Helmuth Schönauer
Blumiger Abgang ‒ die Alpenröstung
Stichpunkt
Die EU forciert die Destillation überflüssigen Weins zu Industriealkohol. Heimische Startups verwenden das dadurch brach liegende Vokabular der Weinkultur für Kaffeeröstungen.
1.
Wenn niemand mehr Wein trinkt, wohin dann mit den vielen süffisanten Geschmacksbeschreibungen?
Die Jugend kann es aber schon wirklich nie den Alten recht machen. Als nun nach Jahrzehnten hemmungslosen Trinkens die Schluckzahlen bei Wein und Bier zurückgehen, tagen europaweit Krisenstäbe, um von einem Niedergang der Trinkkultur zu sprechen. Vor allem das Nachlassen der Jugend beim Saufen wird mancherorts offen bedauert.
Besonders arg ist es um das Kulturgut Wein bestellt, das offensichtlich seit den Römern die EU zusammenhält und insbesondere als religiöses Kult-Getränk sakrosankt ist.
Die Winzer nehmen Anbauflächen zurück, Gastronomen beklagen den Rückgang des gepflegten Beratungsgesprächs am Tisch und die Zunft der Sommeliers hat sich oft schon umschulen lassen und berät inzwischen in Hanfshops das junge Publikum nach allen Regeln der Kunst.
In der Literaturszene führen ehemalige Hobby-Dekantierer mittlerweile oft Selbstgespräche in Form von Gedichten, in denen der dystopische Geschmacksverlust besungen wird.

Begriffe wie Körper, Träne oder Textur lassen sich mittlerweile am ehesten noch in Rezensionen einbauen, in denen man dann von lyrischem Tannin oder dem Moussieren der Verse sprechen kann.
Auch der Ausdruck pelzig ist immer gut, um etwas Literarisches zu beschreiben, ist doch die Brücke hin zur Krankheit auf einer pelzigen Zunge naheliegend. Schmelzig, cremig, seidig, fett – da wird es im literarischen Mund schnell wässrig!
Die Weinkultur findet offensichtlich locker Unterschlupf in anderen Künsten, bei denen es sich vortrefflich schmatzen, prusten und ausspucken lässt.

2.
Eine natürliche Nachfolgekultur des Weins ist der Kult um die Baristerei, wo in henkellosen Tassen geschlürft und geschmatzt wird, dass es den Überresten gestandener Weinkultur die fruchtige Röte ins Gesicht treibt.
Während man auf Weinflaschen außer dem Jahrgang und der Gegend möglichst wenig schreiben musste, damit sich die Hobby-Trinker selbst einen Reim auf das Produkt machen konnten, ist es im Rösterei-Wesen rund um den Kaffee durchaus üblich, entsprechende Genussvokabel auf die Bauchschleife der Röstung zu packen.
Geradezu ein Kunstwerk dieser Art liefert das Tiroler Startup Alpenröstung, auf deren Schleifen eine Geschmacksuhr aufgezeichnet ist, die exquisites Papillen-Design ansteuert.
Als Gedicht im Uhrzeigersinn zu lesen:
Beeren / Steinfrucht / Blume / Nuss / Karamell (unten auf 6 Uhr) / Schokolade / Würze / Bitterkeit / Säure / Zitrus (oben auf 12 Uhr).
Um die blumigen Ausdrücke der versunkenen Weinkultur braucht man sich also keine Sorgen zu machen, sie leben in der Kaffeekultur nahtlos weiter. Auch die Preisbildung bei Wein und Kaffee scheint nach ähnlichen Mustern abzulaufen. Das Wertvollste in beiden Kulturen ist das Wording, Etikette oder Bauchbinde gleichen eher einem Gedicht als einer Information über Inhaltsstoffe.
Immerhin kostet eine Packung im Uhrzeigersinn gerösteter Alpenbohne gleich viel wie eine im Uhrzeigersinn im Weinkeller gelagerte Flasche Wein.
Quelle der Abbildungen: Privatfotos der Bauchbinde einer Packung Alpenröstung
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Ich werde nicht der Einzige sein, der beim Lesen des Begriffs ‚Alpenröstung‘ in Zusammenhang mit Tirol, ohne dies sozusagen zu wollen, gedanklich blitzschnell die beiden Buchstaben ‚rö‘ gegen das Buchstabenpaar ‚fe‘ austauscht(e). Klingt ja überaus ähnlich!
Da kommt man ins Grübeln, ob dies die Schöpfer dieses Startups bedacht haben? Ich vermute boshafterweise, sie taten dies. Ein von der Konkurrenz schier ‚uneinnehmbares‘ Produkt?! Indes: Mit demselben Ergebnis wie die Alpenfestung Tirol 1945? Aber nicht doch…
Der Widerstand gegen Hitler wächst, je länger er tot ist.