Helmuth Schönauer bespricht:
Rudolf Lasselsberger
Sinistra, Valentino, sinistra.
Ein Märchen
Mit Zeichnungen von Erich Sündermann
Was man intellektuell vielleicht für eine politische Botschaft halten könnte, hat in der alltäglichen Anwendung einen trivialen Grund. Sinistra, Valentino, sinistra! ruft der Wirt einem Gast zu, der sich beim Aufsuchen der Toilette erst orientieren muss.
Rudolf Lasselsberger verortet diese Sinistra-Szene in einem Sommer-Märchen auf einer griechischen Insel. Valentino und eine bunte Künstlerschar halten darin unter traumhaften Bedingungen Schreibwerkstätten, Kolloquien und Flanier-Übungen ab. Zentrum des Ganzen ist der Wirt Spiros, der als fleischgewordener Freigeist die Künstler aus allen Ländern inspiriert. Ihm ist auch das hintere Cover gewidmet, das in Blockbuchstaben zu einem Manifest ausgestaltet ist.
Oh Spiro / warum hast du / schon jetzt / Sperrstund gemacht / wir hätten so gern noch / mit dir vor deinem Lokal / am Nacht-blinkenden Meer / diskutiert und gelacht / oder einfach nur / schweigend dasitzend / einen Whisky / auf die Revolution / auf das Leben / was was was / dein Lachen / deine blitzenden Augen / dein Humor /pu isse / bist du nur schnell / einen Artikel schreiben / gegangen oder / Schmankerln holen / zum Auftischen / und dann / rauchen wir eine President / und trinken den Spezialwein / aus Patras / endaxi / und ja, ich weiß / sinistra / yamas, Spiro / machs gut / du fehlst uns / Seaya / at the next party / to the left / Tipota / kai efkaristo / oh Spiro! (Back-Cover)
In diesem Manifest wummert die Kunst als Märchen im Meer dahin, die Sprachen sind ineinander verflochten, die Helden agieren vage, zwischen Sehnsucht und Dirigat ist nur ein Wimpernschlag, ob du ein Keks holst oder einen Artikel schreibst, es sitzt jene Revolution am Tisch, auf die sich noch nach Jahrzehnten anstoßen lässt, aber die Zeit ist ja ausgelöscht.
In knapp dreißig Märchen-Starts erzählt ein zurückgenommener Valentio von seinen Schreibanlässen unter märchenhaften Bedingungen, der Körper ist in Ekstase, das Wetter ist schön, der Sommer gut. Die Figuren springen zwischen Schlendern, Kochen, Sitzen und Dösen durch den Tag und verrichten dabei Bewegungen, die als Schreiben, Töpfern oder Tanzen ausgelegt werden können, ja nachdem, was sie in den Antrag für den Künstleraufenthalt als Zweck hineingeschrieben haben.
Der Held nimmt mehrmals am Tag Anlauf, sich selbst in dieser Märchenwelt zu verorten und mit Sätzen wahrzunehmen. Diese Sätze wiederum beschreiben den Autor, seine Schreibwerkstatt und den Plan, später einmal in Österreich einen Roman über das alles zu schreiben in einem Zustand literarischer Erregung.
Das Meer plätschert zuwer. (10) Wenn die Eindrücke die Intimsphäre berühren, helfen nur mehr Wörter aus der Kindheit oder aus einem intimen Dialekt, wie es das zuwer beschreibt, für das es keine Übersetzungen oder Vertonungen gibt.
Die wie immer grandiose Abendstimmung, ist Teil des Gedichtes, in dem ich mich befinde.(11) Erleben, Notat und literarische Projektion verhalten sich wie Bild, Rahmen und Nagel in der Wand. Während dieser Sommerakademie auf der Insel brechen diverse Künste nach dem gleichen Muster auf. Valentino gibt sich dabei als Dichter im Dienst der Sommerakademie, witzigerweise angeheuert von einer Tirolerin (14).
Als es mitten im Märchen zu einem Erdbeben kommt, fällt es eine Zeitlang nicht auf, weil alle Ereignisse wie ein Erdbeben einsetzen. Die einzige Form, dies zu beschreiben, ist die des literarischen Faustkeils, mit dem die kleinen Prosageschichten in den Sommer gehauen sind.
Da! Gibts das? Ja tatsächlich, ein Delphin frisch und friedlich in der Bucht. / Und unmittelbar danach scheint sich alles aufzulösen. Erde und Himmel wackeln! […] Eindeutig ein Erdbeben! Ich sitze benommen da und schaue in die Welt, die wieder voll da ist. (33)
Von Zeit zu Zeit wird der Müßiggang abgeerntet als Kunst. Wöchentlich werden Präsentationen inszeniert, auf denen einem Fischmarkt ähnlich die einzelnen Künste ausgelegt sind zur Begutachtung und zum Verzehr.
Der Held setzt sich dabei kurz in eine Galerie und beginnt zu tippen für einen Roman später in Österreich. Aber bald verlieren sich die Notizen in einer fernen Zukunft und das Märchen umarmt mit seinen sinnlichen Armen alle, die in der Gegenwart sitzen. Die Truppe sitzt abermals um einen Tisch mit selbstgebastelten Hockern und stellt fest: Einer Fete steht nichts im Wege.
Erich Sündermann hält später die markantesten Ereignisse mit ein paar Vignetten fest.
Für Mini-Zeichnung und Mini-Erzählung gilt: Je kleiner das Kunstwerk, desto epischer trifft es auf die Sinnesorgane der Lesenden und Schauenden. Rudolf Lasselsberger hat mit einer einzigen Ortsangabe den Weg gezeigt zum Sommernachtstraum auf dem Insel-Paradies: Sinistra, Valentino, sinistra.
Rudolf Lasselsberger: Sinistra, Valentino, sinistra. Ein Märchen. Mit Zeichnungen von Erich Sündermann.
Wien: loma/druck.at 2025. 79 Seiten. EUR 17,50. ohne ISBN. Rudolf Lasselsberger, geb. 1956 in Schlatten, lebt in Wien.
Erich Sündermann, geb. 1952 in Ruprechtshofen, lebt in Wien.
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