft tun?
Angeklagte:
Einfach schulschwänzen, ohne Drohung.

Den Gerichtsberichterstattern ist das ganze unheimlich, weil es zeigt, wie Teile der Gesellschaft letztlich an einander vorbei unterwegs sind.

Manche berichten in fast lyrischem Ton vom Prozess. Andere heben das Groteske hervor und vergleichen es mit Figuren von Kafka, die ebenfalls oft mit weiten Augen vor der Leere des Gerichts stehen.

Die professionellen Glossisten schließlich greifen das Tagesthema der Pensionsungleichheit auf und stellen die Frage, ob der Prozess der Bomben-Droherin einen Zugewinn für ihre Pension gebracht hat. Das wird die junge Dame allerdings erst in einem halben Jahrhundert erfahren.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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