Helmuth Schönauer bespricht:
Matthias Schönweger
BUCH. EIN BAND. BUCH DER BÜCHER 1
OPUS MEDIUM BUCH. EPILOG

Üblicherweise verdichtet sich kulturelle Materie zu einem Buch und wird nach zeitgenössischem Gebrauch in einem Archiv entsorgt. Matthias Schönweger bemüht sich ein künstlerisches Leben lang um dieses Buch-Machen, Ein-Buchen und Einbuchten von Wissen. Seine Auflagen orientieren sich knapp an der Linie zum Unikat entlang. Zumindest aber sind seine Bücher nummeriert, mit Geheimcodes signiert oder mit individuellen Widmungen personalisiert.

Bibliothekare seufzen beim Auftauchen eines Schönweger-Unikats in der jeweiligen Bücherei, weil sie quasi ihr Handwerk des Inventarisierens und Katalogisierens vergessen müssen, um dem Kunstwerk gerecht zu werden.

Auch im aktuellen Fall BUCH. EIN BAND überwiegt zuerst das Staunen über die Logik des Buchwesens. Der Künstler zeigt nämlich nichts anderes als die Grundtechnik, mit der sich über Jahrhunderte das Kulturgut Buch entwickelt hat.
Das Konvolut ist in einem handelsüblichen Buchkarton verpackt, wie er mittlerweile tagtäglich jenen Haushalten zugestellt wird, die sich übers Internet ein Buch bestellen. Die Massenware wird freilich sofort zum Unikat, indem Titel und Einlage manuell zum Leben erweckt werden durch die sprichwörtliche Buchtaufe. Außen steht, dass es sich um ein Buch handelt, und innen steht, dass das Außen der Ein-Band ist. In dieser Tonart geht es weiter.

Das sogenannte Hauptwerk wird als Opus Medium bezeichnet, der Anhang trägt den Begriff Epilog umgehängt, beides teilweise in einer Klarsichthülle verpackt, wie sie in alten Hofrat-Büros in den Vorzimmern gehandelt werden.

Zudem tauchen gegen Ende der Umhüllung kleine Bücher auf, wie sie in Antiquariaten als Devotionalien angeboten werden.

In meinem Fall handelt es sich um:
Anna Wielander-Platzgummer, Sou geats Jor ummer. Kinderreime im Vinschgau.
Margit von Elzenbaum, Mein Fest.

Diese Bücher können als Beigabe der Solidarität gelesen werden, indem zum Ausdruck kommt, dass ein reifer Schriftsteller sich immer auch um Werke von Zeitgenossen zu kümmern hat.

Das Opus Medium besteht schließlich aus zehn individuellen Eintütungen in Klarsichtfolien, wobei es um Texte, Sprichwörter, Collagen, Ausrisse oder hybride Lesezeichen geht, die rund ums Thema Buch aufgepflanzt sind.
Bücher sind der Stoff, aus dem die Bäume sind heißt es logischerweise im Sinne einer mustergültigen Dekonstruktion.

Der Epilog hingegen tritt als 16-blättriges einfach bedrucktes Papier auf, wie man es in analogen Zeiten als Referatsgrundlage bei allerhand Veranstaltungen zu Gesicht bekommen hat. ‒ Kernaussage vielleicht: Ab damit in die Zeit-Kapsel samt meinen Werken in Buchform.

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass alles von einer Geschenkschleife zusammengehalten wird.  Da man bei dieser Art Kunstwerk nie wissen kann, wo es anfängt oder aufhört, sollte man zur Vorsicht die These ausbreiten, wonach auch die unmittelbare Tragtasche eine Ur-Umhüllung sein kann. Im konkreten Fall ist es eine rote Stofftasche mit einem Spruch zum equal pay day.

Und genau genommen gehört auch die zuliefernde Person zum Spielfeld der Kultur. Das kann während einer Vernissage der Autor selbst sein, im Falle eines Nordtiroler Publikums ist es Peter Giacomuzzi als befreundeter Autor, der die Kulturware in den Norden gebracht hat. Peter Giacomuzzi ist insofern ein idealer Übermittler, weil er das Werk von Matthias Schönweger betreut und kommentiert, was gerade in der Leserschaft Nordtirols unerlässlich ist.

Matthias Schönweger dekonstruiert das Wesen Buch in kultischen Vorgängen. An anderer Stelle hat er antiquarische Bücher in einem Container verschweißt und versiegelt wie radioaktive Ware in einem Castor-Behälter.

Der Vorgang der Dokumentation als Alltagsware in einem Massenkarton erinnert an die schöne Bibliothekskultur der Beatniks, wo es auf das ideale Entsorgen von Lieblingsbüchern drauf ankommt. Bei Richard Brautigan etwa wird die Überlebensbibliothek in einer Höhle angelegt, in der die Menschen kurz vor einem Atomkrieg wenigstens ihre Bücher in Sicherheit bringen, wenn sie sich schon selbst nicht schützen können.

Matthias Schönweger: BUCH. EIN BAND. BUCH DER BÜCHER 1. OPUS MEDIUM BUCH. EPILOG. [Meran]: msch Eigenverlag. 2025. ohne Seitenzahl. Typoskripte. Bilder. Matthias Schönweger, geb. 1949 in Tscherms, lebt in Meran.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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